Neu-Ulm feiert und wächst aus dem Schatten der Münsterstadt heraus

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Das Wahrzeichen Neu-Ulms: der Wasserturm.
Das Wahrzeichen Neu-Ulms: der Wasserturm. (Foto: imago)
Deutsche Presse-Agentur
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Neu-Ulm feiert: Vor 150 Jahren erhob König Ludwig II. Neu-Ulm „in allergnädigstem Wohlwollen“ in die Reihe der Städte des Königreichs Bayern. Gefeiert wird unter dem Motto „Wir Leben Neu“ über Monate hinweg. Die deutlich ältere, württembergische Schwesterstadt Ulm, im Jahr 854 erstmals urkundlich erwähnt, feiert gerne mit: schmunzelnd, anerkennend.

Ortsfremde halten Neu-Ulm und Ulm, zwei Städte in zwei Bundesländern, leicht für eine einzige Stadt, gerieten da nicht immer mal Hinweise auf Unterschiede in den Blick. Die Ortsschilder etwa: „Hochschulstadt Neu-Ulm“ hier, „Universitätsstadt Ulm“ dort. Die beiden Städte arbeiten im Alltag zwar sehr eng zusammen, konkurrieren aber im Kampf um Attraktivität und Arbeitsplätze.

Knapp 63.000 Einwohner

Neu-Ulm mit knapp 63 000 Einwohnern ist längst aus dem Schatten der doppelt so großen Münsterstadt herausgewachsen. Drei Beispiele: Zu nennen ist zuerst die betriebswirtschaftlich ausgerichtete Hochschule Neu-Ulm (HNU), die der Stadt durch 3800 Studenten junge und wissenschaftliche Impulse gibt. HNU-Präsidentin Uta Feser kündigte jetzt an, im Wintersemester 2019/20 den neuen Studiengang Wirtschaftspsychologie zu starten. Wenige Schritte weiter erhebt sich die ratiopharm-Arena, ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Städte.

Hier kämpfen die Ulmer Basketballer, hier treten Weltstars wie André Rieu auf. Und wiederum wenige Kilometer weiter arbeiten Ingenieure und Fachkräfte der Daimler-Tochter Evobus am Bus der Zukunft: autonom fahrend, sehr komfortabel, vielleicht auch elektrisch. Etwa 3650 Beschäftigte zählt die Manufaktur, in der jährlich 2000 bis 3000 Reisebusse gebaut werden. Tendenz: steigend.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Ulm am 22. Juli 854. Das Schriftstück über die Schlichtung eines Streits zwischen dem Kloster St. Gallen und dem Bistum Konstanz unterzeichnete König Ludwig der Deutsche samt Ortsangabe „Hulmam palatio regio“ – in der königlichen Pfalz zu Ulm. Ulm war Königspfalz und Freie Reichsstadt und gehörte später ein paar Jahre zu Bayern, ehe es 1810 endgültig württembergisch wurde. Damals weideten auf der heutigen Neu-Ulmer Seite der Donau noch Kühe und Schafe. Das hätte sich auch nicht so schnell geändert, hätte es nicht Napoleon sowie die „Kapitulation von Ulm“ gegeben. Neu-Ulm wäre möglicherweise nie entstanden oder heute Vorort von Ulm. Hoch zu Ross, so schildern es die Historiker, habe Napoleon 1805 zugesehen, wie 23 000 besiegte österreichische Soldaten „gesenkten Hauptes an ihm vorbeizogen und ihre Gewehre auf einen Haufen warfen“. Die verbündeten süddeutschen Fürsten belohnte der Franzosenkaiser für den Einsatz ihrer Soldaten mit Königskronen; sie wurden zu König Maximilian I. Joseph von Bayern und König Friedrich I. von Württemberg. Letzterer bekam Ulm zugesprochen, die gegenüberliegende Seite gab Napoleon dem Bayern.

Vorgesehen war der Name "Max-Joseph-Stadt"

Damals hatten die Ulmer dort ihre Gärten und Ausflugsstätten, von einer Neu-Stadt war noch nichts zu sehen. Plötzlich mussten sie Brückenzoll zahlen, wenn sie ihr Gemüse nach Hause bringen wollten. „Neu-Ulm“ hätte das Gebilde am anderen Ufer wohl nicht geheißen, wäre der Bayern-König der Bitte seines Generalkommissärs Karl Ernst von Gravenreuth gefolgt, dort eine „Max-Joseph-Stadt“ errichten zu dürfen.

Am 7. April 1811 erteilte der König die Erlaubnis zur Gründung einer Gemeinde, die Neu-Ulm heißen sollte. An dieses Datum wird mit dem Auftakt der Feiern erinnert. Am 29. September 1869 erhob König Ludwig II. Neu-Ulm in die Reihe der Städte des Königreichs Bayern.

Wasservögel lieber auf der bayerischen Seite?

Beim Bier aus Brauereien beiderseits der Donau erzählt man Besuchern gern von den Kuriositäten, die das Leben in der Doppelstadt zu bieten hat. Zum Beispiel, dass Enten, Gänse, Schwäne und Möwen sich angeblich lieber am bayerischen Donauufer aufhalten als am württembergischen. Baden-Württemberg hat ein EU-Verbot der Fütterung von Wasservögeln – erlassen aus Furcht vor der Ausbreitung von Bakterien – in seine Polizeiverordnung übernommen. Neu-Ulm hat das hingegen nicht in einer Verordnung geregelt.

Im Jubiläumsjahr wollen die Neu-Ulmer den Kreis Neu-Ulm verlassen: In Anlehnung an den Brexit und das Neu-Ulmer Autokennzeichen „NU“ wird der Schritt als „Nuxit“ bezeichnet. Es wäre der erste Kreisaustritt einer bayerischen Stadt seit der kommunalen Gebietsreform vor fast einem halben Jahrhundert.

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