Nazi-Schmierereien im Münster sorgen für Empörung

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Karl-Heinz Adrion, Schreiner bei der Münsterbauhütte, entfernte am Montag Hakenkreuz-Schmierereien und AfD-Parolen auf Bänken un
Karl-Heinz Adrion, Schreiner bei der Münsterbauhütte, entfernte am Montag Hakenkreuz-Schmierereien und AfD-Parolen auf Bänken und Türen des Ulmer Münsters. (Foto: Horst Hörger)
Sebastian Mayr und unseren Agenturen

Wer die Täter gesehen hat, sie kennt oder sonstige Hinweise geben kann, wird gebeten, sich unter Telefon 0731/1880 bei der Ulmer Polizei zu melden.

Im Münster riecht es nach Lösungsmittel. Am Reformationsportal auf der Nordseite des Gotteshauses steht Karl-Heinz Adrion. Mit einer Messingbürste und dem Mittel schrubbt er an diesem Montagnachmittag die Parolen vom Holz, die ein Unbekannter in der vergangenen Woche dorthin gemalt hat: „AfD 13 % Die Chance“ und „Merkel, Söder usw. muß weg!“. Die Hakenkreuze ließen sich leichter entfernen, berichtet Adrion, der Schreiner bei der Münsterbauhütte ist. Denn die Bänke, die die Täter mit den verbotenen Symbolen beschmiert haben, sind lackiert. Die schwarze Farbe des Edding-Stifts ist dort nicht so tief eingedrungen wie am Portal. Von den Parolen könnten Spuren bleiben – zumindest helle Flecken auf dem Holz. Adrion kann sich nicht daran erinnern, dass überhaupt schon einmal jemand Schriftzüge und Symbole im Münster hinterlassen hat.

Die Spurensicherung hatte zuvor die Schmierereien dokumentiert. Der Dekan des Münsters, Ernst-Wilhelm Gohl, hatte am Wochenende Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Es ist der dritte Angriff auf ein Gotteshaus in Ulm innerhalb eines Jahres. Im vergangenen Herbst hatte ein Unbekannter drei Mal innerhalb weniger Tage die Fassade der Synagoge am Weinhof beschädigt. Im März wurde ein Brandanschlag auf die Moschee am Ehinger Tor verübt. In der vergangenen Woche waren Bänke und eine Tür im Ulmer Münster beschmiert worden.

OB Czisch: „Widerwärtig“

Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) verurteilte die auf Bänke und an eine Tür des Gotteshauses geschriebenen und teils gekratzten Symbole und Parolen. Neben einem der insgesamt drei Hakenkreuze waren die Worte „statt Kreuz“ gekritzelt; in einer der Parolen wurde direkt Bezug auf die AfD genommen. „Die Hakenkreuz-Schmierereien in unserem Münster sind widerwärtig“, sagte Czisch. „Dass die Täter verbotene nationalsozialistische Symbole nutzen und sich auf die AfD beziehen, zeigt deutlich, wes Geistes Kind sie sind.“ Hass und Angst seien Instrumente von Brandstiftern, die „Feuer an die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Grundwerte unseres Zusammenlebens legen“.

Für Ulms Kulturbürgermeisterin Iris Mann ist das Münster nicht nur ein Gotteshaus, sondern ein Symbol für die gesamte Stadtgesellschaft. „Es ist das Zentrum der Stadt, das sagen auch die Kollegen der Moscheegemeinden“, sagte sie. Deshalb seien die Schmierereien ein Affront gegen ganz Ulm: „Das ist schwer zu ertragen.“

Münster-Dekan Gohl sagte: „Ich sehe einen Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Chemnitz.“ Gezielt werde Hass geschürt. „Man testet immer mehr die Grenzen aus, um zu sehen, wie weit man damit gehen kann, eine solche Gesinnung, die es bei einer Minderheit schon immer gab, zu verbreiten.“ Er werfe der AfD zwar nicht vor, die Schmierereien selbst angebracht zu haben. „Aber ich beschuldige die AfD, dass sie wesentlich dazu beiträgt, dass das Klima so ist.“ Ähnlich hatte Gohl sich zuvor auf Facebook geäußert.

AfD weist Vorwürfe zurück

Die AfD wies die Vorwürfe zurück. „Wir prüfen rechtliche Schritte gegen den Dekan“, sagte Eugen Ciresa, Sprecher des AfD-Kreisverbandes Ulm/Alb-Donau. „Wenn er Mitglieder der AfD als Rassisten bezeichnet und die AfD in Zusammenhang mit Hakenkreuz-Schmierereien bringt, ist das aus unserer Sicht unterirdisch, das geht überhaupt nicht.“

Dekan: „Menschenverachtung“

Auffallend sei, erklärte Dekan Gohl, dass die drei schwarzen Hakenkreuze auf einer Reihe von Bänken im nördlichen Seitenschiff gezeichnet wurden, die in einer Linie zum berühmten Israel-Fenster des Münsters führe. „Der Davidstern auf der Linie vom Hakenkreuz – das erinnert doch daran, für welchen Ungeist dieses Nazi-Symbol steht, an die Menschenverachtung, die damit verbunden ist.“

Die Ulmer Kriminalpolizei hat Ermittlungen aufgenommen, wie Sprecher Wolfgang Jürgens mitteilt. Die Spuren seien gesichert und würden nun ausgewertet. Man suche nach Zeugen und spreche sich auch mit der bayerischen Polizei ab.

Jürgens berichtet von weiteren Vorfällen: Am Donnerstag beschmierten Unbekannte ein Plakat in der Ulmer Bahnhofstraße mit Hakenkreuzen. Auch die Besitzer eines Hauses am Münsterplatz meldeten, dass in ihrem Treppenhaus wohl am gleichen Tag ein solches Symbol an die Wand gemalt wurde. Auch die Neu-Ulmer Polizei hatte zuletzt über rechte Symbole berichtet, die Unbekannte hinterlassen haben.

Wer die Täter gesehen hat, sie kennt oder sonstige Hinweise geben kann, wird gebeten, sich unter Telefon 0731/1880 bei der Ulmer Polizei zu melden.

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