Nahverkehrsbund DING plant deutschlandweite Ticket-App

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 Die Ding-Card war mal modern und ist inzwischen veraltet und deswegen vor zwei Jahren vom Markt genommen worden. Auch ihr Nachf
Die Ding-Card war mal modern und ist inzwischen veraltet und deswegen vor zwei Jahren vom Markt genommen worden. Auch ihr Nachfolger, das Handyticket über die Ding-App, kann nicht alles, was Kunden wünschen. (Foto: Alexander Kaya)
Sebastian Mayr

Das Handyticket ist ein Erfolgsmodell. Mehr als 400.000 dieser Fahrscheine werden jährlich über die App des Nahverkehrsverbunds Ding gekauft. Und doch kann die Anwendung nicht alles, was sich Kunden wünschen.

Deswegen setzt der Verbund auf eine Kooperation mit acht anderen Verkehrsnetzen in Deutschland, auch die Deutsche Band ist an Bord. Das Ziel: Fahrgäste sollen in einer App Auskünfte bekommen und Fahrscheine kaufen können. Das Angebot mit dem Namen Mobility Inside ist das konkreteste Vorhaben von Ding – aber nur eines von vielen, mit denen der Verbund sein Netz bequemer, besser und digitaler machen will.

Mobility Inside soll zukünftig auf den bestehenden Plattformen wie Ding-App und DB-Navigator laufen. Wer bislang vom Ulmer Eselsberg zur Messe nach Frankfurt am Main wollte, brauchte drei Tickets. Eins für den Bus zum Hauptbahnhof, eins für die ICE-Strecke und eins für die U-Bahn in Frankfurt.

Jetzt geht zwar nicht alles auf einmal, aber alles in einer App – zumindest für die rund 1800 Testnutzer von Mobility Inside, von denen rund 100 aus dem Ding-Gebiet kommen. Bis März läuft die Pilotphase. Wie es danach weitergeht, steht noch nicht fest. Denkbar ist laut Ding-Geschäftsführer Thomas Mügge, dass die Testversion erst einmal nutzbar bleibt – oder dass sie abgeschaltet wird, bis die endgültige App programmiert ist.

Heiner Scheffold, Landrat des Alb-Donau-Kreises und Ding-Aufsichtsratsvorsitzender, spricht von einem riesigen Fortschritt. „Ein regionaler Ansatz ist zu klein. Wir müssen solche Dinge bundesweit denken“, sagt er – und gibt sich zuversichtlich. „Das läuft in der Testversion“, berichtet er. Andere Versuche habe man in früheren Phasen eingestampft, weil sie nicht funktionierten. Alle Probleme bekommt auch die neue Anwendung nicht in den Griff, die federführend von der Bahn, der Münchner Verkehrsgesellschaft und dem Frankfurter Rhein-Main-Verkehrsverbund geplant wird.

Ein Beispiel: Viele Nahverkehrstickets sind nur für eine bestimmte Zeit ab dem Kaufzeitpunkt gültig. Deswegen lässt sich die U-Bahn-Karte bei der Fahrt vom Eselsberg zur Frankfurter Messe nicht vorab kaufen – der Fahrschein wäre abgelaufen, wenn der Passagier am Frankfurter Hauptbahnhof aussteigt.

Die Lösung: Die App Mobility Inside schickt eine Erinnerung, sobald die U-Bahn-Fahrt ansteht. Ein anderes Problem: Zwar zeigt die App auch Leihrad- und E-Scooter-Angebote an und nennt auch den voraussichtlichen Fahrpreis. Wer diese Möglichkeiten nutzen will, muss aber in die jeweilige Anbieter-App wechseln. Trotz allem kann Mobility Inside etwas, was noch keine vorherige Anwendung zu leisten vermochte: Alle Fahrtmöglichkeiten werden angezeigt, ähnlich wie es bei Autostrecken bei Internet-Kartendienstleistern wie Google Maps der Fall ist. „Wir wollen mehr Bürgerinnen und Bürgern zeigen, dass sie ihr Auto stehen lassen können“, sagt Scheffold. Er ist überzeugt, dass Qualität für die Fahrgäste wichtiger ist als der Tarif.

Wer sich überhaupt nicht für die unterschiedlichen Preise interessiert, könnte von einem anderen Ansatz profitieren, den Ding umsetzen will. Gemeinsam mit den anderen Verkehrsverbünden in Baden-Württemberg arbeiten die Ulmer an einem System, bei dem Fahrgäste ganz ohne Fahrschein auskommen. Dann werden Zustieg und Ausstieg elektronisch vermerkt – und am Ende des Monats kommt eine Abrechnung, ähnlich wie bei Strom oder Telefon. Abgerechnet werden könnte zum Beispiel je Kilometer. Eingeführt werden sollen auch Chipkarten für Jahresabonnenten und Schüler. Die können einfacher geprüft werden: mit einem Kartenleser statt durch den Bus- oder Straßenbahnfahrer. Ab 2022 soll es diese E-Tickets geben.

Das selbe Jahr peilt Ding für die flächendeckende Echtzeit-Anzeige an. Im Stadtgebiet funktioniert das bereits: Die Ding-App und elektronische Anzeigetafeln informieren die Kunden, wann genau ihr Bus oder ihre Tram ankommen. Doch die Busse mancher Verkehrsunternehmen haben veraltete Bordcomputer; sie können diese Informationen nicht liefern. Ding sei in ersten Gesprächen mit diesen Unternehmen, sagt Geschäftsführer Thomas Mügge.

Auf bayerischer Seite müssten die Firmen Oster aus Weißenhorn, Weidachstein aus Neu-Ulm und Braunmiller aus Illertissen nachrüsten, damit Ding den Plan umsetzen kann. Die Angaben sollen auch in den ländlichen Gebieten nicht nur übers Handy abrufbar sein. Ding will überall mit Infotafeln aufrüsten. Das kostet Geld – das baden-württembergische Verkehrsministerium hat bereits 1,85 Millionen Fördergeld für die nächsten drei Jahre zugesagt, beim Bund hat Ding Ende Oktober einen Förderantrag eingereicht und mit dem bayerischen Verkehrsministerium hat es Thomas Mügge zufolge erste Verhandlungen gegeben.

Zwei konkrete Neuigkeiten gibt es auch noch: Ab 2020 ist der Ding-Tarif in den DB-Navigator integriert – die Fahrscheine für Bus und Tram können also auch dort gekauft werden. Und Ding hat schon jetzt die gespeicherten Fahrplandaten auf der Internetseite des Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg frei zugänglich gemacht. Entwickler sollen sie nutzen können, um andere Angebote zu entwerfen oder um damit zu forschen.

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