Musival „Evita“ steigt auf der Wilhelmsburg: „Toll, wie wir das hier wuppen“

Lesedauer: 9 Min
Wolf Widder auf der Bühne mit einer einladenden Geste
Diesen Sommer ist er der Herr in der Burg: Wolf Widder inszeniert für das Theater Ulm Andrew Lloyd Webber Musical „Evita“. (Foto: Jochen Klenk)
Schwäbische Zeitung

Der 65-jährige Wolf Widder inszeniert auf der Wilhelmsburg Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“. Am Freitag feierte die Produktion ihre Premiere. Von Ensemble und Team in Ulm ist er sehr angetan. Die Proben standen allerdings nicht immer unter einem guten Stern, wie Widder im Gespräch mit Marcus Golling berichtet.

Herr Widder, Sie haben in Ihrer Karriere schon viele Opern, Operetten und Musicals inszeniert. Was ist das Interessante an „Evita“?

Wolf Widder: Das Interessante ist dieses Aufeinanderprallen der beiden Menschen Evita und Che. Das sind zwei sehr charismatische Figuren, in der Realität, aber auch in der Art, wie die Autoren sie sehen. Diese Mischung aus intimen Szenen und sehr großen szenischen Würfen, mit viel Volk, zu realisieren, das ist schon sehr spannend.

In Lateinamerika ist Evita Perón ein Mythos, hierzulande ist sie den meisten in erster Linie als Hauptfigur des Musicals bekannt. Macht es das für den Regisseur sogar leichter?

Nun ja. Regie heißt erst einmal Recherche. Ich setze mich immer intensiv mit den Quellen auseinander, egal, ob ich Verdi oder Lloyd Webber inszeniere. Das macht mir Spaß. Ich habe mich sehr in den Peronismus und seine Entstehungsgeschichte hineingebaggert. Ob man das alles in der Inszenierung wiederfindet, sei dahingestellt.

Evita gilt zwar vielen als leuchtendes Vorbild, eine unproblematische Figur ist sie aber nicht. Die Partei ihres Mannes Juan Perón steht den Faschismus nahe, in ihrer Zeit konnten sich NS-Verbrecher unbehelligt in Argentinien verstecken. Lässt sich diese Tatsache einfach so ausblenden?

Das Thema der beiden Emigrationswellen nach Argentinien (zuerst von Verfolgten des Nationalsozialismus, dann von Tätern, d. Red.) kommt in „Evita“ nicht vor. Wenn ich das zeigen wollte, müsste ich ein anderes Stück schreiben, auch, wenn das, was da passiert ist, ein völliger Wahnsinn war. Wir wissen heute auch, dass Argentinien eine große Nazigeld-Waschanlage war. In „Evita“ kommt das aber nicht vor, das Stück ist heruntergebrochen auf die drei Figuren Evita, Che (als Stimme des einfachen Volks, d. Red.) und Juan Perón. Aber, und das ist spannend, die Musik wird immer dann hässlich und aggressiv, wenn politische Reden gehalten werden. Da kommen Trommelwirbel hinein, die Harmonien sind nicht mehr so schön, die Sprechchöre bekommen etwas Bedrohliches.

Das ist mehr, als man dem Blockbuster-Komponisten Andrew Lloyd Webber gemeinhin zutraut.

Vielleicht hören die Leute darüber gerne hinweg. In meiner Inszenierung habe ich das versucht, zu visualisieren.

Geht ein Mann der Oper anders mit einem solchen Stoff um als ein reiner Musical-Spezialist?

Ach, ich kenne wenig dumme Kollegen! (lacht) Ich glaube schon, dass es den Standard gibt, nicht nur Ästhetik zu inszenieren. Ich mag diese Unterscheidung ohnehin nicht. Bei einem Stück, egal, ob Oper, Operette oder Musical, finde ich etwas, das sich zu inszenieren lohnt. Und da fange ich dann an weiterzubohren.

Man tut manchen Musicals inhaltlich oft unrecht. „West Side Story“ oder „Cabaret“ haben mehr zu sagen als viele Opern.

Mein Lieblingsbeispiel ist immer Verdis „Rigoletto“. Das ist eine Kolportagegeschichte, dass es der Sau graust, trotzdem ist es eine der großen klassischen Opern des Repertoires.

Was ist Ihre Grundidee für die Inszenierung auf der Wilhelmsburg?

Mir geht es nicht um eine Ideologie oder so etwas. Im amerikanischen Showbusiness sagt man: „If you got a message, send a telegram.“ Wichtig ist für mich der Zusammenhang Open Air. Man könnte sich „Evita“ auch auf einer kleinen Bühne als Kammerspiel vorstellen, weil es um die Auseinandersetzung einzelner Personen geht. Aber auf der Wilhelmsburg habe ich einen riesengroßen Raum – und ich muss eine ganze Welt, eine ganze Gesellschaft darauf zeigen.

Sie arbeiten auf der Wilhelmsburg mit einem bunten Ensemble, ausgebildete Musicalsänger, Mitglieder des Ulmer Opernensembles, Balletttänzer, Amateursänger, sogar ein Kinderchor. Wie behält man so einen Haufen im Griff?

Insgesamt stehen 150 Leute in Kostüm und Maske auf der Bühne. Das ist eine irrsinnige logistische Anstrengung für das Haus, aber das ist unglaublich gut organisiert. Chapeau! Als Regisseur muss man da Energie reinstecken, man muss den Leuten seine Geschichte so erzählen, dass sie damit arbeiten können. Das ist anstrengend, aber auch ungeheuer befriedigend, wenn man sieht, mit wie viel Enthusiasmus die Menschen dabei sind.

Was muss man als Regisseur gelernt haben, um mit einem so großen Ensemble kommunizieren zu können?

Man muss alle gleich ernst nehmen. Und man sollte dabei nicht vergessen, dass viele das freiwillig machen, in ihrer Freizeit.

Spannend ist die Besetzung der Hauptrolle: Mit Musicaldarstellerin Julia Steingaß, die die Evita schon öfter gesungen hat und Sopran Maria Rosendorfsky aus dem Ulmer Opernensemble teilen sich zwei sehr unterschiedliche Künstlerinnen die Termine. Was kann die eine, was die andere nicht kann?

Singen, spielen und tanzen können sie beide, aber sie sind sehr unterschiedliche Frauentypen. Aber für mich ist das ein Riesenspaß. Jede hat einen sehr persönlichen Zugang zu der Rolle – und jeweils eine andere Evita.

Wie würden Sie den Unterschied beschreiben?

Das ist eine gemeine Frage! Julia hat ein kleines bisschen mehr Svarovski in den Augen, bei Maria kommen die weicheren Aspekte in den Vordergrund. Als Regisseur muss ich bei beiden die Ambivalenz der Figur anmahnen – aber jeweils von der anderen Seite.

Was ist Ihr Eindruck von dem Ensemble, mit dem Sie arbeiten?

Ich bin sehr nett aufgenommen worden, vom Ensemble, von den Chören und auch vom Team. Die Leute in Ulm sind sehr ambitioniert, da habe ich an Stadttheatern leider schon Anderes erlebt. Ich finde es wirklich toll, wie wir das hier wuppen.

Wie gut hat das anfangs geklappt? Was das Wetter angeht, stand die Probenzeit ja nicht unbedingt unter einem guten Stern.

Wir haben das Stück zuerst in der Probebühne entwickelt. Aber wir sind seit zweieinhalb Wochen oben auf der Burg, und wir haben dort alles erlebt, inklusive Wolkenbruchpause bei der ersten Hauptprobe. Und wir haben es überlebt! Es ist schon sehr lustig, wenn man in Winterklamotten Samba tanzt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen