Mord: Höchststrafe für Jugendlichen

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Ein 15-jähriger ersticht einen 64-jährigen und zündet danach die Wohnung an. Das Landgericht Ulm hat nun ein Urteil gefällt.
Sebastian Mayr

Der Jugendliche, der im Mai 2017 einen 64-jährigen Mann in der Ulmer Schillerstraße ermordet hat, ist zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt worden – das ist die höchstmögliche Jugendstrafe.

Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich Hass auf Schwule als Motiv angesehen. Denn das Opfer hatte den Jugendlichen vor der Tat zu Sex eingeladen. Doch im Prozess am Ulmer Landgericht ergab sich offenbar ein anderes Bild. Von der Verhandlung war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Bei einem Pressegespräch nach dem Urteil gaben der Vorsitzende Richter Wolfgang Tresenreiter, Verteidiger Martin Henrich und Staatsanwältin Claudia Nemetz einen Einblick in die Verhandlung.

Demnach blieben die Motive und die Persönlichkeit des Täters vage. Der Jugendliche leidet an einer körperlichen Erkrankung, die seine Fähigkeit zu kommunizieren stark einschränkt. Näher wollte Tresenreiter nicht auf das Leiden eingehen. Die Kommunikationsprobleme spielten auch beim Mord in der Schillerstraße eine Rolle. Auch im Sozialverhalten hat der Jugendliche massive Probleme, das hat ein Gutachter bescheinigt.

Verhalten falsch gedeutet

Opfer und Täter lernten sich zufällig in Ulm kennen. „Da treffen sich zwei, sprechen und dann gibt es einen guten Grund, in die Wohnung zu gehen“, beschreibt Tresenreiter. Es war ein harmloser Grund: Der Ältere bot dem Jüngeren wohl etwas zu trinken an. Doch das Verhalten des damals 15-Jährigen deutete der 64-Jährige falsch. Er lud den Jugendlichen zu Sex ein. Das Angebot wühlte den Jugendlichen massiv auf, er geriet in Zorn. Von einer tief greifenden Abneigung gegenüber Schwulen geht Tresenreiter nicht aus. Das Motiv hänge mit der Persönlichkeit des Angeklagten zusammen. Die Bedingungen, unter denen der Jugendliche aufgewachsen ist, seien ungünstig gewesen. Der Gutachter habe eine schwere Störung des Sozialverhaltens erkannt. Der Jugendliche tue sich schwer, Gebote und Verbote einzuhalten.

Der Richter schildert, was weiter in der Wohnung geschah: Der 15-Jährige ergriff ein Küchenmesser, folgte dem Älteren ins Schlafzimmer und stach viele Male auf ihn ein. Weil das Messer abbrach, holte der 15-jährige ein zweites und ein drittes Messer. Anschließend nahm er Geld und Wertsachen und legte an mehreren Stellen in der Wohnung Feuer. Auch legt das Gericht dem Täter zur Last: dass er den Tod der übrigen 16 Bewohner des Hauses in Kauf genommen hat.

Frühes Geständnis

Schon zwei Tage vor der Tat in der Schillerstraße hatte der 15-Jährige versucht, ein Feuer zu legen. Dabei hatte er im Vorfeld einen Mann bestohlen. Dieser erkannte ihn später bei einer zufälligen Begegnung wieder und rief die Polizei. Diese Situation war dem Jugendlichen so peinlich, dass er sich rächen wollte. Er nahm Handzettel mit Bahnfahrplänen und Papiertaschentücher. Im Eingang zum Wohnhaus des Mannes übergoss er diese mit einer Flüssigkeit, die er für brandbeschleunigend hielt. Doch in der Flasche befand sich Sanitärreiniger, der Versuch scheiterte.

Der Jugendliche gestand seine Taten schon früh im Prozess. Reflektiert habe er sie noch nicht, sagt Richter Tresenreiter. Deswegen habe das Geständnis vor allem beim Hergang geholfen, weniger bei der Suche nach den Motiven. Wenn der 16-Jährige in Haft muss, erwartet Tresenreiter „eine große Aufgabe für den Vollzug“. Denn der Jugendliche brauche Einzelbetreuung, die seine Fehlentwicklung korrigieren kann. Verteidiger Henrich sagte, der Gutachter habe im Prozess eine „durchaus gute Prognose mittel- bis langfristig gegeben“. Auch er persönlich sei zuversichtlich. Aber: „Einfach wird es nicht.“ Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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