Mitarbeiter aus 18 Nationen: So geht Multikulti am Zahnarztstuhl

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Multikulturelle Behandlung: Der ukrainische Zahnarzt Serge Limani, der deutsche Zahnarzt Dr. Michael Weiß, die aus Portugal stam
Multikulturelle Behandlung: Der ukrainische Zahnarzt Serge Limani, der deutsche Zahnarzt Dr. Michael Weiß, die aus Portugal stammende Assistentin für zahnmedizinische Prophylaxe Silva Diana da Freire, die auf Kuba geborene zahnmedizinische Fachangestellte Darisbel Schwab und die gebürtige Kroatin Helena Babic (von links) arbeiten in der Zahnklinik Opus DC zusammen. (Foto: Ludger Möllers)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Schon im Treppenhaus der Zahnklinik Opus DC in der Ulmer Innenstadt ist zu ahnen: Hier wird Multikulti gelebt. Denn dort sind die Porträts der Zahnärzte, der zahnmedizinischen Fachkräfte und der Verwaltungsangestellten zu sehen, die bei Opus DC arbeiten. Der Patient erfährt, dass Helena Babic, Jetnor Hakani oder Darisbel Schwab dort tätig sind: Insgesamt 150 Mitarbeiter zählt Opus DC, sie stammen aus 18 Nationen – von A wie Albanien bis U wie Ungarn.

„Wir sind eine Multi-Nationen-Praxis“, sagt Gründer Dr. Michael Weiß, „die Patienten und wir alle profitieren davon, dass wir international aufgestellt sind.“ Viel Arbeit stecke hinter dem Modell: „Vor allem sind Professionalität, Teamgeist und die gemeinsame Sprache die Rezepte für den Erfolg.“

Sprachhürden nehmen

Da ist zum Beispiel Silva Diana da Freire, sie ist gebürtige Portugiesin: „Die deutsche Sprache bedeutete für mich eine Hürde, die ich aber genommen habe“, erinnert sich die 23-jährige Assistentin für zahnmedizinische Prophylaxe.

Lernen musste auch Serge Limani: Der aus der Ukraine stammende Zahnarzt erfuhr über Bekannte, dass sich bei Opus DC berufliche Chancen eröffnen könnten: „Aber ich musste Deutschkurse belegen, Praktika absolvieren, 18 Monate auf ein Arbeitsvisum warten“, erinnert sich Limani.

Eine Studie der Unternehmensberatung Prognos aus dem Jahr 2016 beschreibt das Spannungsfeld so: „Ausländische Fachkräfte benötigen zu Beginn ihrer Anstellung meist eine vergleichsweise intensive Einarbeitung und Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte. Die eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten wirken sich zu Beginn der beruflichen Tätigkeit in Deutschland zudem häufig negativ auf die Wahrnehmung der beruflichen Fähigkeiten und die Akzeptanz durch Kollegen, aber auch Patienten aus.“

„Ganz klare Spielregeln“

Diese Erfahrung haben auch Michael Weiß und seine Frau Dr. Margit Weiß gemacht und reagiert: „Wir haben ganz klare Spielregeln“, sagt Dr. Margit Weiß, „bei uns wird nach Standards gearbeitet, die wir aufstellen, kommunizieren, erklären, in der Praxis anwenden, nachhalten und, falls nötig, nachjustieren.“

In Besprechungen werden die Arbeitsabläufe festgelegt, Handbücher halten die einzelnen Arbeitsschritte fest: „Vor dem allerersten Kontakt mit Patienten steht die Einweisung in unser Qualitätsmanagement.“ Und Michael Weiß ergänzt: „Ohne Qualitätsmanagement gäbe es keine Zertifizierung für unser Haus.“

Der ukrainische Zahnarzt Serge Limani schätzt die Sicherheit, die sich aus den einheitlichen Standards und Abläufen ergibt, und nennt ein Beispiel: „Ich musste mich natürlich an die hier gebräuchlichen Materialien gewöhnen, wurde aber intensiv geschult.“ Einmal im Monat treffen sich die Zahnärzte und besprechen aktuelle Fälle: „Da nehmen wir uns einen ganzen Abend lang Zeit“, sagt Michael Weiß. Alle 14 Tage finden Fortbildungsveranstaltungen statt.

Arbeitsmarkt ist leer gefegt

Die Personalreferenten Hans-Jochim Weiß und Eileen Birk haben vielleicht den schwierigsten Job bei Opus DC: Sie müssen geeignetes Personal suchen und finden. Dabei steht die Ulmer Praxis in harter Konkurrenz: Denn der Markt für zahnmedizinisches Fachpersonal ist so gut wie leergefegt. Also sucht das Team Weiß/Birk im Ausland. Dort zieht es hoch qualifizierte Arbeitskräfte in die Ferne.

So manche polnische zahnmedizinische Fachangestellte, die einen Arbeitsvertrag in Norwegen annimmt oder auf einen Job in Deutschland wartet, hätte zwar in Polen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die niedrige Bezahlung im staatlichen polnischen Gesundheitswesen treibt jedoch viele zu den besser dotierten Jobs im Westen. Eileen Birk weiß: „Vieles geht nur über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Neben der fachlichen Qualifikation kommt es „auf den Faktor Mensch“ an, wie Hans-Joachim Weiß sagt.

Doch vor dem Start wollen bürokratische Hürden genommen werden. Ärzte müssen sich vor der Approbation nachqualifizieren, falls ihre Ausbildung nicht gleichwertig mit der hiesigen ist. Ihre Sprachkenntnisse müssen so gut sein, dass sie im Gespräch mit dem Patienten, in der Fall-Dokumentation und im Austausch mit Kollegen bestehen können. Fachkräfte können bei Nachschulungsbedarf eine Prüfung ablegen oder sich parallel zu ihrem praktischen Einsatz nachqualifizieren. Auch wird nicht jede Abiturprüfung im Ausland anerkannt, wie Darisbel Schwab weiß: „Ich stamme aus Kuba und bin der Liebe wegen nach Deutschland gekommen.“ Mit ihrem kubanischen Abschluss absolvierte die 35-Jährige die Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten: „Und das war gut so.“

Andere Mitarbeiter können wegen der fehlenden Anerkennung ihrer Abschlüsse nicht wie in ihrer Heimat arbeiten, wie Dr. Michael Weiß sagt: „Eine indische Zahnärztin konnten wir leider nicht in ihrem Beruf einsetzen, sie ist jetzt bei uns Zahnarzthelferin.“

„Niemanden ausschließen und deutsch sprechen“

Im Fazit sind Michael und Margit Weiß zufrieden: „Ein erfolgreicher beruflicher Einstieg ist ein Schlüsselfaktor für die Integration sowie die Überwindung sprachlicher und kultureller Barrieren. Das ist sowohl für die Patienten als auch für das Gesundheitswesen ein großer Gewinn.“ Doch der Schlüssel sei – „so banal es klingt“, wie Margit Weiß sagt – die Sprache: „Deutsch wird überall gesprochen: Auch in der Pause, auch in den Sozialräumen, damit niemand ausgeschlossen wird.“ Und Michael Weiß ergänzt: „Sonst könnten wir auch nicht von der Opus-Family sprechen.“

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