Mit „Birdly“ Ulm im Jahr 1890 erleben

Lesedauer: 14 Min
Fliegen wie ein Vogel über Ulm - Virtual Reality macht's möglich
Wie ein Vogel über Ulm zu fliegen – diese Vision ist jetzt wahr geworden – zumindest virtuell. 
Schwäbische Zeitung
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Im Ganzkörperflugsimulator „Birdly“ können Besucher künftig den Himmel über Ulm erobern . Und sogar durch die engen Gassen der Altstadt anno 1890 fegen.

Frei wie ein Spatz durchs Maßwerk des Ulmer Münster fliegen. Geschickt wie eine Schwalbe über der Donau schweben. Mutig wie ein Adler auf Gänsejagd gehen: Der Traum vom Fliegen über Ulm hat in der Münsterstadt eine lange Tradition. Einmal ging der Traum im wahrsten Wortsinn baden, als der Schneider von Ulm im Juni 1811 mit seinem Gleitfluggerät mangels günstiger Winde in die Donau stürzte. Jetzt aber kann der Traum in Erfüllung gehen – wenigstens digital, wenigstens für drei Minuten. Im Ganzkörper-flugsimulator „Birdly“ können Besucher völlig gefahrfrei im dreidimensional-räumlichen Sound und echtem Flugwind im Gesicht den Himmel über Ulm erobern. Und sogar durch die engen Gassen der Altstadt fegen.

Wer dem Schneider von Ulm in seinen glücklichen Tagen, dem Spatzen, der Schwalbe oder dem Adler digital nachfolgen möchte, begibt sich zuerst im Flugsimulator in die Waagerechte. „Birdly“ sehe ein bisschen aus wie ein umgedrehter Zahnarztstuhl, in dem man auf dem Bauch liegt, berichtet der evangelische Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Gesteuert wird der Flug mit Händen und Armen. Die ausgestreckten Arme schlagen als Flügel und bestimmen das Tempo. Zeigt die Hand nach oben, geht’s in den Steigflug. Zeigt die Hand nach unten, geht’s abwärts. „Es bewirkt ein ganzheitliches Gefühl des Fliegens. Man begreift tatsächlich, wie sich Fliegen für einen Vogel anfühlen muss“, schwärmt der Dekan. Drei Minuten Flug seien richtig anstrengend: „Man konzentriert sich total auf die Motorik, aufs Steuern. Wie man die Flügel stellen muss.“

Ventilator bringt echten Fahrtwind

Über den Kopfhörer sind die gefiederten Artgenossen zu erahnen, die „Virtual-Reality-Brille“ zeigt zunächst ein paar Wolken. Zum Warmfliegen. Ein Ventilator bringt echten Fahrtwind. Und tief unten ist das Ulm des Jahres 1890 zu erahnen. Das Jahr, in dem das Ulmer Münster fertig wurde.

Das gemeinsam mit der Stadt Ulm und der Münstergemeinde Ulm entwickelte und zum großen Teil mit Spenden finanzierte Projekt ist Teil der Initiative „Zukunftsstadt Ulm 2030“, mit der Ulm digitale Anwendungen stärker in den Fokus und Alltag bringen möchte. Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch versteht die neue Attraktion als ein Stück Stadtentwicklung. Wie kaum ein anderes Projekt verbinde „Birdly“ den alten Traum vom Fliegen mit den Themen Innovation und Digitalisierung. Somit sei „Birdly“ auch ein für jedermann sichtbares Zeichen des Wandels, auf den sich Ulm einstelle.

Daher waren sich die Macher auch einig, keine bloße Kopie der vorhandenen Flugsimulationen für Dubai, New York, Pittsburgh und Singapur zu erstellen. Diese basieren auf Fotos, wie Alexander El-Meligi, der Geschäftsführer der programmierenden Hamburger Firma Demodern, berichtet. Für Ulm musste es etwas ganz Neues sein. Für den Flug über die Donaustadt wurde jedes der Gebäude der 1890 dokumentierten Altstadt maßstabsgerecht nachgebaut. 2000 Häuser und 6000 Bäume, Mauern und Straßen entstanden binnen sechs Monaten am PC neu, Stein für Stein, Ast für Ast in einem für diese Anwendung bisher unerreichten Definitionsgrad. In der Mitte erhebt sich das Münster. El-Meligi griff dafür auf originale Dokumente aus dem Ulmer Stadtarchiv zurück und verwendete die gleiche Software, die auch bei Multimillionen-Playstation-Produktionen in grenzenlose virtuelle Welten führt.

Reise in die Vergangenheit

Wer mit „Birdly“ auf Flughöhe eines Fußgängers sinkt, kann die Geschichte, die sich das Team um El-Meligi ausgedacht hat, verfolgen. An einem sonnigen Sonntagmorgen im Jahr 1890 spielt sich der Flug ab. Die Ulmer versammeln sich im Münster zum Gottesdienst. Die Gassen und Straßen der Altstadt sind wie leer gefegt. Und wer ganz genau hinhört, vernimmt vereinzelt Geräusche aus den Häusern, während aus dem Münster Chöre und Kirchenklänge zu vernehmen sind. Zwischendurch singen Vögel. Menschen sind auf den Straßen nicht zu sehen: „Das hätte das Budget der ohnehin aufwendigen Programmierung gesprengt“, sagt Jana Leutenegger, die das Projekt betreut.

Keine Angst vor dem Absturz

Anders als der unglückliche Schneider von Ulm muss der Virtuell-Digital-Flieger von heute keine Angst vor dem ultimativen Absturz haben. Einmal nicht aufgepasst, wird alles schwarz. Dann geht’s weiter über den Wolken, zum nächsten Anflug über das Münsterdach.

Besuch: „Der Traum vom Fliegen“ kann in Ulm hinter dem Münster, in der Kramgasse 3, erfüllt werden. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, von 10 bis 18 Uhr. Kostenpunkt: Fünf Euro für drei Minuten. Flüge sind erst ab sieben Jahren und 1,40 Meter Körpergröße möglich. Online können Zeitfenster gebucht werden unter www.ulmstories.de.

Den Auftakt zur Stadtkampagne macht eine audiovisuelle Konzert-Performance: Am Freitagabend gibt es ab 22 Uhr im Münster die 4000 Quadratmeter große Video- und Lichtinszenierung „Resonanzen“ zu sehen. Sie taucht die Kirche in einen einstündigen Farb- und Lichtrausch – zu einer Komposition für Elektronik, Percussion, Orgel und Sprecher.

Mit zum Projekt „Ulm Stories“ gehört auch eine App, die das Ulmer Münster auf eine neue Art und Weise erlebbar machen soll. Elf atmosphärisch dicht inszenierte Geschichten führen durch die Geschichte rund um den höchsten Kirchturm der Welt. Der räumlich inszenierte Klang versetzt die Hörer dabei mitten ins Geschehen. Ab Samstag, 15. Juli, können im Münster Tablets mit Kopfhörern ausgeliehen werden. Alternativ kann die kostenlose App auch heruntergeladen und mit eigenen Kopfhörern ausprobiert werden.

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