Mindestens 200 Milliarden Euro fließen im Menschenhandel

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300 Prostituierte arbeiten in Ulm und Neu-Ulm.
300 Prostituierte arbeiten in Ulm und Neu-Ulm. (Foto: dpa)
Stefan Kümmritz

Der Menschenhandel vor allem mit Frauen und Kindern hat unglaubliche Dimensionen angenommen. Das weiß Kriminalhauptkommissar a. D. Manfred Paulus. Er muss es auch wissen, denn der pensionierte Polizist ist ausgewiesener Experte in Sachen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Wie brisant das Thema auch in Ulm ist, zeigte eine Veranstaltung im Großen Saal der Ulmer Volksbank.


Manfred Paulus im Gespräch mit Vh-Chefin Dagmar Engels und Frauenbüro-Leiterin Diana Bayer auf dem Donaufest (von links).
Manfred Paulus im Gespräch mit Vh-Chefin Dagmar Engels und Frauenbüro-Leiterin Diana Bayer auf dem Donaufest (von links). (Foto: Alexander Kaya)

Der Publikumsstrom war so groß, dass gar nicht alle Interessierten einen Platz fanden. Die Veranstaltung, organisiert vom Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution, gehörte zum Programm des Donaufests. Nach seinem Vortrag diskutierte Paulus mit Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch, dem Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums Ulm, Bernd Ziehfreund und Susann Müller, einer Aussteigerin und Aktivistin gegen Prostitution. Die Moderation übernahm Dagmar Engels, die Leiterin der Ulmer Volkshochschule.

Deutschland ist Hauptabnehmer

Der Bundeshaushalt beträgt 330 Milliarden Euro, der Umsatz mit Menschenhandel rund 200 Milliarden – zudem gibt es eine Dunkelziffer. Diese erschreckenden Zahlen wurden genannt. Paulus: „Das ist ein außergewöhnlich lukratives Geschäft. Im Gegensatz zu Waffenhandel und Drogenhandel ist der ebenso höchst kriminelle Menschenhandel lange ausbeutbar.“ Manfred Paulus hat intensiv geforscht und weiß, dass die meisten Menschenhändler aus dem Süden oder Südosten Europas kommen. Dabei stehen die Albaner an der Spitze („die sind eine der gefährlichsten Verbrecherorganisationen der Welt“), aber auch aus Rumänien und Moldawien werden jede Menge Frauen insbesondere nach Deutschland geschleust, damit sie hier ihrem Gewerbe nachgehen.

Dass die Frauen hier freiwillig anschaffen, ist für Manfred Paulus ein Ammenmärchen, „ein Mythos“. Auch Mazedonien spielt seines Wissens nach eine unrühmliche Rolle bei Menschenhandel und Zwangsprostitution. „Früher war dort Prostitution verboten, danach kam eine Prostituierte auf vier Einwohner. Die Frauen werden mit falschen Versprechungen, Täuschung und zum Teil mit Gewalt ins westliche Ausland gebracht“, prangert der Ex-Kommissar an. „Dabei ist Deutschland der Hauptabnehmer der Ware Mensch. Hier gibt es 400 000 Prostituierte. Wir sind zum Puff Europas verkommen und die Frauen kommen über die Balkanroute und die Donau entlang.“

Prostituierte war auch Susann Müller, die zu den wenigen Deutschen in diesem Gewerbe zählte (Paulus: „Der Ausländeranteil beträgt heute 80 bis 100 Prozent“). Sie ist mit Anfang 20 in die Prostitution eingestiegen, berichtete sie und verdiente fünf Jahre lang so ihr Geld. „Ich habe das freiwillig gemacht“, sagt sie. „Ich habe als Kind und Jugendliche sexuelle Gewalt erfahren, das war für mich ganz normal. Und ich war in Geldnot. Der Job war für mich nicht schlimm. Man verlässt den Körper und sieht sich von außen. Man genießt nichts, sondern versucht immer, nichts zu fühlen.“ Doch dann wollte die junge Frau, die ein abgeschlossenes Studium hat, nicht mehr. „Ich habe den Ausstieg geschafft“, erklärt Susann Müller nicht ohne Stolz. „Es war schwierig, vor allem finanziell. Und man verliert seinen Selbstwert. Die Frauen sind traumatisiert.“

Prostitution läuft in Ulm hauptsächlich über das Internet

Gunter Czisch brachte einen besonderen Aspekt ins Spiel: „Die Frauen werden schon in ihrer Heimat unter Druck gesetzt. Man darf das nicht verharmlosen.“ Polizist Bernd Ziehfreund weiß, dass Prostitution in Ulm vor allem übers Internet angeboten wird und sagte: „Da ist eine Überwachung kaum möglich. Unser Ziel ist, eine internationale, interdisziplinäre Fachkonferenz in Ulm abzuhalten. Experten aus unterschiedlichen Bereichen können da Netzwerke einrichten.“

Schon im Rahmen der Donaustrategien befasse man sich mit dem Thema, aber das reiche nicht. Generell, so Manfred Paulus, seien die gesetzlichen Rahmenbedingungen schuld an der drastischen Misere, nicht die Polizei. Hier müsse die Politik eingreifen. „Das Auftreten der Polizei ist nicht immer sehr vertrauenserweckend“, sagt dagegen Susann Müller, „Und auch Polizisten sind Kunden der Prostituierten.“ Gunter Czisch forderte am Ende des Abends: „Wir müssen offen mit dem Thema umgehen. Wir müssen kompetente Leute an den runden Tisch holen und erörtern, was in Ulm machbar ist, und dies ganz hartnäckig.“ Immerhin gibt es in Ulm schon eine Beratungsstelle für Prostituierte, bei der die Frauen Rat und Hilfe bekommen können.

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