Massen pilgern zur Arena: So war die Familien-Kuschel-Party mit der Kelly Family

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 Band beim Auftritt
Der Inbegriff der 1990er-Jahre, die Kelly-Family tourt wieder. In der Ratiopharm-Arena spielten sie vor vielen Fans, die sie schon seit Jahrzehnten verehren. (Foto: Felix Oechsler)
Veronika Lintner

Die Blumenkinder von damals tragen heute blinkende, batteriebetriebene Blütenkränze im Haar. Aus dem Dunkel der Arena leuchten heute auch keine Feuerzeuge wie der Sternenhimmel, sondern Handytaschenlampen. Trotzdem: Es sieht so aus, und es fühlt und hört sich genau so an, als wäre man aus einem 25-jährigen Dornröschenschlaf erwacht. Die innere Uhr steht auf 1995.

Massen sind zur Ratiopharm-Arena gepilgert, einige warteten schon Stunden vor Konzertbeginn vor der Halle, um sich beste Stehplätze zu sichern. Auf Papp-Herzen im Pulk vor der Bühne wird Jimmy um eine Umarmung gebeten und Patricia um ein gemeinsames Erinnerungsfoto, von der Stadiondecke regnet Flitter. Dann: Die Show der Kelly Family beginnt.

„Wir sind immer noch alle da“, ruft Patricia und hüpft wie eine Elfe über die Bühne. „Verrückt. Nach all dieser Zeit.“

Mit ihrer Tournee „25 Years Over The Hump“ feiert die Kelly Family, dieser singende, tanzende, spielende Familienzirkus, jenes Album, das sie vor einem Vierteljahrhundert mit einem Schlag an die Spitze des Musikgeschäfts bugsierte. Damals, auf dem Gipfel der Kellymanie, traten sie vor 250 000 Menschen auf. Sie versetzten Zahnspangenträger in Schnappatmung. Diagnose: höchste Verehrung.

Mehr als 20 Millionen Tonträger hat die Familie bis dato verkauft – die ersten in den 70ern, als die Familie noch Kassetten auf der Straße verkaufte, und die jüngsten per Klick und Download. Nach langer Pause fanden sieben Mitglieder der Familie 2017 wieder zusammen. Sie touren gemeinsam und zeigen in Neu-Ulm, dass man ihnen die Liebe zur Musik nicht nehmen kann. Paul, Jimmy, Joey, Patricia, Kathy, John, Angelo. Nach all den Jahren.

Die Familie kam in den 60er-Jahren aus den USA herübergeschippert und sie wurde so etwas wie ein gesamteuropäisches Patchwork-Kulturgut. Zwölf Kinder setzte Vater Dan Kelly in die Welt, geboren in vier verschiedenen Ländern. Ihre Musik? Ein Flickenteppich. Irish Folk, Flamenco, Gypsy-Gitarre und Tin-Whistle, deutsche Lieder, oft gezuckert mit handelsüblichem Pop.

Kelly-Musik ist aber, gestern wie heute, vor allem eines: das Versprechen einer heilen Welt. Heute klingt diese Musik wie ein sanftes Gegengift gegen alle Sorgen und Miseren, die nach den 1990er-Jahren die Welt zu plagen begannen – und gegen alle Übel der 90er, die man wohl längst verdrängt hat. Was hilft gegen Trübsal jeder Sorte, in Neu-Ulm und überall? Unterhaken, schunkeln. Beim Hit „Baby Smile“ lächelt jeder, den die Kamera im Suchflug einfängt – und das Lächeln wirkt echt. Diese Musik ist oft hoch konzentrierter Kitsch und zugleich unheimlich gut gemacht. Handwerk von der Straße. Wer gelernt hat, sich mit Musik in Fußgängerzonen durchzusetzen, der weiß, wie stark und was man singen muss, damit das Programm gefällt.

Kathy Kelly, die Älteste, Jahrgang 1963, scheint die allergrößte Freude und Energie mit auf die Bühne zu bringen. Mal im spanischen, mal im irischen Stil spielt sie ihre Geige, dann schnallt sie sich das Akkordeon um und singt schnarrend mit Pathos und Vibrato wie eine zweite Bonnie Tyler. Kathy ist das Zentrum des Bühnenclans.

Eine sentimentale Diashow auf der Leinwand begleitet das Konzert. Der Weg der Familie zum Erfolg – und das sei hier nicht als Floskel gemeint – war weit. Das zeigen die Bilder. Mit dem Bulli ging es von Pamplona nach Rom, man kaufte einen Doppeldecker-Bus aus London, es folgten sieben Jahre Schiffsleben auf dem legendären Kelly-Hausboot in Belgien und irgendwie mündete der verschlungene Pfad dieses Pop-Märchens auf einer Burg. Im Wasserschloss Gymnich in Nordrhein-Westfalen verbrachte die Familie die letzten Züge der 90er.

Mit den Kellys erreichte das Popjahrzehnt seine Blüte und mit den Kellys verging es. Als Tamagotchi-Kohorten nach Futter fiepsten und „das Take That“-Ende zwei von drei Mädchen in kollektive Depressionen stürzte, da stürzte sich die Boulevardpresse wiederum auf die Kellys. Hat Vater Dan seine Kinder zum Erfolg gedrängt, weg von einem geregelten Leben? Und manche wollten ihnen ein schmuddeliges Image anheften: Diese Hippies kommen doch von der Straße. Und dass die Langhaargruppe in Flatterkleidern auch noch offen zu ihrer Liebe für Flohmärkte stand – unerhört.

Die Band driftete auseinander. Das Leben ging weiter. Maite Kelly singt heute Schlager und der umschwärmte Paddy spielt sich solo in die Charts. Joey Kelly eifert als Marathon-Mann durch die Medien und war der liebste Show-Widersacher von Stefan Raab. Aber Joey ist wieder mit dabei: Er stiert wie ein Rasputin, wirft sich mit seiner Lederjacke in Pose, greift in die Saiten und singt mit kraftvoller Stimme. Er ist die Überraschung in der Folk-Pop-Band. Sein Bruder Angelo brettert indessen im Flutlicht ein beachtliches Schlagzeug-Solo hin. Dieser Angelo war einst das lockige Christkind, das „An Angel“ so herzzerreißend und süß sang, dass es manch einem den Magen verrenkte wie im Zuckerschock – und andere zu Tränen rührte. Dieser Hit darf in Neu-Ulm nicht fehlen.

Wer an diesem Abend den Tränen nah ist: Jimmy, der Mann mit der kantigen Stimme. Er ist gerührt, wie das Publikum mitschwelgt, mitsingt, mittanzt. Die Kelly Family, das sei eine große Familie, sagt er – inklusive Publikum.

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