Mann klaut Linienbus, um sich Kindheitstraum zu erfüllen

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Einmal im Leben wollte ein heute 27-Jähriger wie dieser Fahrer einen echten Bus lenken: Wegen dieses Abenteuers musste er sich j
Einmal im Leben wollte ein heute 27-Jähriger wie dieser Fahrer einen echten Bus lenken: Wegen dieses Abenteuers musste er sich jetzt vor Gericht verantworten. (Foto: Archiv)
Christoph Lotter

Seit seiner Kindheit ist es sein großer Traum: Busfahrer werden. Weil sich dieser Wunsch nie erfüllt, stahl ein heute 27-Jähriger vor knapp drei Jahren zusammen mit seinem Bekannten einen Linienbus der Neu-Ulmer Firma Gairing. Gemeinsam fuhren die beiden damit nach Tschechien.

Der Bekannte ist mittlerweile gestorben, der 27-Jährige hingegen saß bis vergangene Woche noch wegen anderer Straftaten im Gefängnis. Nun musste er sich wegen besonders schweren Diebstahls vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Memmingen verantworten.

„So einen Fall haben wir tatsächlich nicht alle Tage“, sagte der Vorsitzende Richter Nicolai Braun zu Beginn der Verhandlung und musste schmunzeln.

Der mehrfach vorbestrafte 27-Jährige auf der Anklagebank hingegen zeigte keine Regung. Das olivgrüne Hemd hatte er bis oben hin zugeknöpft, das kurze schwarze Haar mit etwas Gel zurecht gekämmt. Erst als ihm das Wort erteilt wurde, begann er mit schüchterner, fast gebrechlicher Stimme zu sprechen – und enthüllte eine unglaubliche Geschichte.

Ich habe aber nicht mal einen Mofaschein, bin drei Mal durch die Prüfung gerasselt. Auch einen Auto-Führerschein habe ich nie gemacht

Angeklagter

In seinem umfangreichen Geständnis sprach der Angeklagte von seinem Kindheitstraum, Busfahrer zu werden. „Ich habe aber nicht mal einen Mofaschein, bin drei Mal durch die Prüfung gerasselt. Auch einen Auto-Führerschein habe ich nie gemacht“, erzählte der 27-Jährige ein. Stattdessen arbeitete er in der Vergangenheit unter anderem als Fahrkartenkontrolleur – und verbrachte zudem jede freie Minute in Linienbussen. Er habe sich mit zahlreichen Busfahrern angefreundet, habe ihnen Kaffee spendiert und sie auf das Gelände der Firma begleitet.

Dann sei einer seiner neuen Freunde entlassen worden. Der Mann habe Geldprobleme gehabt, Drogen- und Spielsucht hätten ihm zu schaffen gemacht, berichtete der Angeklagte.

Versprochene Belohnung: Busfahren

Um Geld aufzutreiben, habe der Süchtige damals geplant, einen Bus des Ex-Arbeitgebers zu stehlen. „Und ich sollte ihm dabei helfen. Als Belohnung hat er mir versprochen, dass ich mal mit dem Bus fahren darf. Geld hätte ich keines bekommen – das war mir aber auch völlig egal“, sagt der 27-Jährige. Denn das Unterfangen sei eine einmalige Chance gewesen.

Und die habe er in der Nacht zum 25. April 2016 ergriffen, als er zusammen mit einem Mitarbeiter des Busunternehmens in der Werkstatt Kaffeetrinken war. Als der Kollege auf die Toilette ging, habe er sich den Schlüssel für einen der Busse aus einem Schrank genommen.

Sein Komplize habe unterdessen die Alarmanlage ausgeschaltet und den Bus anschließend vom Firmengelände gefahren – nicht ohne sich vorher noch der GPS-Kontrolleinheit in dem Fahrzeug zu entledigen.

Mir wurde schnell bewusst, auf was ich mich da eingelassen habe.

Angeklagter

Über einen Zwischenstopp in Augsburg ging die Reise der beiden schließlich nach Tschechien – für den 27-Jährigen allerdings auf dem Beifahrersitz.

Im Nachbarland wollte der entlassene Busfahrer das rund 100 000 Euro wertvolle Gefährt zu Geld machen.

Der Angeklagte hingegen habe nur die Fahrt mit dem Bus im Kopf gehabt. „Mir wurde schnell bewusst, auf was ich mich da eingelassen habe“, berichtete er. Deshalb habe er versucht, seinem Komplize den Plan auszureden – mit Erfolg.

Die beiden entschlossen sich, den Bus an einem Waldstück zurückzulassen. „Auf einem Parkplatz durfte ich vorher aber endlich fahren – ein unglaubliches Gefühl“, erinnerte sich der Angeklagte. An dem Waldstück fand den Bus schließlich die tschechische Polizei. Von den beiden Dieben fehlte zunächst allerdings jede Spur.

Weil der entlassene Busfahrer mittlerweile gestorben ist, konnte ihn das Schöffengericht nicht dazu befragen. Die Aussagen mehrerer Zeugen bestätigten nach Ansicht von Richter Braun und der Staatsanwältin jedoch größtenteils die Geschichte des Angeklagten.

Kein Schaden fürs Unternehmen

Dessen Verteidiger, Rechtsanwalt Matthias Brenner, sprach deshalb nur von einfachem Diebstahl und verwies zudem darauf, dass sein Mandant, der mittlerweile als Staplerfahrer arbeite, zusammen mit seiner Verlobten ein Kind erwarte. „Eine weitere Haftstrafe wäre in diesem Fall deshalb kontraproduktiv“, sagte der Rechtsanwalt.

Die Staatsanwältin hingegen war der Meinung, dass es sich sehr wohl um besonders schweren Diebstahl handelte. In ihrem Plädoyer forderte sie ein Jahr und neun Monate auf Bewährung.

Richter Braun und die Schöffen sahen das anders. „Der Angeklagte hat keine Sicherheitsvorrichtungen gewaltsam überwunden. Dem Unternehmen ist zudem kein finanzieller Schaden entstanden“, erklärte Braun in der Urteilsverkündung und setzte die Strafe auf ein Jahr und vier Monate auf Bewährung fest.

Linienbus ist aufgetaucht
Die Polizei ermittelt vor allem im Umfeld des Busunternehmens.
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