Land unterstützt erstmals Arbeit mit Folteropfern

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Auch Flüchtlinge aus Afrika finden im Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer Hilfe. (Foto: dpa)
Otto Benz

Aufatmen beim Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer (BFU): Nach Jahren des finanziellen Überlebenskampfes kann das BFU heuer erstmals mit einer soliden Finanzausstattung rechnen.

Die grün-rote Landesregierung hat für die fünf psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer im Land erstmals 300 000 Euro im Haushalt 2012 bereit gestellt – 60 000 Euro fließen nach Ulm. Damit ist die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge und Migranten aus Krisenländern wie Syrien, Nigeria, der Türkei und Afghanistan für die nächsten Jahre gesichert.

„Wir kämpfen seit Jahren um den Erhalt des Behandlungszentrums, es stand lange Zeit finanziell auf der Kippe“, berichtete gestern Heiner Schrottenbaum, Geschäftsführer des „Reha Vereins für soziale Psychiatrie Donau-Alb“, der Träger des in der Inneren Wallstraße 6 untergebrachten BFU ist. „Wir mussten 17 Jahre lang ohne Landesmittel arbeiten“, ergänzte der Organisations-Leiter des Zentrums, Manfred Makowitzki. Dies bedeutete für das BFU die ständige Suche nach Geldgebern, um die therapeutische Arbeit mit den Flüchtlingen bezahlen zu können.

Die Entscheidung der neuen Landesregierung, die fünf Zentren im Land – neben Ulm gibt es zwei ähnliche Einrichtungen in Stuttgart sowie in Villingen-Schwenningen und Karlsruhe – mit jährlich insgesamt 300 000 Euro zu unterstützen, wertete Makowitzki gestern als „politisches Zeichen, dass unsere Arbeit mit den Flüchtlingen vom Land endlich anerkannt wird.“

Die beiden Landtags-Abgeordneten Martin Rivoir (SPD) und Jürgen Filius (Grüne) machten den Verantwortlichen des BFU gestern Hoffnung, dass sie zumindest die kommenden vier Jahre mit der jährlichen Unterstützung des Landes rechnen können. „Das steht so im Koalitionsvertrag“, unterstrichen die beiden Abgeordneten.

Im Ulmer Zentrum wurden seit der Gründung 1995 knapp 2000 traumatisierte Flüchtlinge und Migranten behandelt. Derzeit betreut das BFU 120 Männer, Frauen und Kinder psychotherapeutisch. Die größte Gruppe stellen immer noch die kurdisch-türkischen Flüchtlinge, aber auch aus den aktuellen Brennpunkten Syrien, Nigeria und Afghanistan kommen Flüchtlinge, die dort politisch verfolgt und gefoltert wurden. Die meisten wurden in ihrer Heimat körperlich misshandelt, 60 Prozent der weiblichen Patienten wurden vergewaltigt, rund 25 Prozent der Männer sexuell missbraucht oder mit Elektroschocks und anderen Folter-Instrumenten gequält. Eine Trauma-Therapie dauert in der Regel zwei bis vier Jahre.

Für viele dieser traumatisierten Menschen kommt die bedrückende Ungewissheit dazu, ob sie in Deutschland bleiben können. „Zwei Drittel unserer Patienten haben keinen gesicherten Status in der Bundesrepublik, manche sind von Abschiebung bedroht“, berichtet Makowitzki. Deshalb gehört neben der therapeutischen Arbeit die Unterstützung der Flüchtlinge etwa im Asylverfahren zu den Aufgaben des BFU. Das Zentrum hilft den Flüchtlingen aber auch bei der Suche nach einer Wohnung oder einer Arbeitsstelle.

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