Karriere-Highlight wird zur bittersten Stunde: Das sagt Alina Reh zu ihrem Zusammenbruch

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Alina Reh wird von Helfern mit einem Rollstuhl von der Laufbahn aus dem Stadion gefahren.
Alina Reh wird von Helfern mit einem Rollstuhl von der Laufbahn aus dem Stadion gefahren. (Foto: Mike Egerton)
Deutsche Presse-Agentur
Digitalredakteur

Lauftalent Alina Reh ist nach ihrem aufsehenerregenden Aus im 10.000-Meter-Lauf bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften wieder wohlauf. „Mein Bauch ist noch etwas flau, aber sonst geht es mir körperlich gut“, sagte die 22-Jährige vom SSV 1846 Ulm am Sonntag in Doha.

Reh war am Samstagabend nach 13 von 25 Runden mit Magenkrämpfen ausgestiegen. Sie krümmte sich plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Bahn und wurde mit dem Rollstuhl in die Stadion-Katakomben gebracht.

Reh hatte sogar in den Anfangsrunden bei nicht zu hohem Tempo überraschend die Führung übernommen, fiel dann aber deutlich zurück.

„Die Bauchkrämpfe kamen gestern ziemlich schlagartig. Ich kannte das schon, aber eher von ruhigeren Läufen, nicht bei hoher Geschwindigkeit, daher war ich ziemlich in Panik“, erklärte die mehrfache Junioren-Europameisterin und räumte ein: „Vom Kopf her ist es jetzt schwierig, ich brauche noch ein bisschen, um das für mich zu sortieren.“

Die Ursache der Magenprobleme sind nach Angaben des deutschen Teamarztes Andrew Lichtenthal noch ungeklärt. Zuvor hatte sie das Feld der Läuferinnen zeitweise lang sogar angeführt. Doch nach 13 von 25 Runden musste Reh aufgeben. Zuerst wollte die Läuferin das Rennen noch einmal aufnehmen - doch nach wenigen Metern folgte das endgültige Aus.

Unmmitelbar nach dem Wettkampf hatte sich der Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbands, Idriss Gonschinska, im ZDF kritisch über die Veranstaltung geäußert. Die Szene habe ihn "erschrocken", so Gonschinska. 

Die Bauchkrämpfe kamen gestern ziemlich schlagartig. Ich kannte das schon, aber eher von ruhigeren Läufen, nicht bei hoher Geschwindigkeit, daher war ich ziemlich in Panik.

Alina Reh

Die Probleme seien „sicherlich mit den besonderen Bedingungen hier vor Ort“ zu begründen, sagte Gonschinska im ZDF weiter. Damit spielte er auf die klimatischen Bedingungen in Doha an. Das Rennen selbst fand im Khalifa International Stadium statt - eine Arena, die durch eine gigantische Klimaanlage auf 26 Grad Celcius heruntergekühlt wurde.

+++ Kommentar unseres Autors: Eine WM Marke „fragwürdig“ +++

Die dramatischen Bilder rund um das Aus von Alina Reh waren am Wochenende keine Seltenheit. Die Bilder von taumelnden, kollabierten und in Rollstühlen abtransportierten Leichtathleten bei der WM in Doha gehen um die Welt. Die extreme Hitze und subtropische Schwüle ist für die Sportler eine Qual — doch in Katars Hauptstadt schaut kaum einer zu.

Mit Tränen in den Augen wird Alina Reh aus dem Stadion gebracht.
Mit Tränen in den Augen wird Alina Reh aus dem Stadion gebracht. (Foto: AFP)

Beim Frauen-Marathon und dem 50-Kilometer-Gehen der Männer säumten zu mitternächtlicher Schlafenszeit nur hunderte statt tausende Zuschauer die Strecke. Die absehbaren Torturen im sportlichen Grenzbereich und das minimale Interesse an der WM ist den Scheichs offenbar egal.

Auch ins gekühlte, komfortable Khalifa-Stadion sind keine Massen zu locken. Die Hälfte der 40 000 Zuschauer fassenden Arena ist ohnehin abgedeckt worden — und die verbliebenen Sitzplätze sind auch beim 100-Meter-Finale der Männer am Samstag nicht mal zu 50 Prozent belegt gewesen.

„Es macht nichts, ob hundert oder hunderttausend zuschauen“, meinte der US-Sprinter und WM-Zweite Justin Gatlin. „Wir wollen mit Stolz Leistung bringen und wir sind sicher, dies getan zu haben.“

Eine Diskussion über Sinn oder Unsinn, die WM in den Wüstenstaat Katar zu vergeben, hielt IOC-Präsident Thomas Bach „für müßig“. Vielmehr hoffte er, dass der Weltverband IAAF „die richtigen Maßnahmen“ treffe, um das „für die Athleten dann Erträgliche zu machen“, sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees kurz vor der WM der Deutschen Presse-Agentur. Katar gilt als Olympia-Bewerber in spé.

Leichtathletik-WM
Alina Reh krümmt sich vor Schmerzen auf der Laufbahn im Stadion. (Foto: Martin Meissner)

Im „größten Kühlschrank der Welt“, dem Khalifa-Stadion, fanden die Athleten auch nicht alles cool. „Als ich ins Stadioninnere kam, habe ich erst gefroren. Nach 25 Minuten musste ich die Jacke ausziehen, so warm wurde es“, berichtete der deutsche Diskus-Meister Martin Wierig über das An- und Abschalten des kühlenden Gebläses. Für Sprint-Ass Gina Lückenkemper war der Weg vom Aufwärmplatz bis auf die Bahn ein Gang „durch verschiedene Klimazonen“.

Auch Alina Reh hatte sich bereits im Vorfeld über die klimatischen Herausforderungen vor Ort geäußert. 

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„Es ist richtig, richtig, richtig heiß hier“, erzählt sie Schwäbische.de noch Mitte der Woche: „Immer wenn man raus geht, läuft man gegen eine Wand.“ Ihr Training absolvierte Reh auf dem Laufband in gekühlten Räumen. Die Außenwelt meidete sie. „Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, man fängt sofort an zu schwitzen.“ Die Vorbereitungen auf das bisher größte Rennen Ihrer Karriere fanden nur drinnen statt.

Reh war bei ihrem WM-Debüt 2017 in London im Vorlauf über 5000 Meter ausgeschieden. Bei der EM 2018 in Berlin belegte die mehrfache Junioren-Europameisterin von der Schwäbischen Alb Rang vier.

Sofort war medizinische Hilfe vor Ort, um Alina Reh zu helfen.
Sofort war medizinische Hilfe vor Ort, um Alina Reh zu helfen. (Foto: Jewel Samad)
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