Kampf um die Köpfe wird härter

Lesedauer: 5 Min
Der angehende Mechatroniker Marcel Schultes (rechts) packte mit seinem Ausbilder Simon Dopfer am Mittwoch am Peri-Stand mit an.
Der angehende Mechatroniker Marcel Schultes (rechts) packte mit seinem Ausbilder Simon Dopfer am Mittwoch am Peri-Stand mit an. Die Bildungsmesse kostet keinen Eintritt und dauert bis einschließlich Samstag. (Foto: Alexander Kaya)
Schwäbische Zeitung
Oliver Helmstädter

„Wirkstoff Karriereboost“ steht am Stand von Ratiopharm. „Wir haben Dich auf dem Radar“ ist bei der Ulmer Sicherheitstechnikfirma Hensoldt zu lesen und Wieland lockt mit einem aufwendigen Messestand inklusive eines BMW mit Elektroantrieb, der eher an die Hochglanz-Autoschau IAA denn eine Bildungsmesse erinnert.

Die Botschaft dahinter ist klar: In Zeiten des Fachkräftemangels bewerben sich eher die Firmen beim Nachwuchs als umgekehrt. Beim Vor-Eröffnungs-Rundgang durch die Stände auf dem Ulmer Messegelände spricht Peter Kulitz, der Präsident der Ulmer Industrie- und Handelskammer, von über 14 000 Fachkräften, die jedes Jahr in der Region fehlen würden. Firmen könnten Aufträge nicht annehmen, weil oftmals das Personal für die Monate fehle. Der Fachkräftemangel sei eine Wachstumsbremse.

Allein in der regionalen Metall- und Elektroindustrie könnten jedes Jahr „mehre Tausend“ Lehrstellen nicht besetzt werden. Wie Götz Maier, der Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Ulm sagt, fehlten insbesondere Elektroniker, Schweißer und Mechatroniker.

Mechatroniker, wie Marcel Schultes bald einer sein wird. Der 20-Jährige macht derzeit bei Peri in Weißenhorn eine Ausbildung in dieser Disziplin an der Schnittstelle von Mechanik und Elektronik im dritten Lehrjahr. Vor drei Jahren wurde der aus Donaustetten stammende Schultes bei der Bildungsmesse auf Peri aufmerksam. Er schnappte sich einen Flyer, schaute dann daheim im Internet nach, wo ihm klar wurde, dass er zu diesem Weltkonzern wolle. „Binnen einer Woche hatte ich den Ausbildungsvertrag in der Tasche.“

Wie Katja Wallner, die Projektleiterin der Ulmer Bildungsmesse erklärt, sei ein Erfolgsgeheimnis der Messe, dass hier Schüler quasi auf Augenhöhe bei den Arbeitgebern vorstellig werden können. Denn überall stehen Auszubildende als Gesprächspartner bereit. So wie Jessica Weber, die ebenfalls vor drei Jahren über die Bildungsmesse ihren Karriereweg fand: Nun steht die Blausteinerin bei Ulrich Medizintechnik und zeigt, wie heutzutage menschliche Wirbelsäulen mit Schrauben und Systemen aus Ulmer Fertigung zusammengehalten werden. Die 21-Jährige absolviert nach dem „Ulmer Modell“ ein Studium mit integrierter Berufsausbildung rund um Medizintechnik.

Mit 280 Ausstellern auf über 18 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und 45 000 erwarteten Besuchern gehört die Ulmer Bildungsmesse nach den Worten von Oberbürgermeister Gunter Czisch zu den größten in Süddeutschland. Entsprechend weit ist das Einzugsgebiet: Die Berufsschule aus Illertissen ist etwa genauso vertreten wie der Pharmariese Boehringer Ingelheim aus Biberach oder das Günzburger Legoland. Auch die Stadt Ulm ist vor Ort. Denn die Stadtverwaltung gehört mit rund 2900 Beschäftigten zu den großen Arbeitgebern in der Region. In 27 Berufen bildet das Rathaus selbst aus – von der Bestattungsfachkraft bis hin zum Maskenbildner.

„Nicht die Maschinen sondern die Köpfe sind entscheidend“, sagt OB Czisch über die Basis des Wohltands in der Region.

Um auch in Zukunft den entscheidenden Wissensvorsprung zu halten, müsse insbesondere in Berufsschulen investiert werden. Denn in vielen Jobs werde die Arbeit am PC immer bedeutender als am Schraubenschlüssel. 58 Millionen Euro habe die Stadt allein in das Schulzentrum auf dem Kuhberg investiert. Insgesamt seien in einer „Bildungsoffensive“ 300 Millionen Euro reserviert.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen