„Kameradschaft hat im internationalen Kontext ganz besonderen Stellenwert“

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 Seit 1. Februar 2018 ist Generalleutnant Jürgen Knappe (63) Befehlshaber des Multinationalen Kommandos Operative Führung. Auch
Seit 1. Februar 2018 ist Generalleutnant Jürgen Knappe (63) Befehlshaber des Multinationalen Kommandos Operative Führung. Auch ist er für das neue Nato-Kommando JSEC, das ebenfalls in der Wilhelmsburg-Kaserne stationiert ist, verantwortlich. (Foto: mö)
Schwäbische Zeitung

Auch in Zeiten der Corona-Krise muss die Bundeswehr ihre Einsatzbereitschaft sicherstellen und Aufträge erfüllen: So haben die normalerweise in der Ulmer Wilhelmsburg-Kaserne tätigen Soldaten des neuen Nato-Kommandos Joint Support Enabling Command (JSEC) ihre Aufbauarbeit zum größten Teil ins Home Office verlegt. Sie sind gefordert: Denn im Herbst 2021 soll das Kommando seine volle Einsatzbefähigung melden. Im Bündnisfall wird das JSEC für die Verlegung und die Ausbildung von Nato-Truppen innerhalb Europas zuständig sein und ihren Schutz koordinieren. Ludger Möllers hat mit dem JSEC-Befehlshaber, Generalleutnant Jürgen Knappe, über die neuen Bedingungen gesprochen, unter denen wichtige Arbeit geleistet wird. Denn das Kommando wird benötigt: Mit dem Aufbau reagiert die Nato auf die als aggressiv wahrgenommene Politik Russlands, etwa die Unterstützung pro-russischer Separatisten in der Ukraine und die Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim

Herr General, wie arbeiten Sie persönlich in diesen Tagen?

Die Bundeswehr und mein Kommando sind ebenso wie die gesamte Gesellschaft im Kampf gegen das Corona-Virus. Viele Soldaten arbeiten, sofern es möglich ist, im Home Office. Aber für mich persönlich ist klar, dass ich so viel wie möglich hier in Ulm arbeite. Denn es ist wichtig, dass der Chef vor Ort ist. Dass er für die, die hier sind, ebenso sichtbar und ansprechbar ist wie für die, die im Home Office arbeiten.

Wie sind Sie in normalen Zeiten in Ulm präsent?

Ich bin normalerweise an einem oder zwei Tagen der Woche hier in Ulm präsent, sonst in Berlin, Brüssel oder den Nato-Mitgliedstaaten unterwegs. Ein junges Kommando wie das JSEC, das noch nicht überall in der Nato-Welt angekommen ist, muss sich bekannt machen. Wir müssen uns mit den Auftraggebern abgleichen, ob ihre Vorstellungen über die Arbeit des JSEC und unsere Konzepte über die Aufgaben im rückwärtigen Raum gleich sind. Meine Reisetätigkeit musste ich aber praktisch komplett abstellen.

Und nun sind Sie an fünf Tagen in der Woche in Ulm!

Das kann für meine Mitarbeiter, die ebenfalls im Haus sind und die Konzepte und Planungen für das JSEC entwickeln, schon anstrengend sein, wenn der Chef auf einmal in der Tür steht und neue Ideen mitbringt. Das weiß ich.

Und wie bleiben Sie mit Soldaten in Kontakt, die im Home Office sind?

Ich schreibe an diejenigen, die nicht hier im Haus sein können, Rundbriefe und erläutere die neuen Entwicklungen. Damit stelle ich die Kommunikation sicher und halte den Kontakt.

Sie stehen gewaltig unter Druck: Die Einrichtung des Kommandos in Ulm war 2018 auf Vorschlag der Bundesregierung von den Nato-Verteidigungsministern beschlossen worden. Deutschland leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Verteidigungsfähigkeit der Allianz. Wie stellen Sie sicher, dass Sie 2021 bei einer Großübung ihre volle Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen können?

Wir sind Soldaten und können auf verschiedene Lagen angemessen reagieren. Jetzt eben im Home Office: Man muss sich einfach anders organisieren. Meine Devise lautet: Nichts liegen lassen. Alles erledigen, aber eben langsamer. Ich sage den Soldaten: Lasst euch mehr Zeit. Geht den Dingen auf den Grund.

Was fehlt Ihnen am meisten?

Natürlich fehlt mir der persönliche Kontakt, das Pausengespräch, die Informationen am Rande von Meetings. Bei Videokonferenzen kann man keine sozialen Kontakte pflegen, das Vertrauen nicht wie sonst aufbauen. Von persönlichen Beziehungen oder Freundschaften ganz zu schweigen.

Und wie pflegen Sie Kameradschaft?

Kameradschaft spielt in einem großen Stab wie dem JSEC-Aufbaustab, dem heute rund 180 Offiziere und Soldaten aus 14 Nato-Staaten angehören, eine genauso wichtige Rolle wie im Ulmer Kommando oder im Unterstützungsverband. Durch die intensiven Geschäftsprozesse scheint die Kameradschaft nicht immer sofort in den Fokus zu geraten, doch vor allem in Übungen, wie wir sie im JSEC im Frühjahr 2021 absolvieren werden, kommt der Kameradschaft gerade im internationalen Kontext ein ganz besonderer Stellenwert zu. Das hat das Ulmer Kommando eindrucksvoll 2018 bei seiner Zertifizierungsübung für die Nato in Norwegen bewiesen.

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