Junge Ulmer Klimaaktivistin vor Gericht: „Ich könnte direkt losheulen vor Angst und Wut“

 Die junge Ulmerin Sarah L. (schaut zur Seite) bei dem Sitzstreik im Februar in München.
Die junge Ulmerin Sarah L. (schaut zur Seite) bei dem Sitzstreik im Februar in München. (Foto: privat)
Regionalreporter Ulm/Alb-Donau

Ein bisschen mulmig sei ihr schon zu Mute mit Blick auf den Termin, den sie an diesem Freitag ab 9 Uhr vor dem Münchner Amtsgericht hat, sagt Sarah L. (21). Die junge Ulmerin muss sich verantworten wegen „Nötigung im Straßenverkehr“.

Im konkreten Fall ging es um Lebensmittel

Gemeinsam mit anderen Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ hatte sie im Februar dieses Jahres eine viel befahrene Straße am Isartor in München blockiert. Ihr Ziel war es, auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Im konkreten Fall wollten Sarah L. und ihre Mitstreiter an jenem Tag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland aufmerksam machen. Motto der Aktion auf der Straße, die rund 20 Minuten gedauert habe: „Essen retten, Leben retten.“

Laut Sarah H. landeten rund ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel hierzulande im Müll – unangetastet. Das sei sozial problematisch, jedoch würden dadurch auch enorme Ressourcen verschwendet, die zur Erzeugung aufgewendet werden, was wiederum dem Klima schade.

Kleben ist das neue Schottern

Sarah L. betont, dass die Aktion friedlich vonstatten gegangen sei. Am Ende seien sie und die anderen Aktivisten von Polizisten von der Straße herunter getragen worden. Laut Staatsanwaltschaft sollen sich die Angeklagten (neben der Ulmerin noch eine Frau und ein Mann) mit Sekundenkleber auf dem Asphalt festgeklebt haben.

Zuletzt mehrten sich Fälle, in denen Aktivisten der „Letzten Generation“ – um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen – zu dieser Methode gegriffen haben. Sie klebten sich beispielsweise wiederholt an Kunstwerken fest, versuchten auch, sich beim Bundesligaspiel des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach an einem Torpfosten festzumachen. Kleben als das neue Schottern.

Das Kalkül dahinter: Wer sich in der Öffentlichkeit irgendwo festklebt, dem wird größere Aufmerksamkeit zuteil. Auch wenn Sarah L. sagt, sie habe nicht mit Kleber nachgeholfen, sondern sei lediglich auf der Straße gesessen: Auch ihr geht es um Aufmerksamkeit.

Deshalb haben sie und die anderen Angeklagten auch selbst Journalisten zur Verhandlung am Freitag eingeladen. Sarah L. sagt, sie „freue“ sich auf den Prozess.

Geldstrafe oder Sozialstunden

Anders als in Sachen Klimawandel, der aus ihrer Sicht noch immer viel zu halbherzig bekämpft werde, was zur Folge hätte, dass mögliche Kipppunkte des Klimas nicht mehr aufzuhalten sind, weiß Sarah L. nicht, was genau sie vor Gericht erwartet. Im schlimmsten Fall rechnet sie mit einer Geldstrafe, auch Sozialstunden seien möglich. Unklar sei auch, ob sie nach Erwachsenen-Strafrecht oder als Heranwachsende beurteilt wird.

Vorbereitet hat sie bereits Statements, die sie vor Gericht verlesen will. Ihre Worte klingen stellenweise verzweifelt. Unter anderem heißt es: „Ich könnte direkt losheulen vor Angst und vor Wut.“ Wütend sei sie auf Politiker, weil diese die Gesellschaft nicht aufklärten, „in was für eine Katastrophe wir stolpern“.

Sie fordern einen Freispruch

Angst habe sie davor, dass die Erde in nicht allzu ferner Zukunft wegen des westlichen Lebensstils nicht mehr bewohnbar sein könnte. Deshalb hätten sie seit ihrem Kindesalter „Schuldgefühle“ geplagt und sie habe versucht, so wenig Emissionen wie möglich zu verursachen. Dabei löse dies gar nicht das Problem, denn: „Egal wie wenig ich verbrauche, es rettet niemanden, solange Konzerne wie RWE immer weiter in Fossile Energien investieren.“ Deshalb könne die Klimakrise nur politisch gelöst werden.

Für sich und ihre Mit-Angeklagten fordert sie Freispruch und dreht den Spieß gewissermaßen um. Nicht sie hätten mit ihrer Aktion eine Nötigung begangen, sondern sie seien durch die Tatenlosigkeit der Politik erst dazu genötigt worden, die Straße zu blockieren.

Und egal, wie das Urteil ausfalle, „Besserung“ gelobt Sarah L. nicht. Sie werde auch künftig Straßen blockieren, sofern sich die Klima-Politik nicht fundamental ändere.

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