Innenstadt verstopft: Wie ein Ulmer Kapital daraus schlägt

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Mit dem Velocarrier können Lasten transportiert werden.
Mit dem Velocarrier können Lasten transportiert werden. (Foto: Alexander Kaya)
Oliver Helmstädter

Meldungen von Staus und Chaos auf den Ulmer Verkehrsadern kommen Werner Kammerer gerade recht. Denn mit seinem Lastenrad kommt der 48-Jährige überall durch. Vor zwei Jahren hängte der verheiratete Familienvater seinen Job als Versicherungsmakler mehr oder weniger an den Nagel. Seine Bestandskunden versorgt der Ulmer noch mit Policen, doch genervt vom Verwaltungsaufwand einer „unglaublichen Dokumentationspflicht“ nimmt er keine neuen Kunden mehr an. Und konzentriert sich auf seine neue Hauptaufgabe: Die Zustellung mit seinem „Velocarrier“.

Kammerer ist Lizenznehmer des gleichnamigen in Tübingen ansässigen Pioniers der Lastenrad-Logistik. Kammerer ist zwar leidenschaftlicher Radfan und betont den Nutzen für die Umwelt und seinen erklärten Willen, die Stadt von Verkehr zu entlasten. Doch er ist auch Geschäftsmann: „Es muss sich für den Kunden wirklich rechnen, sonst nutzt er den Service nicht.“

Erster Großkunde

Und das tue es: Sein erster Großkunde, Trans-Gourmet, der Speziallieferant für Hotellerie, Gastronomie, habe seinen Dienst vor Vertragsunterzeichnung auf die Probe gestellt. Während die Zustellung per Lkw für einen innerstädtischen Rewe-Supermarkt 30 bis 40 Minuten gedauert habe, konnte Kammerer mit seinem Lastenrad die gleiche Lieferung in zehn Minuten erledigen. Der Chef von Trans-Gourmet habe sich sogar persönlich den kleinen Wettstreit angeschaut.

Stark ist Kammerer mit seinem Lastenrad genau in der Problemzone der klassischen Brummi-Logistik: Die „letzte Meile“, wie im Fachjargon der Transport auf dem letzten Stückchen zur Haustür des Kunden heißt. Während Laster schwerfällig und groß sind, sieht sich Kammerer als flinke Alternative, die bei rangierenden Lastern in Zuliefer-Hinterhöfen auch mal kleine Lücken nutzen kann.

„Es läuft immer besser“

„Es läuft immer besser“, sagt Kammerer. Er habe auch schon Kontakt mit den Großen der Branche. Etwa mit Dachser aus Kempten, der zuletzt mit 29 000 Mitarbeitern mehr als sechs Milliarden Euro umsetzte. Aber mit seinen dicken Lastern auch nur schwer in die Ulmer Innenstadt kommt und so möglicherweise auf Werner Kammerer zurückgreift.

Auch bei hochsommerlichen Temperaturen kommt Kammerer mit seinem Lastenrad nicht übermäßig ins Schwitzen: Bei Steigungen hilft ein zusätzlicher Elektroantrieb die Ulmer Berge hinauf. 10 000 Euro kostet sein Lastenrad aus dem Hause Radkutsche, mit dem Gewichte von mehr als 300 Kilo auf der Grundfläche einer Europalette transportiert werden können. In einem Kühlhaus lagert Kammerer Radieschen, Yoghurt und Co. für zahlreiche Restaurants und Hotels rund um Ulm zwischen.

Ab September stockt der Ulmer Velocarrier auf: Dann wird auch die Lieferung von Tiefkühlkost zu seinem Angebot gehören. Dafür hat er eine spezielle Tiefkühlbox bestellt, die 24 Stunden Lebensmittel ohne Stromversorgung bei konstant minus 18 Grad halten kann. Für die Zukunft hat Kammerer eine Vision: Wechselbrücken für Lastenfahrräder. Wechselbrücken sind austauschbare Ladungsträger, wie man sie eigentlich nur von der Laster-Logistik kennt.

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