In der Region wird weiter AKW-Müll verbrannt

Lesedauer: 13 Min
Ein Blick in das Technologiezentrum des Kernkraftwerks Gundremmingen. Dort lagert Material, das durch eine sogenannte Freimessun
Ein Blick in das Technologiezentrum des Kernkraftwerks Gundremmingen. Dort lagert Material, das durch eine sogenannte Freimessung in den gewöhnlichen Abfallkreislauf eingespeist werden kann. (Foto: Bernhard Weizenegger)
Ronald Hinzpeter

Seit 2016 sind in der Müllverbrennungsanlage bereits 46 Tonnen an sogenanntem freigemessenen Müll aus dem Kernkraftwerk Gundremmingen verfeuert worden. Hat das in der Weißenhorner Anlage Spuren hinterlassen? Offenbar nicht. Das zumindest ergab jetzt die Radioaktivitätsmessung des Landesamtes für Umwelt. Am 4. Februar waren aus der Schlacke und den Filterstäuben Proben genommen worden, jetzt kamen die Ergebnisse im Umwelt- und Werkausschuss des Landkreises auf den Tisch – und es gab einiges zu besprechen, denn die Tatsache, dass leicht strahlende Abfälle aus dem Atomkraftwerk nach Weißenhorn kommen, hat viele verunsichert.

Messergebnisse unauffällig

Nichts zu deuteln gab es an den Messwerten. Das bayerische Landesamt für Umwelt in Augsburg (LfU) hat künstliche Nuklide, also strahlende Atome, gefunden. Es handelt sich dabei um Jod-131 und Cäsium-137. Das Cäsium ist ein Überbleibsel der Kraftwerkskatastrophe in Tschernobyl und seither vielfach in der Umwelt nachweisbar, erklärt das LfU. Das Jod lässt sich wohl durch Anwendungen in der Medizin erklären. Das Landesamt stellt unmissverständlich fest: Diese Nuklide stammen nicht aus dem AKW Gundremmingen. Eine solche Herkunft lässt sich einwandfrei nachweisen. Bereits Ende 2015, also bevor Gundremminger Material im Ofen landen sollte, hatte der Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) die Anlage auf eine mögliche radioaktive Belastung hin untersuchen lassen, um einen Vergleichswert für spätere Messungen zu haben. Auch damals blieb das Ergebnis laut LfU unauffällig. Es gebe also „keinerlei gefährliche Auffälligkeiten“ beteuert der AWB.

Kernkraftwerk: So funktioniert die Freimessung
Alles, was den Kontrollbereich verlässt und per Definition als nicht radioaktiv gelten soll, muss die Freimessung durchlauen. Aufgrund der aktuellen Skepsis in Weißenhorn zeigen die Betreiber des Kernkraftwerks, wie diese funktioniert.

Bei diesen Einzelmessungen soll es nicht bleiben. Der Ausschuss entschied sich einstimmig dafür, künftig in enger Abstimmung mit der Bürgerinitiative gegen Müllverbrennung und der Stadt eine Messstation in Weißenhorn einzurichten, die über Schadstoffbelastungen und radioaktive Werte informiert.

Der AWB will auf seiner Internet-Seite ebenfalls regelmäßig Daten veröffentlichen.

Freiburger Öko-Institut soll Gutachten erstellen

Zusätzlich soll das Freiburger Öko-Institut ein Gutachten zur Entsorgung von freigemessenen Abfällen in Weißenhorn erstellen. Erstmals im März wird die renommierte Einrichtung hier aktiv, dann kommt wieder Material aus dem AKW an, diesmal rund drei Tonnen. Die Kreis-SPD hatte noch versucht zu verhindern, dass solche Stoffe je wieder nach Weißenhorn gelangen. Dafür fand sich im Ausschuss keine Mehrheit.

Allerdings soll sich die Menge in Grenzen halten: Mehr als 15 bis 20 Tonnen pro Jahr will der Landkreis Neu-Ulm nicht annehmen. Durch den Rückbau des AKW fallen aber voraussichtlich bis zu 100 Tonnen pro Jahr an, die laut Vertrag eigentlich der Kreis Neu-Ulm abnehmen muss. Ob und wie der Vertrag mit Günzburg angepasst wird, soll nun ausverhandelt werden. Bisher gibt es im Müll-Anlieferungsabkommen keinen besonderen Passus zu freigemessenem Müll.

Müll-Ehe soll fortgesetzt werden

Vom Tisch ist die vollständige Aufkündigung dieser Müll-Ehe. Wie Landrat Thorsten Freudenberger mehrfach versicherte, werde Neu-Ulm seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkommen. Die Regelung, dass die Günzburger ihren Abfall nach Weißenhorn bringen dürfen – rund 18 000 bis 20 000 Tonnen pro Jahr – gilt noch bis zum Herbst 2025. Freudenberger sagte auch, dass dieses Abkommen zudem nicht einseitig sei, denn der Kreis Neu-Ulm karrt im Gegenzug sämtlichen Müll, der sich nicht verfeuern und verwerten lässt, auf die Deponie nach Burgau.

Wie gefährlich ist der Müll aus dem Kernkraftwerk?
10 Mikrosievert sind die maximale radioaktive Dosis, welche einzelne Menschen durch freigegebene Stoffe pro Jahr abbekommen dürfen. Im Vergleich: Die 10 Mikrosievert bekommt man schon bei einer 3-stündigen Flugreise ab. Bei einer Röntgenuntersuchung beim Zahnarzt sind es mindestens schon 20 Mikrosievert. Die durchschnittliche Alltagsbelastung liegt in Deutschland bei 2.100 Mikrosievert im Jahr.

Ein Rätsel bleibt auch nach der Sitzung vom Mittwoch, warum niemand von den Kreispolitikern, der Landrat eingeschlossen, über die brisanten Materialien aus Gundremmingen Bescheid wusste. Das Thema „freigemessene Abfälle“ tauchte zwar in einem Verhandlungsprotokoll auf, aber wohl nur als ein Punkt unter vielen.

Das wäre alles etwas anders gelaufen, wenn wir informiert gewesen wären.

Herbert Richter (SPD)

Zudem sei angegeben gewesen, dass diese Abfälle frei von Radioaktivität seien, „was nach heutigem Wissen nicht zutreffend ist“, schreibt AWB-Chef Thomas Moritz in einer Stellungnahme an die Kreisräte. Ende 2014 wollte die Werkleitung den Ausschuss über den Verhandlungsstand informieren, doch das ist „aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen unterblieben“.

Auch als der Ausschuss das Abkommen mit Günzburg absegnete, kamen die freigemessenen Abfälle nicht zur Sprache. Herbert Richter (SPD) orakelte: „Das wäre alles etwas anders gelaufen, wenn wir informiert gewesen wären.“

 Bei klarer Sicht scheinen die Kühltürme des Kernkraftwerks Gundremmingen unweit vom Ulmer Münster zu stehen. Tatsächlich sind s
Seit mehreren Jahren wird in Weißenhorn Müll aus dem Atomkraftwerk in Gundremmingen verbrannt. Jetzt fragt sich der Neu-Ulmer Kreistag: Wie gefährlich ist das?

Landrat Freudenberger bedauerte, dass die Debatte über das Gund-remminger Material in den vergangenen Wochen „aus dem Ruder gelaufen“ sei und dass die mühsam erreiche Akzeptanz der einst so heftig umstrittenen Müllverbrennungsanlage gelitten habe. Jetzt müsse auch durch umfassende Information der Öffentlichkeit das Vertrauen wieder zurückgewonnnen werden. Eine Debatte über Grenzwerte wollte er nicht führen, denn das stehe dem Landkreis nicht an. Er müsse sich an die Gesetze halten, „und die können wir nicht ändern“.

Landrat will Lösung für AKW-Müll

Allerdings will er in einem Punkt durchaus mit der Staatsregierung streiten, wie er versicherte, denn der Gesetzgeber lasse beim Rückbau von Atomanlagen die „politisch kleinen kommunalen Müllverwerter“ allein, die sich in der Nähe eines solchen AKW befinden und den freigemessenen Müll entsorgen müssen. Der solle besser zusammen mit dem radioaktiven Müll oder als Sondermüll entsorgt werden. Der Freistaat muss nach Ansicht Freudenberger eine landesweite Lösung finden, so wie es Baden-Württemberg geschafft hat.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen