Immer mehr Kletterparks werben um Sportler

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Der Bau des lang ersehnten Kletterturms in Illertissen hat in dieser Woche begonnen, im Frühjahr soll die Anlage in der Friedho
Der Bau des lang ersehnten Kletterturms in Illertissen hat in dieser Woche begonnen, im Frühjahr soll die Anlage in der Friedhofstraße in Betrieb gehen. (Foto: pm)
Jens Carsten

So mancher Kletterfan in Illertissen und Umgebung dürfte vor Freude feuchte Finger bekommen: Der Bau des lang ersehnten Kletterturms hat in dieser Woche begonnen, im Frühjahr soll die Anlage in der Friedhofstraße in Betrieb gehen. 17 Meter wird der Turm in die Höhe ragen und auf einer Fläche von 850 Quadratmetern 150 Kletterrouten bieten. Über ein automatisiertes Eintrittssystem sollen die Kraxler auf die Anlage gelangen – und durch die Eintrittsgelder zur Refinanzierung der Freiluft-Anlage beitragen. Für die muss die hiesige Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) rund 650 000 Euro aufbringen. Eine Herausforderung, obwohl die Sparkasse als Hauptsponsor die Kasse aufmacht. Ist der Turm fertig, sollen in einem zweiten Bauabschnitt eine Boulderhalle und Vereinsräume entstehen. Und damit weitere Kosten. Rechnet sich das?

Sorgen um die Auslastung machen sich die Illertisser Alpinisten nicht: Kletterer verlangten nach Abwechslung. Die werde ihnen in der Vöhlinstadt geboten, hieß es beim offiziellen Baubeginn des Turms. Die Besucherzahlen seien genau kalkuliert. Einen Reiz biete die Illertisser Anlage durch ihren Freiluftcharakter und die Lage am Waldrand. Und zudem sei Klettern beliebt, immer mehr Menschen ziehe es sportlich in die Höhe.

Trendsportart Klettern

Das bemerkt man nicht nur in Illertissen: „Klettern liegt ganz eindeutig im Trend“, sagt Dieter Danks, der Vorsitzende des Alpenvereins Neu-Ulm, der die Kletterhalle „Sparkassen Dome“ betreibt. So locke etwa die neue Halle in Kempten, die im vergangenen Jahr eröffnet hat, weit mehr Besucher an als erwartet. Und in Dietmannsried im Oberallgäu will der ehemalige Kletter-Profi Andreas Bindhammer bald eine Halle öffnen. Man werde sehen, wie sich das auf die Szene auswirkt, sagt Danks.

Fakt ist: Die Dietmannssrieder Halle wäre im Allgäu nur ein weiteres Angebot, es gibt bereits Anlagen in Seltmans, Waltenhofen, Oberstdorf, Scheidegg und Ottobeuren. Die Meinungen dazu gehen auseinander: Der Höhenflug des Klettersports werde nicht ewig so weitergehen, sagte die einen. Andere glauben, ein weiterer Schub steht bevor, wenn im Jahr 2020 erstmals bei den olympischen Spielen geklettert wird.

Aber nicht nur im Allgäu werden fleißig Kletterrouten gestaltet – auch in der Region ist die Szene in Bewegung: In Krumbach hat vor zwei Jahren der DAV eine Halle eröffnet und in Ulm bietet ein privater Anbieter seit einiger Zeit Bouldern an – so heißt die Spezialform des Kletterns in Bodennähe. In Neu-Ulm macht sich die Konkurrenz auf der anderen Donauseite bemerkbar, sagt Danks. Man spüre die Halle in Ulm, mache sich aber keine Sorgen. „Wir sind fester Bestandteil der Klettererszene.“

Gute Erfahrungen hat die DAV-Sektion Krumbach mit ihrer Halle gemacht: Die Mitgliederzahlen des Vereins seien um 50 Prozent gestiegen, sagt zweiter Vorsitzender Martin Leopold. Allein im Jahr 2017 traten 177 Menschen ein. Im Gegenzug musste der Verein viel Geld in die Hand nehmen, die Kosten für die Kletterhalle mit kleinem Boulderbereich lagen bei rund 850 000 Euro. „Da haben wir noch einen Batzen abzuzahlen“, sagt Leopold. Der Betrieb lasse sich allerdings allein durch Umsätze tragen, dazu gehören Eintrittsgelder, Kursgebühren und Bewirtung. Mitgliederbeiträge werden nicht verwendet.

Kleine Hallen wie die Krumbacher – sie bietet 58 Routen – machten sich untereinander keine starke Konkurrenz, so Leopold. Denn es kämen vor allem Leute aus der näheren Umgebung. Allerdings werde das Netz aus Kletterspots immer dichter: „Inzwischen ist schon einiges geboten.“ In Mindelheim gibt es zwei Klettertürme im Freien, in Günzburg eine Kletterwand in der Jahnhalle und in Vöhringen eine Indoor-Wand am Sportpark. Zusammen mit den Allgäuer Angeboten und dem „Klettertempel“ in Neu-Ulm sei es fraglich, ob es nicht doch zu einer Übersättigung kommt. Mit Blick auf das Illertisser Projekt sagt Leopold: „Ob ich das noch bauen würde – ich würde mir das gut überlegen.“ Klettern liege zwar aktuell im Trend. Aber ob das in 15 Jahren auch noch so ist, wisse niemand. Leopold denkt dabei ans Inline-Skaten. „Das machen heute auch nur noch ganz wenige.“

Ist eine Sättigung in Sicht?

Neue Wände, neue Hallen, neue Routen: Die Kletterer registrieren genau, was an Angeboten hinzukommt – und an potenzieller Konkurrenz. Auch die Betreiber der Neu-Ulmer Halle behalten die Entwicklung im Blick, obwohl der mächtige „Sparkassen-Dome“ als Platzhirsch gilt. „Irgendwann einmal wird es eine Sättigung geben“, sagt DAV-Vorsitzender Danks. Aber so weit sei es momentan noch nicht. Zumal durch neue lokale Angebote auch „Nachwuchs“ gewonnen werde: Kinder kämen durch Schnupperkurse und Schulsport zum Klettern. Für den Einsteig seien kleinere und ortsnahe Angebote wichtig. Nicht jeder wolle regelmäßig kilometerlange Fahrten in die nächste Stadt auf sich nehmen.

Hier setzt der DAV Illertissen mit seinem Turm an: Zwar werden Routen in den üblichen Schwierigkeitsgraden drei bis zehn (von maximal zwölf) geboten, aber das Hauptaugenmerk soll auf dem Anfängerbereich liegen. Wie stark eine Freiluft-Anlage nachgefragt wird, komme aufs Wetter an, weiß Experte Danks. Das müsse bei Kalkulationen berücksichtigt werden. Besuche aus den Nachbarsektionen sind den Illertissen wohl schon mal sicher. „Zumindest einmal, zum Ausprobieren.“

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