Im Pannenbad "Atlantis" versickern Millionen

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Die Geschichte des "Atlantis" liest sich rückblickend wie eine Drehbuchvorlage für die Fernsehserie "Pleiten, Pech und Pannen". Dabei hatte es vor mehr als zehn Jahren so schön begonnen. Das "Atlantis" wurde von allen Seiten als gelungenes Beispiel für eine öffentlich-private Partnerschaft gefeiert. Der private Investor Wolfgang Stichler erfüllte sich seinen Traum vom eigenen Freizeitbad, die beiden Städte Ulm und Neu-Ulm stellten dem Betreiber per Erbbauvertrag das Grundstück direkt neben dem Donaufreibad zur Verfügung. Der Badetempel mit seinen Riesen-Rutschen und einem Thermalwasserbecken sowie einer großen Sauna-Landschaft erwies sich schnell als Goldgrube. Bis zu 4000 Badegäste täglich strömten von weither ins "Atlantis", und Stichler ließ sich als "Bäderkönig von Ulm" feiern.

Schiffbruch in NRW und Hessen

Doch dann ließ sich der gelernte Braumeister und Gastronom von seinen Beratern in ein finanzielles Abenteuer locken, das dem "Bäderkönig" das Genick brach. Stichler und seine Geldgeber bauten in Hessen und Nordrhein-Westfalen zwei weitere Spaßbäder, doch das Erfolgsmodell "Atlantis" ließ sich nicht so einfach auf andere Bundesländer übertragen. Mit beiden Projekten erlitt Stichler Schiffbruch, die Bäder mussten Insolvenz anmelden, obwohl der Atlantis-Betreiber verzweifelt versucht hatte, mit Geld aus seinem florierenden Ulmer Bad die beiden Pleiten abzuwenden.

Das wiederum machte die Kommunalpolitiker Ulms und Neu-Ulms hellhörig, weil sie befürchteten, das "Atlantis" könnte durch die Pleiten der anderen beiden Stichler-Bäder mit in den Abgrund gezogen werden. Die Befürchtungen waren nicht grundlos: Stichler ließ das stark frequentierte und beanspruchte Bad regelrecht verkommen, notwendige Reparaturen und Instandhaltungen blieben aus. Dazu kam noch ausgesprochenes Pech: Bereits ein halbes Jahr nach seiner Eröffnung versank das "Atlantis" buchstäblich in den Fluten des Jahrhundert-Hochwassers an Pfingsten 1999. Das Bad war mitten im natürlichen Überschwemmungsgebiet von Donau und Iller gebaut worden, doch dies war in der allgemeinen Euphorie schlichtweg vergessen worden. Die Hochwasserschäden wurden, wie sich später herausstellte, nur unzureichend beseitigt.

Als der Badetempel zusehends heruntergekommen wirkte und die ersten Gäste ausblieben, setzten die beiden Städte Stichler unter Druck und drohten mit dem "Heimfallrecht". In den komplizierten Pacht- und Betreiberverträgen war nämlich festgelegt worden, dass das Bad an die Städte fällt, falls die von Stichler geführte "Atlantis Freizeitpark GmbH" das Bad nicht ordnungsgemäß betreibt.

"Bäderkönig" verliert sein Bad

Was folgte war ein zäher Rechtsstreit, der bis vors Oberlandesgericht Stuttgart führte. Dieses gab im vergangenen Jahr den Städten recht und verdonnerte den einstigen "Bäderkönig" dazu, das "Atlantis" wegen gravierender Vertragsverletzungen entschädigungslos herauszurücken. Schließlich willigte Stichler, dem das Wasser buchstäblich bis zum Halse stand, in einen Vergleich ein. Am 17. Dezember 2007 übergab er das Freizeitbad an die beiden Städte. Seitdem wird das "Atlantis" von einer Tochterfirma der Stadt Neu-Ulm betrieben.

Erst, als diese den Betrieb übernahm, wurde das wahre Ausmaß der Schäden sichtbar. Das "Atlantis" bröckelte an allen Ecken und Enden, Rutschen und Spaßbecken mussten aus Sicherheitsgründen zeitweise stillgelegt werden. Die Zahl der Badegäste sank auf nur noch 600 täglich, die Eintrittspreise mussten wegen der fehlenden Attraktionen gesenkt werden.

Vor kurzem präsentierte die Ulmer Stadtverwaltung dem Gemeinderat eine erste Bilanz des Desasters: Die Generalsanierung wird mindestens zehn Millionen Euro verschlingen, das Bad muss im kommenden Jahr für sechs bis neun Monate geschlossen werden. Ein Gutachter stellte fest, dass schon beim Bau des Spaßbades geschlampt worden war.

Der Gemeinderat reagierte entsetzt auf die Hiobsbotschaften. "Wie kann es sein, dass ein Bad schon nach zehn Jahren völlig kaputt ist?", fragte beispielsweise der Fraktionschef der Grünen, Markus Kienle, und brachte eine Nullvariante, nämlich den Abriss des "Atlantis" ins Spiel. Andere Stadträte spielten mit dem Gedanken, das Bad abzureißen und an gleicher Stelle neu zu bauen. Auch diese Variante lehnt OB Ivo Gönner ab. "Das würde Unterkante 30 Millionen Euro kosten", ließ der OB die Stadträte wissen.

Die Rutschen sind wieder offen

So sieht das Freizeitbad einer ungewissen Zukunft entgegen. Immerhin haben es die beiden Städte geschafft, durch Sofortmaßnahmen in Höhe von 600 000 Euro den Badebetrieb aufrechtzuerhalten. Inzwischen kommen täglich wieder 800 Bade- und Saunagäste ins "Atlantis", und die Rutschen für Kinder und Jugendliche sowie das Außenbecken sind ebenfalls wieder geöffnet.

Auf lange Sicht wollen die beiden Städte das "Atlantis" an einen privaten Betreiber verpachten, der den Badetempel hegt und pflegt und wieder zu einem Magneten macht, der Besucher bis aus dem Allgäu, aus ganz Oberschwaben und sogar aus Stuttgart nach Ulm zieht.

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