Heimtückisch mit Hammer erschlagen: Blutrache-Mörder muss lebenslang in Haft

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Urteil im Blutrache-Fall: Lebenslange Haft für heimtückischen Mord
Das Ulmer Landgericht erklärt: Bei den Erbacher Seen hat vor rund zwei Jahren ein heimtückischer Mord aus niederen Beweggründen stattgefunden. Das Motiv sei eine Fehde zwischen zwei Familien.
Sven Koukal

In einem der aufwendigsten Indizienprozesse der vergangenen Jahre am Landgericht Ulm ist jetzt das Urteil gefallen: Rund zwei Jahre nach dem Mord an einem jungen Albaner an einem See bei Erbach im Alb-Donau-Kreis hat die Kammer den 47-jährigen Angeklagten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Der Mann aus dem Raum Göppingen mit albanischen Wurzeln habe heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt, so der vorsitzende Richter Gerd Gugenhan in seiner Urteilsbegründung. Das Motiv für den Mord an dem 19-Jährigen sei die archaische Blutrache-Fehde zwischen zwei verfeindeten albanischen Familien gewesen. Das Opfer ist der Neffe jenes Mannes gewesen, der vor 19 Jahren mit seiner Tat in der albanischen Arbeiterstadt Elbasan eine Kette an Blutrache-Morden ausgelöst habe, erklärte Gugenhan. Mehrere Menschen, ausschließlich volljährige Männer, seien seit dem Ursprungsmord gestorben.

Vorwand Drogengeschäft

Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte zusammen mit einem Mittäter das spätere Opfer an den Rösslesee in Erbach gelockt hatte. Bei der zweiten Person soll es sich um den Profi-Killer und Drogen-Großdealer „Don“ handeln, von dem es nach wie vor kaum Spuren gibt. Unter dem Vorwand eines vermeintlichen Drogengeschäfts ließ sich das spätere Opfer im April 2017 darauf ein.

Polizisten entdeckten am 22. Mai 2017 am Erbacher Anglersee die Leiche eines 19-jährigen Albaners.
Polizisten entdeckten am 22. Mai 2017 am Erbacher Anglersee die Leiche eines 19-jährigen Albaners. (Foto: Polizei Ulm/dpa)

Der ahnungs- und wehrlose junge Mann wurde dort von den Tätern mit mindestens acht Hammerschlägen gegen den Hinterkopf brutal getötet und anschließend, eingewickelt in Malervlies und einer olivfarbenen Folie, in der Mitte des Gewässers versenkt. Der präparierte Leichnam tauchte etwa vier bis fünf Wochen nach der Tat wieder auf, ein Angler entdeckte das verschnürte und mit einem 18,5 Kilogramm schweren Betonsturz versehene Paket.

Die „akribische Beweisführung“ der Ermittler habe gezeigt, dass der angeklagte Deutsch-Albaner zentral an der Tat beteiligt gewesen sei. 34 Verhandlungstage drehten sich um den Fall, 60 Zeugen wurden gehört – darunter auch der Onkel des Opfers und Auslöser der Blutrache per Videoschalte aus der Haft in Albanien. Zehn Sachverständige sagten aus, insgesamt 25 000 Blätter Akten, vier Ordner davon allein in albanischer Sprache, wurden gewälzt.

Google gibt Auskünfte über die Standortdaten

Die Ermittlungen reichten von der Heimat des Opfers, Steinfurt (Nordrhein-Westfalen), über Albanien, den Kosovo, die Niederlande und Großbritannien bis in die USA. Dort gab Google Auskünfte über die Standortdaten des Angeklagten. Detailliert konnte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer nicht nur die mehrmaligen Besuche des Tatorts in Erbach nachweisen, sondern auch den Kauf der Verpackungsmaterialien in zwei Baumärkten bei Göppingen.

 In einem der aufwendigsten Ulmer Gerichtsverfahren der vergangenen Jahre hat der Endspurt begonnen: der Mord am Erbacher Angler
In einem der aufwendigsten Ulmer Gerichtsverfahren der vergangenen Jahre wurde das Urteil gesprochen: lebenslang. (Foto: Andreas Berndt)

Aufgrund der „geordneten Kleidung“ des Opfers geht die Kammer davon aus, dass es „kein Gerangel oder Kampf“ vor der tödlichen Handlung gegeben hatte. Da ein Hammer in Wurfweite des Fundortes der Leiche sichergestellt wurde und der Abdruck auf der Schädeldecke des Opfers zu diesem Gerät passt, gilt dieser als Tatwerkzeug, so Gugenhan.

Leiche in Folie eingerollt

Die Laubblätter, die zusammen mit dem leblosen Körper des jungen Mannes in die Folie eingerollt worden waren, entsprechen exakt dem Vorkommen am See. Dieser wiederum sei der einzige von 35 Seen auf diesem Gelände, der zu jeder Jahreszeit trüb ist. Zum umzäunten Angelsee hatte der Angeklagte zudem einen Schlüssel. „Die Leiche sollte nie wieder auftauchen – und wenn, dann abseits seines Lebenskreises“, sagte der Richter. Alles deutet daher auf ein Mordkomplott und nicht auf ein schiefgegangenes Drogengeschäft hin.

Die Kammer folgte in ihrer Urteilsbegründung der Argumentation von Oberstaatsanwalt Christof Lehr: Dieser stützte sich in seinem Plädoyer auf die Blutrache als grundlegendes Motiv für die Tat. Die Verteidigung hatte plädiert, ihr Mandant habe lediglich „Handlangerdienste“ für den eigentlichen und noch flüchtigen Mörder geleistet – dem Profi-Killer „Don“.

Im Landgericht führt ein Justizwachtmeister den an Händen und Füßen gefesselten Angeklagten vor. Rund zwei Jahre nach dem Mord a
Im Landgericht führt ein Justizwachtmeister den an Händen und Füßen gefesselten Angeklagten vor. Rund zwei Jahre nach dem Mord an einem jungen Albaner hat das Landgericht Ulm das Urteil verkündet. (Foto: dpa)

Richter Gugenhan erklärte hingegen, es sei unerheblich, ob der Angeklagte oder der andere Mann die tödlichen Hammerschläge ausgeführt habe. Beide hätten in klarer Mordabsicht gehandelt. Er verhängte eine lebenslange Haftstrafe für den Mann. Das Urteil gegen den aus Albanien stammenden Angeklagten ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidiger prüfen, ob sie Revision gegen das Ulmer Urteil einlegen.

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Urteil im Blutrache-Fall: Lebenslange Haft für heimtückischen Mord
Das Ulmer Landgericht erklärt: Bei den Erbacher Seen hat vor rund zwei Jahren ein heimtückischer Mord aus niederen Beweggründen stattgefunden. Das Motiv sei eine Fehde zwischen zwei Familien.
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