Handwerk freut sich über gute Konjunktur und stöhnt unter Bürokratie-Vorgaben

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Der Vorstand der Handwerkskammer Ulm übergab dem Ulmer Bundestagsabgeordneten Alexander Kulitz (FDP) kürzlich in Berlin ein „Bür
Der Vorstand der Handwerkskammer Ulm übergab dem Ulmer Bundestagsabgeordneten Alexander Kulitz (FDP) kürzlich in Berlin ein „Bürokratiegeschenk“: 1,5 Kilo Papier. Das Bild zeigt Tobias Mehlich (Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm, von l (Foto: sg)
Schwäbische Zeitung
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Die Handwerker im Bezirk der Handwerkskammer Ulm rechnen auch im laufenden Jahr mit kräftigem Wachstum. „Niedrige Zinsen, steigende Einkommen und die stabile gesamtwirtschaftliche Lage geben der Handwerkskonjunktur Rückenwind“, sagte Kammerpräsident Joachim Krimmer am Mittwoch in Ulm.

Probleme ergeben sich durch den Fachkräftemangel und ausufernde Bürokratie. In allen Handwerksgruppen der 19 000 Mitgliedsbetriebe der Ulmer Handwerkskammer seien die Geschäftslage sowie die Erwartungen besser als im Vorjahr. „Über 75 Prozent der Betriebe bewerten ihre Geschäftslage gut“, sagte Krimmer, „das ist Höchststand. Die Zahl der Konjunkturpessimisten geht zurück.“ Zwei Drittel der Betriebe melden nach Angaben der Kammer gute oder sehr gute Auslastung. In keiner Branche habe sich die Konjunktur laut Umfrage verschlechtert.

„Bürokratiegeschenk“ für Politiker

Zwei große Problemfelder setzen dem Handwerk dagegen zu. Daher hat Kammerpräsident Krimmer, der in Leutkirch (Landkreis Ravensburg) einen Betrieb für Heizungs-, Sanitär- und Lüftungsanlagen führt, zum Pressetermin ein „Bürokratiegeschenk“ mitgebracht: anderthalb Kilogramm Papier, das exemplarisch den bürokratischen Aufwand eines Handwerksauftrags für eine Schulküche durch die öffentliche Hand zeigt.

Vor einigen Tagen hat Krimmer die 600 Seiten in Berlin dem Ulmer FDP-Bundestagsabgeordneten Alexander Kulitz überreicht. Jetzt berichtet der Handwerksmeister: „Für 10 000 Euro Umsatz arbeitet ein Handwerker in diesem Fall rund 150 Stunden, davon hatte er 58 Stunden nur Bürokratieaufwand zu leisten.“ Krimmer regt sich auf: „Es ist doch kein Wunder, dass sich Handwerker dann immer weniger für öffentliche Aufträge interessieren, wenn mehr als ein Drittel unproduktive Zeiten sind, die die Kosten richtig in die Höhe treiben.“

Doch weder Kulitz noch die anderen Abgeordneten, die mit dem „Bürokratiegeschenk“ konfrontiert worden seien, hätten Rezepte oder gar Versprechungen machen können, bedauert Krimmer: Auch Alice Weidel (AfD, Bodenseekreis), Margit Stumpp (Grüne, Aalen/Heidenheim), Benjamin Strasser (FDP, Ravensburg) sowie Lothar Riebsamen (CDU, Bodenseekreis) seien nicht konkret geworden.

Ein weiteres Problem der Handwerker ist der Fachkräftemangel. Bundesweit suchen mehr als 40 Prozent der Handwerksbetriebe Fachkräfte sowie Auszubildende. Zwar seien im vergangenen Jahr 3075 Verträge für neue Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen worden, das entspreche einem Plus von 2,1 Prozent im Vergleich zu 2016. Aber: Im Kammerbezirk seien etwa 730 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben: „Wir können überall in allen Berufen Ausbildungsplätze anbieten“, sagt Hauptgeschäftsführer Tobias Mehlich.

Weiter könnten höhere Löhne helfen, weniger Mitarbeiter von der Industrie abwerben zu lassen. Gut wäre ein Einwanderungsgesetz, fordern Krimmer und Mehlich von der neuen Großen Koalition.

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