Häftlinge fertigen Büromöbel für Beamte

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 Die letzten Handgriffe nach der Endmontage: In den Arbeitsbetrieben des Ulmer Gefängnisses werden Schreibtische gefertigt.
Die letzten Handgriffe nach der Endmontage: In den Arbeitsbetrieben des Ulmer Gefängnisses werden Schreibtische gefertigt. (Foto: Alexander Kaya)
Sebastian Mayr

Hinter den gelben Stahltüren und den dicken Backsteinmauern sieht alles aus wie in einer normalen Werkstatt. Werkzeuge, Maschinen, Warnhinweise, Männer mit Gehörschutz. Die Häftlinge im Ulmer Gefängnis arbeiten. Sie verdienen Geld für die Zeit nach ihrer Entlassung – und um am Gefängnis-Kiosk einzukaufen und zu telefonieren. Die Arbeitsbetriebe sind ausgelastet. Wer dort etwas fertigen lassen will, muss teilweise lange Lieferzeiten in Kauf nehmen. Auch im Gefängnis sind die Auftragsbücher voll. Ein Lager gibt es nicht, produziert wird nur auf Bestellung.

In allen 18 Justizvollzugsanstalten in Baden-Württemberg gibt es Arbeitsbetriebe. In Ulm liegt ein Schwerpunkt auf der Fertigung von Büromöbeln. Das Land macht Gewinn mit der Niederlassung – und ist selbst ein guter Kunde. Nach und nach sollen alle Behörden mit dem eigens entwickelten elektronisch höhenverstellbaren Schreibtisch „eJustice“ ausgestattet werden. Hintergrund ist die Einführung der elektronischen Akte: Die Beamten und Mitarbeiter müssen in Zukunft nicht mehr aufstehen und Ordner aus dem Regal holen, sondern rufen alle Informationen digital ab. Deshalb sorgt sich ihr Dienstherr um die Wirbelsäulen und will es ihnen erleichtern, auch im Stehen arbeiten zu können. Arbeits- und Nachlassgerichte sind schon ausgestattet, die übrigen Behörden sollen folgen.

Der Tisch „eJustice“, der je nach Ausführung zwischen 600 und 700 Euro kostet, ähnelt den Modellen gewöhnliche Hersteller. Von der Qualität ihrer Möbel sind die Schreiner, die den Arbeitsbetrieb im Gefängnis leiten, überzeugt. Zwei von ihnen, Markus Moser und Stefano Carcione, haben sich vor Kurzem auf einer Fachmesse in Köln umgesehen. „Wir können da problemlos mithalten“, sagt Carcione. Und das, obwohl unter den derzeit 30 Gefangenen, die seine Kollegen und er anleiten, nur zwei gelernte Schreiner sind. Die aber haben diesen Beruf nie ausgeübt.

Insgesamt arbeiten rund 120 Gefangene in der Ulmer JVA. Die Anstalt ist mit derzeit 163 Häftlingen weiterhin überbelegt, wie die stellvertretende Leiterin Nadine Schmelzer berichtet. Eigentlich sind 153 Plätze vorgesehen. Doch schon vor einiger Zeit hat die Gefängnisleitung reagiert und einige Einzelzellen so umgebaut, dass dort zwei Häftlinge schlafen können.

Tag ist minutiös getaktet

Wer im Gefängnis sitzt, muss arbeiten. Das ist in Baden-Württemberg vorgeschrieben. Der Tag ist minutiös getaktet, vom Frühstück bis zum Abend. Auch Zeitpunkte und Dauer von Zigarettenpausen sind genau festgelegt. Arbeitsbeginn ist um 6.48 Uhr. Beamte haben eine 41-Stunden-Woche. Das heißt: Sie arbeiten jeden Tag acht Stunden und zwölf Minuten. Für die Gefangenen gelten die gleichen Zeiten.

Die Büromöbel werden nicht nur in Ulm gebaut, sondern auch in fünf weiteren Anstalten. Der Tisch „eJustice“, der in der Schreinerei und in der Schlosserei gefertigt wird, ist in Ulm entwickelt worden. Schreiner Markus Moser gehörte zum Entwicklerteam, das rund zwei Jahre daran arbeitete. Er und seine Kollegen haben sich dafür auch auf dem Markt umgesehen und sich über aktuelle Trends informiert.

Für die Arbeitsbetriebe im Ulmer Gefängnis ist der ständige Wechsel eine Herausforderung. Bei jedem Gefangenen stellt sich aufs neue die Frage: Wofür ist er geeignet? Anschließend wird der Häftling im entsprechenden Betrieb angelernt. Für eine Ausbildung, die in der Schlosserei angeboten wird, ist nur selten Zeit. Denn die wenigsten Gefangenen sitzen so lange in Ulm ein, dass sie ihre Ausbildung abschließen könnten.

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