„Get well soon“ im Ulmer Zelt: „Ich will es den Hörern nicht zu einfach machen“

Lesedauer: 13 Min
Neues Programm im Ulmer Zelt
In genau 4 Wochen startet das Ulmer Zelt. Zum 33. Mal verwandelt sich die Ulmer Friedrichsau in Konzertbühnen, Theaterschauplätze und Kinderaktionswiesen. Ein buntes, kulturelles Treiben für alle. Heute wurde das neue Programm vorgestellt – mit einigen großen Namen.
Schwäbische Zeitung

Wer gerne zwischen den Zeilen hört, der darf sich das Konzert am Samstag, 25. Mai, von „Get well soon“ auf der Bühne des Ulmer Zelts nicht entgehen lassen. Mastermind Konstantin Gropper bringt gleich eine ganze Bigband mit. Über seinen Auftritt in seiner Heimat, eigene Idole und politisches Songwriting hat sich Johannes Rauneker mit ihm unterhalten.

Konstantin Gropper und seine Band „Get well soon“ sind am Samstag im Ulmer Zelt zu erleben.
Konstantin Gropper und seine Band „Get well soon“ sind am Samstag im Ulmer Zelt zu erleben. (Foto: pm:)

Herr Gropper, Sie waren vor Kurzem in Cannes, da wurde Ihr Soundtrack vorgestellt, den Sie für die neue Netflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“ geschrieben haben. Auch Starregisseur Quentin Tarantino ist Stammgast in Cannes bei dem bekannten Filmfestival. Hat er sich schon gemeldet wegen einer Zusammenarbeit?

Neee. Da gibt es noch keinen Kontakt. Ich glaube, Tarantino bedient sich sowieso eher alter Musik. Er hat da aber vielleicht ähnliche Quellen wie ich.

Zuletzt waren Sie beschäftigt mit dem Soundtrack für die Netflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“. Wussten Sie persönlich schon im Vorfeld, worauf es ankommt, wenn man im Internet schnell Rauschmittel loswerden möchte?

Nein. Ich habe aber viel gelernt durch die Serie. Die Protagonisten darin sind mindestens eine Generation jünger als ich. Als Vater wurde mir da natürlich himmelangst. Aber dennoch: ein tolles Projekt.

Jetzt bringen Sie nach Ulm eine Bigband mit. Was steckt dahinter?

Mit dem aktuellen Album habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich wollte schon immer ein Album machen, das sich an den großen orchestralen Sound der Frank Sinatra-Platten der 60er Jahre anlehnt. Mit auf der Bühne sind vier Bläser, vier Streicher und meine Band. 14 Köpfe.

Welches Instrument spielen Sie?

Gar keines. Ich singe nur noch, auch das ist etwas, was ich schon lange einmal machen wollte: Mich aufs Wesentliche konzentrieren.

Was macht Ihnen mehr Spaß: Studio oder vorm Publikum zu stehen?

Beides gleich. Das gehört zusammen. Nach langer Zeit im Studio freu ich mich immer, wieder unter Leute zu kommen. Nach der Tour freue ich mich wieder auf die Ruhe.

Ihre Musik klingt oft sehr opulent. Haben Sie Probleme, dass Ihr Sound live genauso rüberkommt, wie er auf Platte klingt?

Es ist manchmal eine Herausforderung, aber ein Problem? Nein. Ich persönlich mag Bands, die live anders klingen als auf dem Album. Wobei ich beim aktuellen Album „Horror“ schon versucht habe, mich möglichst nahe am Album-Sound zu bewegen. Daher auch die große Besetzung.

Sie sind der Kopf von „Get well soon“, das Mastermind. Welche Vorteile hat es, als „Einzelkämpfer“ unterwegs zu sein?

Ich habe auch in „richtigen“ Bands gespielt. Schon zu meiner Schulzeit in Ochsenhausen. Als dann alle zum Studieren sind, ging es auseinander. Ich glaube, was die kreative Arbeit angeht war und bin ich bei „Get Well Soon“ einfach nicht sehr kompromissbereit.

Sie leben in Mannheim, wo Sie auch studiert haben. Wie oft sind Sie noch in der Heimat?

Nicht so oft, wie ich es eigentlich will, aber regelmäßig.

Warum singen Sie nur auf Englisch?

Als ich angefangen habe, hab‘ ich eigentlich fast nur englischsprachige Punk- und Grungemusik gehört und dann wollte ich so klingen wie die. Und immer, wenn ich es Mal auf Deutsch versuche, klingt es irgendwie nicht richtig. Auf Deutsch ist es schwieriger für mich.

Sie besingen in Ihrem neuen Album den „Horror“ – und dazu erklingt oft harmonische und melodiöse Musik. Warum diese Ambivalenz?

Das ist sicher ein Stilmittel von mir, dass das so auseinanderdriftet. Vielleicht hab‘ ich zu viel Leonhard Cohen gehört oder zu viel Hitchcock gesehen, wo sich das Grauen oft auch erst auf den zweiten Blick erschließt, sich anschleicht. Ich glaube, ich suche das Subtile. Am liebsten gehe ich auch ratlos aus dem Kino. Ich mag keine Filme, in denen am Ende alles erklärt wird. Und so ist es auch mit meiner Musik: Ich will es den Hörern nicht zu einfach machen.

Wo kommt Ihre Abgründigkeit her?

Ich hab‘ immer irgendein Thema, um das sich das jeweilige Album dreht. Ich recherchiere, lese, schau mir Bilder an. Das orientiert sich einfach an meinen Interessen. Wobei das beim aktuellen Album anders ist: Es bezieht sich schon sehr auf das aktuelle Zeitgeschehen und die gesellschaftliche Stimmung.

Hat der „Horror“ in den vergangenen Jahren zugenommen?

Der Horror an sich ist nicht größer, aber mächtiger geworden. Plötzlich scheinen alle Angst zu haben oder meinen sie zu haben. Und diese Angst wird natürlich für politische Zwecke genutzt.

Verstehen Sie sich als politischen Songwriter?

Das Plakative ist nicht meins. Aber es hätte sich nicht richtig angefühlt, in diesen Zeiten ein Album zu machen, das sich gar nicht positioniert.

Manche Menschen flüchten sich in Musik. Musik als Eskapismus, um die Welt zu vergessen. Schlagermusik lenkt wunderbar ab; können Sie diesem Ansatz etwas abgewinnen?

Eigentlich nicht. Es geht ja genau darum, dass das Grauen da ist, egal ob man will oder nicht. Ich verurteile aber niemanden, der sich mit Musik ablenken möchte. Ist einfach nicht meins. Ich möchte die Leute zum Nachdenken bringen.

Sehr eng arbeiten Sie mit Philipp Käßbohrer zusammen, der unter anderem die Böhmermann-Sendung „Neo Magazin Royale“ produziert und ebenfalls aus Biberach kommt. Wo haben Sie sich kennengelernt?

Tatsächlich im Jugendorchester in Biberach. Seit über zehn Jahren besteht zwischen uns eine enge kreative Freundschaft. Ich mache die Musik, er macht die Bilder.

Was würden Sie Ihren Kindern sagen, wenn die Ihnen mitteilen würden, dass sie wie ihr Papa Profimusiker werden möchten?

Ich glaube, ich würde niemandem raten, alles auf diese eine Karte zu setzen. Trotzdem würde ich sie natürlich unterstützen. Ist ja schon ein schöner Beruf.

Netflix und Spotify haben das Musikmachen und Musikhören auf den Kopf gestellt. Sie gehören zu den Skeptikern…

Ja, ich gebe mich kämpferisch und setze mich für das Musikalbum als Kunstform ein. Ein zusammenhängendes Werk voller Wechselwirkungen. Dabei geht die Hörer-Tendenz ganz klar zum Playlist-Konzept, á la Spotfiiy wo nur einzelne Stücke herausgepickt und relativ wahllos aneinander gereit werden. Dabei will jeder Künstler eigentlich, dass die Leute sein ganzes Album hören und nicht nur Einzelsongs.

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Die bunten Zelte, Buden und Dekoinstallationen stehen. Das Wetter hat allerdings einen Grauschleier über das Ulmer Zelt gelegt. Dabei ist heute Abend der Startschuss für die inzwischen 33. Ausgabe der Veranstaltungsreihe. Neben dem Wetter haben die Organisatoren gerade aber erst einmal noch mit Ausfällen zu kämpfen.
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