Gänstorbrücke in Ulm wird abgerissen

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 Seit drei Monaten ist die Gänstorbrücke über die Donau halbseitig für den Verkehr gesperrt. Das wird wohl noch mehrere Jahre l
Seit drei Monaten ist die Gänstorbrücke über die Donau halbseitig für den Verkehr gesperrt. Das wird wohl noch mehrere Jahre lang so bleiben – bis das Bauwerk, das die Städte Ulm und Neu-Ulm verbindet, abgerissen und neu gebaut wird. (Foto: Andreas Brücken)
Sebastian Mayr

Seit Ende Juni ist die marode Gänstorbrücke über die Donau aus Sicherheitsgründen gesperrt. Jetzt ist klar: Das 96 Meter lange Bauwerk muss abgerissen und neu gebaut werden. Das ist das Ergebnis der Gutachten, die die Städte Ulm und Neu-Ulm in Auftrag gegeben haben.

„Wir können stundenlang rechnen, aber wir können die Brücke nicht mehr gesund rechnen“, sagte der Brückenexperte Gerhard Fraidel in der Sitzung des Ulmer Bauausschusses am Dienstag.

Fraidel leitet die Abteilung Verkehrsinfrastruktur der Stadt Ulm. Die weiteren Schritte wollen die Stadträte aus Ulm und Neu-Ulm in einer gemeinsamen Sitzung am Montag, 19. November, besprechen. Der Neubau soll so schnell wie möglich umgesetzt werden. Denn auch die Adenauerbrücke, auf der die B 28 über die Donau geführt wird, soll in den nächsten Jahren neu gebaut werden.

Fraidel und seine Kollegen haben die Ergebnisse des Gutachtens dem baden-württembergischen Verkehrsministerium und dem bayerischen Ministerium für Wohnen, Bau und Verkehr vorgestellt. Beide haben dem Neubau zugestimmt, sie verzichten auf eine Wirtschaftlichkeitsberechnung, die sonst üblich ist. Denn: Die Brücke ist fast 70 Jahre alt und damit nicht weit von der angestrebten Lebensdauer von 80 Jahren entfernt. Und einige Schäden am Bauwerk gelten als irreparabel.

Die Fahrbahn an sich ist in relativ gutem Zustand, allerdings sind viele Salze in den Belag eingedrungen. Dieser Schaden könnte behoben werden, so Fraidel.

Anders sieht es bei den Verspannungen und den Verankerungen aus, die die Brücke halten. Die Spannglieder sind in großen Teilen nicht oder nur teilweise verpresst, dort ist Wasser eingedrungen.

Blutwasser im Beton

Bereits beim Bau ist Zementmilch, auch Blutwasser genannt, in den Beton gelangt. Diese saure Flüssigkeit hat das Metall angegriffen. Auch in die Fugen ist Wasser eingedrungen. An manchen Stellen betrage die Spannkraft bloß noch 70 Prozent, berichtete Fraidel.

Auch bei der Verankerung ist viel Spannkraft verloren gegangen, bis zu 20 Prozent. Auch hier gibt es Probleme mit mangelhaft verpressten Spanngliedern und Blutwasser. Zudem fehlt an einigen Stellen Beton. „Das ist ein Schaden, der ist nicht reparabel“, sagte Fraidel zu den Mängeln an Verspannungen und Verankerung.

Trotz alledem: Die Gänstorbrücke bleibt befahrbar – mit einer Spur pro Richtung. Eine Monitoring-Anlage soll Veränderungen registrieren und Warnungen aussenden, wenn sich der Zustand verschlechtert. „Es ist immer noch ein Restrisiko dabei“, gestand Fraidel. Denn man könne nicht alle Teile der Brücke überwachen. Doch einen Einsturz wie beim Unglück in der italienischen Hafenstadt Genua werde es in keinem Fall geben: Die Brücke sei anders gebaut und würde allenfalls ein Stück absacken.

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Die Monitoring-Anlage kostet rund 420 000 Euro – weil die Ulmer Verwaltung sie frühzeitig bestellte. Wenige Wochen nachdem sie das Überwachungssystem in Auftrag gab, stürzte die Autobahnbrücke in Genua ein. Seitdem, berichtete Fraidel, sei der Preis für die Monitoring-Anlage auf das Dreifache gestiegen.

Zusätzlich zur Überwachung des Bauwerks wird es einen Stresstest geben. Für die Nacht auf Sonntag, 18. November, haben sich die Städte dafür drei Kranfahrzeuge von der Firma Liebherr geliehen. Das schwerste wiegt 48 Tonnen. Die Kräne werden über die Brücke fahren und unter anderem eine Vollbremsung testen. Nach diesen Versuchen fällt die Entscheidung, ob es weitere Einschränkungen für den Verkehr geben muss.

Wann die Gänstorbrücke neu errichtet wird, ist noch unklar. Derzeit geht die Ulmer Verwaltung davon aus, dass ab 2024 gebaut werden kann.

Die Planungen dafür dürften lange dauern, weil viele Voraussetzungen berücksichtigt werden müssen – etwa, weil die Brücke im Hochwassergebiet liegt und weil das Aussehen des prägnanten Bauwerks in einem Architekturwettbewerb festgelegt werden soll.

Klar ist schon jetzt: Das Projekt wird kostspielig. „Wir reden von einem 20-Millionen-Euro-Bau“, sagte Michael Jung, Leiter der Ulmer Hauptabteilung Verkehrsplanung und Straßenbau, Grünflächen, Vermessung in der Sitzung. Die beiden Städte müssen je die Hälfte der Kosten tragen.

Weitere Informationen im November

Auch die Adenauerbrücke über die Donau muss neu gebaut werden. Zuerst müssen aber noch Details mit dem Bund geklärt werden, der die Kosten übernimmt. „Die Gänstorbrücke soll fertig sein, bevor wir mit der Adenauerbrücke beginnen“, sagte Baubürgermeister Tim von Winning im Bauausschuss. Dem Vernehmen nach soll es im November weitere Informationen zur Adenauerbrücke geben.

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