Friedlicher Islam als Ziel

Lesedauer: 10 Min
Im Ditib-Zentrum in Ulm-Söflingen lernt der Nachwuchs, den Koran zu lesen. Auch das rituelle Gebet steht auf dem Unterrichtsplan
Im Ditib-Zentrum in Ulm-Söflingen lernt der Nachwuchs, den Koran zu lesen. Auch das rituelle Gebet steht auf dem Unterrichtsplan (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Jasmin Bühler
Crossmediale Redakteurin

Kinder. Überall Kinder. Tobende Kinder, spielende Kinder, unbeschwerte Kinder. Die ganze Ulmer Moschee ist voll von ihnen. Ihr Geplapper erfüllt die Luft bis unter die Glaskuppel.

Im Gebetsraum sind sie anzutreffen, in der Teestube und in den Unterrichtsräumen. Vor allem in den Unterrichtsräumen. Denn jedes Wochenende kommt der Nachwuchs hier zusammen, um im Koran zu lesen und den Islam zu lernen. Den „richtigen Islam“, wie ihre Betreuer es formulieren: nämlich den friedlichen, so wie ihn ihr Prophet Mohammed gepredigt habe.

Ein türkisches Sprichwort besagt, dass man einen Baum nur biegen kann, solange er jung ist. Genau das hat sich die muslimische Ditib-Gemeinde in Ulm-Söflingen nach eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht: Sie möchte die jungen Pflänzchen zu guten Muslimen erziehen, die tief in ihrem Glauben verwurzelt sind. Für sie gehe es um die richtige Auslegung des Koran und um die Weitergabe von uralten Werten. Gemeint sind Regeln, die das gesellschaftliche Miteinander prägen und für alle Religionen und Kulturen gleichermaßen gelten – wie zum Beispiel Toleranz und Demut. Denn klar sei: Werden die jungen Bäume schon in ihrer Wachstumsphase gehegt und gepflegt, dann gibt es später keine unerwünschten Auswüchse. Islamistische Auswüchse zum Beispiel.

Unterricht auf Türkisch

Jeden Samstag und Sonntag findet der Islamunterricht in dem Ditib-Zentrum in Söflingen statt. Die Kinder lernen in kleinen Gruppen, Jungen und Mädchen getrennt – so verlangt es die Tradition. Eine Klasse besteht aus 25Schülern. Acht Klassen sind es insgesamt, gestaffelt nach Lernniveau. Sogar eine Gruppe mit 50 Kindergartenkindern gibt es. Unterrichtet wird auf Türkisch. Irgendwo müsse man dem Türkischen ja einen Raum geben, heißt es.

Die ältesten Schüler in der Moschee sind zwischen 16 und 20 Jahre alt und treffen sich immer freitagabends. Sie befinden sich in einer Lebensphase, in der es um Orientierung geht, um den Sinn des Lebens und um die eigene Zukunft. Auf Jugendliche wie sie haben es die Salafisten und die Terrormiliz „Islamischer Staat“ abgesehen, weil sie mit der richtigen Strategie leicht zu ködern sind. Die Söflinger wollen das verhindern. Denn befinden sich die Jugendlichen erst einmal in den Fängen der Extremisten, sind sie daraus nur schwer wieder zu befreien. Sie ziehen in den Heiligen Krieg, um gegen Andersgläubige zu kämpfen und um zu töten – so wie derzeit in Syrien und im Irak und zuletzt bei den Anschlägen von Paris. Der Islam wird zum Terrorismus.

„Mohammed führte selbst nie Angriffskriege“, sagt der Theologe Israfil Polat, „er hat sich lediglich verteidigt.“ Deshalb sei das aggressive Verhalten der Terroristen auch zutiefst zu verachten. „Unser Prophet Mohammed hat Nächstenliebe und Barmherzigkeit gepredigt“, erklärt Polat. Seine Antwort auf Hass sei Liebe gewesen. Nur Gott dürfe strafen, nicht aber der Mensch. „Im Namen der Religion darf keine Gewalt ausgeübt werden“, betont Polat. Dennoch ist man auch in der Donaustadt nicht vor Islamismus gefeit. In Neu-Ulm wurden Muslime sogar schon aus der Moschee geworfen, weil sie radikale Gedanken hegten.

Als einer von zwei Imamen arbeitet Israfil Polat hauptberuflich in der Söflinger Moschee. Er trägt Anzug und Krawatte. Einen Bart hat er nicht. Der 40-Jährige kommt aus Langenau und ist einer der wenigen Deutsch sprechenden Imame. Er hat in der Türkei Theologie studiert und kümmert sich gemeinsam mit einem türkischen Imam sowie mehreren ehrenamtlichen Helfern um den Religionsunterricht der Kinder und Jugendlichen. Seine Aufgabe sieht Polat darin, seine Schützlinge bei ihrer Identitätssuche zu unterstützen und sie vor extremistischen Tendenzen zu bewahren. Er ist sozusagen der Gärtner, der die jungen Bäumchen in die richtige Richtung biegt.

Gründung von Jugendverbänden

Doch nicht nur in den islamischen Gemeinden wird zunehmend Wert auf Jugendarbeit gelegt. Auch darüber hinaus gibt es Projekte, bei denen sich junge Muslime aktiv einbringen sollen. Selbstbestimmung heißt das Stichwort. Der Islamwissenschaftler Hussein Hamdan hat mit einem Kollegen eine Studie darüber verfasst. Der Titel: „Junge Muslime als Partner“. Hamdan spricht von einem Generationenwechsel: „Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind in Deutschland geboren und sozialisiert, sie wollen sich hier engagieren und die gesellschaftliche Entwicklung mitprägen.“ Daher würden sie sich immer stärker vernetzen und eigene Jugendverbände gründen.

Als Problem sieht Hamdan allerdings, dass die finanziellen Ressourcen begrenzt seien und manche Projekte nach ein paar Jahren wieder eingestellt würden. „Außerdem wird ein Großteil der Arbeit von Ehrenamtlichen geleistet“, gibt Hamdan zu bedenken. Verbesserungsbedarf bestehe deshalb auch hier. Denn erstens seien die Ehrenamtlichen keine ausgebildeten Fachkräfte, die Schulungen auf dem Gebiet der Jugendarbeit absolviert hätten, und zweitens würden sie die Tätigkeit nur für eine bestimmte Zeit übernehmen. „Die notwendige Kontinuität ist nicht gegeben“, sagt Hamdan.

Im Stuttgarter Staatsministerium sitzen rund 20 junge Muslime mit Michael Blume, Referatsleiter für Kirchen, Religion und Integration, an einem Tisch. Nur fünf Männer sind darunter, der Rest sind Frauen – die meisten mit Kopftuch. Die Atmosphäre ist entspannt. Es wird gelacht. Blume weiß seine Gäste zu unterhalten, zum Beispiel wenn er sagt: „Das ist doch paradox: Die Salafisten verachten Amerika, aber YouTube, das nutzen sie.“

Ängste wie nach 9/11

Die Jugendlichen sind Teilnehmer des Projekts „Juma“, das sich für eine Partizipation auf Augenhöhe starkmacht. Die Abkürzung Juma steht dabei für „Jung, muslimisch, aktiv“. Gestartet wurde die Initiative im Jahr 2010 in Berlin, seit vergangenem Oktober gibt es sie auch in Baden-Württemberg. Gefördert wird sie von der Robert-Bosch-Stiftung. Neben Fortbildungen und Kampagnen organisiert Juma jeden Monat Diskussionsrunden, bei denen sich interessierte Jugendliche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft austauschen können – wie zum Beispiel mit dem Referatsleiter Blume.

„Wir befinden uns derzeit in einer ähnlichen Lage wie nach den Terroranschlägen vom 11. September“, sagt Michael Blume. Es gebe Ängste, die schleunigst abgebaut werden müssten. Denn sonst würden sie sich als Vorurteile festsetzen. „In diesen Tagen gelten Muslime als Symbol des Fremden und anderen“, warnt der Referatsleiter. Er ist selbst mit einer türkischen Migrantin verheiratet und kennt die Problematik. Entsprechend geht er auf die Fragen der jungen Muslime ein – und davon gibt es eine ganze Menge.

Wie könne sich der deutsche Staat gleichzeitig für Religionsfreiheit und gegen das Kopftuch aussprechen? Wieso müsse man sich als Muslim ständig rechtfertigen? Warum würde es an baden-württembergischen Schulen keinen regulären Islamunterricht geben? Ein 31-jähriger Ingenieur fragt sogar: „Bleibt uns nur noch die Auswanderung?“ „Nein“, antwortet Michael Blume mit Nachdruck. Auf beiden Seiten gebe es Extremisten: die Islamisten auf der einen, die Rechtsradikalen auf der anderen. Aber keinen dürfe man jetzt das Feld überlassen, sagt Blume: „Denn sonst wäre eine freie, vielfältige Gesellschaft gescheitert.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen