Frauen aus Syrien nähen Kleidung für arme Kinder in der Region

Matschhosen für ärmere Familien in Deutschland und Weihnachtsdeko: Blick in die Nähstube der Caritas in Ulm.
Matschhosen für ärmere Familien in Deutschland und Weihnachtsdeko: Blick in die Nähstube der Caritas in Ulm. (Foto: Rauneker)
Regionalreporter Ulm/Alb-Donau

Sie sind selbst geflohen vor Krieg, Hunger und Zerstörung. Jetzt nähen mehrere Frauen, die aus Syrien nach Ulm gekommen sind, Kleidung für bedürftige Familien in der Region. Das tun sie unter dem Dach der Caritas, doch es mangelt an Ausrüstung. Nähmaschinen beispielsweise werden dringend gebraucht.

Donnerstagmittag, ein Raum im Erdgeschoss des Caritas-Gebäudes in der Ulmer Olgastraße. Freudige Betriebsamkeit hat das Eckzimmer des Bischof-Sproll-Hauses erfüllt. Nähmaschinen klackern, doch die sieben Frauen ratschen auch. Zwischen dem fremd klingenden Sprachen-Gewirr ist immer wieder ein deutsches Wort herauszuhören. Zur Freude von Regina Konz, der Leiterin der „Familienhilfe“ bei der Caritas Ulm/Alb-Donau. Denn die „Nähstube“ hat auch diesen Zweck: Die Frauen sollen Deutsch lernen.

Nur, wenn sie der deutschen Sprache mächtig sind, sind die geflüchteten Frauen auch in der Lage, ihr Leben, ihren Alltag in Ulm und der Region selbstständig zu gestalten.

Damit die Caritas diese Hilfe zur Selbsthilfe bei der Integration von Geflüchteten auch leisten kann, ist sie aber selbst auf Hilfe angewiesen. Und sagt schon jetzt „Danke“ für die finanzielle Hilfe, die Leser der „Schwäbischen Zeitung“ im Rahmen der Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ in den vergangenen Jahren bereits geleistet haben. Auch die Nähstube von Regina Konz wurde schon mit einigen Euros bedacht.

Von den eingegangenen Spenden profitieren neben den syrischen Frauen, die sich hier regelmäßig zum Nähen treffen, auch Familien aus Ulm und der Region, die auf jeden Cent schauen müssen. Denn unter anderem sie bekommen die Produkte, die in der Nähstube entstehen. Matschhosen für kleine Kinder zum Beispiel, die im normalen Laden richtig teuer sein können. Die aber wichtig sind – vor allem in Corona-Zeiten –, damit die Kinder auch im Winter draußen Toben können und sich nicht erkälten, beziehungsweise die normalen Klamotten drunter nicht sofort nass und dreckig werden.

Dass die syrischen Frauen ihr Handwerk verstehen, ist auf den ersten Blick zu erkennen. Neben frisch genähten Matschhosen liegen auf Tischen – natürlich! – Masken, aber auch kleine dekorative Christbäume, die Weihnachtsstimmung in Wohnzimmer zaubern sollen.

Obwohl die syrischen Frauen einen muslimischen Hintergrund haben, zeigen sie mit dem christlichen Weihnachtsfest keine Berührungsängste. Großen Eindruck scheint bei ihnen der Ulmer Weihnachtsmarkt hinterlassen zu haben, den hätten sie zuletzt immer mehrere Male pro Jahr besucht. In diesem Jahr fällt der Markt coronabedingt aber aus.

Damit die genähte Kleidung auch bei den Richtigen ankommt, kooperiert die Ulmer Caritas mit mehreren lokalen Ulmer Vereinen. Zum Beispiel mit dem „Förderkreis für werdende Mütter und Familien in Not“, aber auch mit „Naht und Tat“, eine Initiative der katholischen Kirchengemeinden St. Georg und St. Michael zu den Wengen. Woran es aber immer irgendwie fehlt: Ausrüstung. Mehrere Frauen teilen sich in der Nähstube eine Nähmaschine. Ein paar Hundert Euro kostet ein Gerät. Der Bedarf an weiteren sei vorhanden, sagt Regina Konz.

Corona hat auch der Nähstube der Caritas zugesetzt. Denn eigentlich findet diese im eigens dafür ausgebauten Dachgeschoss einer Gemeinschafts-Unterkunft statt. Dort sind die Treffen wegen der Pandemie aber nicht mehr erlaubt, die Nähstube zog um ins Caritas-Haupthaus in der Olgastraße. Etwas beengter geht es hier zu, womit sich die Frauen aber arrangieren. Sie wechseln sich ab mit ihren Besuchen der Nähstube. Zwischen 30 bis 40 Frauen sind es, die über eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe kommunizieren.

Sogar echte Profi-Näherinnen machen mit. Vor dem Krieg arbeiteten in Syrien viele Frauen in diesem Beruf. Die Mitglieder der Nähstube haben aber auch ganz andere Hintergründe, sie waren Lehrerinnen oder Rechtsanwältinnen. Berufe, denen sie in Deutschland nicht nachgehen können. Hier sei es nun oftmals der Mann, der das Geld verdient; nicht selten hart schuftend in einem eher schlecht bezahlten Job. Und die Frauen? Sind für die Familie zuständig. Kinder kommen eher früh zur Welt. Manche Frauen aus der Nähstube sind erst 35 Jahre jung, aber bereits Oma.

Ziel der Nähstube von Regina Konz ist es, den Frauen zu helfen, damit sie „etwas Sinnvolles tun“. Und die Sprache lernen. Auch die Caritas bietet entsprechende Kurse an. Es scheint zu fruchten. Einige Frauen aus der Nähstube können sich sehr verständlich ausdrücken. Nachhilfe bekommen sie auch von ihren Kindern. Die, so Regina Konz, dank Kindergarten und Schule sehr schnell Deutsch sprechen würden.

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