Erste Spielzeit als Intendant am Theater Ulm: „Wichtig ist, was auf der Bühne passiert“

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 Kay Metzger hängt die Bilder in seinem Büro auf. Dieses hier stammt von seinem Hausdesigner Michael Hahn und zeigt Szenen aus
Kay Metzger hängt die Bilder in seinem Büro auf. Dieses hier stammt von seinem Hausdesigner Michael Hahn und zeigt Szenen aus Wagners „Siegfried“. (Foto: Alexander Kaya)
Schwäbische Zeitung

Für Kay Metzger beginnt die erste Spielzeit als Intendant am Theater Ulm. Für diese hat der 58-Jährige sich und seinem Team ehrgeizige Ziele gesetzt. Doch die aktuelle politische Situation in Deutschland beschäftigt ihn, wie er im Gespräch mit Markus Golling sagt.

Herr Metzger, ihr Vorgänger Andreas von Studnitz verwahrte seine E-Gitarren-Sammlung im Intendantenbüro, Sie sind ein Mann der Oper. Hält auf der Chefetage im Theater Ulm jetzt ein anderer Sound Einzug?

Was die Instrumente anbelangt – ja. Wobei ich kein Klavier habe, obwohl das Büro dafür groß genug wäre. Das sollte ich mir noch überlegen. Andreas von Studnitz hat das Büro wunderbar aufgeräumt. Und ich habe im Foyer des Theaters einen alten Schreibtisch entdeckt, der zur Urausstattung des Hauses gehörte und unter einer Treppe versteckt war. Den habe ich jetzt für mich reanimiert.

Was für eine Art Chef wollen Sie sein?

Natürlich ein künstlerisch kompetenter für alle Sparten, kommunikativ, fair und seinen Prinzipien treu bleibend. Das Wichtigste im Theaterbetrieb ist, dass man sich immer bewusst macht, dass es darum geht, was auf der Bühne passiert. Sonst verliert man sich im innerbetrieblichen Klein-Klein.

Was für einen Eindruck haben Sie vom Theater gewonnen? Sie haben vor den Ferien auch schon die Proben für ihre erste Ulmer Inszenierung, „Das schlaue Füchslein“ von Leos Janacek, begonnen.

Die Atmosphäre im Haus ist toll. Mit dem „Füchslein“ sind wir weit gekommen vor der Sommerpause. Es hat sich gezeigt, dass Alt und Neu sehr gut harmonieren. Da entsteht ein guter Teamgeist. Im Schauspiel ist das ähnlich. Jasper Brandis (der Schauspieldirektor, d. Red.) ist mit seinen „Räubern“ auch weit gekommen, die vollkommen neue Ballett-Truppe ist seit paar Tagen im Haus und arbeitet intensiv mit Ballettdirektor Rainer Feistel. Es wird ein schöner Prozess, zu erleben, wie hier verschiedene künstlerische Energien aufeinanderprallen und vielleicht neue freisetzen.

Für das Publikum startet die Spielzeit mit einem Premierenmarathon vom 27. bis zum 30. September. Dann sind gleich fünf neue Produktionen erstmals zu sehen, dazu gibt es ein Kammerkonzert. Machen Sie sich und ihren Leuten damit nicht unnötig Stress?

Meinem Team und mir war es sehr wichtig, am Anfang ein kraftvolles Zeichen zu setzen. Wir wollen zeigen, dass wir da sind, dass wir etwas wollen und dass wir etwas zu erzählen haben. Ich freue mich besonders auf den finalen Punkt, den „Judas“-Monolog im Münster. Es war sehr beglückend zu erleben, wie die Münstergemeinde das konstruktiv begleitet hat, Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland wird das Stück sogar musikalisch begleiten. Das ist die erste Stufe der Vernetzung in die Stadt hinein. Um das alles an einem Wochenende zu schaffen, braucht man sportiven Ehrgeiz, aber den haben wir.

Warum „Das schlaue Füchslein“ als allererstes Stück in der allerersten Spielzeit?

Zum einen war es lange nicht in Ulm zu sehen. Zum anderen will man am Anfang eine Setzung haben. Für mich ist „Das schlaue Füchslein“ poetisches Welttheater, es behandelt, was wir in der Inszenierung auch unterstreichen, auch das Thema Bürgerlichkeit - auch wenn es vordergründig um Tiere geht. Man kann mit einem Repertoireschlager wie „Tosca“ eröffnen, oder – wie von Studnitz und Matthias Kaiser – mit einem zeitgenössischen Werk wie „Wozzeck“. Zusammen mit Generalmusikdirektor Timo Handschuh und der Musikdramaturgie haben wir viel hin und her überlegt. Irgendwann kam die zündende Idee mit dem „Füchslein“. Der Probenprozess bestätigt unsere Wahl. Ich bin was die Inszenierung angeht sehr optimistisch, zumal es ein Werk mit einer grandiosen Musik ist.

Wie würden Sie Ihre eigene Handschrift als Regisseur beschreiben?

Mir ist es immer wichtig, dass über einer Konzeption eine sehr klare Personenführung steht. Das ist die Basis. Außerdem versuche ich, historische Werke für das zeitgenössische Empfinden rezipierbar zu machen, ohne mit der Keule von extremen Aktualisierungen um mich zu schlagen. Was die Ästhetik angeht, glaube ich nicht, dass es einen typischen Metzger-Stil gibt. Wobei letztens ein Kollege sagte, dass in vielen meiner Inszenierungen der Raum die Möglichkeit bietet, sich zu öffnen und andere Dimensionen zu eröffnen. Da habe ich mich erwischt, dass das bei mir tatsächlich öfter passiert.

In den letzten Jahren der Ära von Studnitz schwächelte bei der Besucherresonanz vor allem das Schauspiel. Wie lässt sich diese Entwicklung stoppen?

Ich habe das gar nicht so wahrgenommen, weil ich Andreas von Studnitz als Schauspielmann sehr schätze – er hatte auch ein tolles Händchen bei den Schauspielern, die er ans Haus geholt hat. Wir bieten einen Spielplan, der die Breite des Publikums gut treffen kann, der aber trotzdem nicht beliebig ist. Mit Stücken wie „Terror“ oder „Soul Kitchen“ kann man meiner Meinung nach auch ein junges Publikum erreichen und so zu den Zahlen des Musiktheater aufschließen.

Ihr Schauspieldirektor Jasper Brandis hat in der vergangenen Spielzeit mit „Die Krönung Richards III.“ im Großen Haus eine bemerkenswerte Arbeit abgeliefert, aber nicht die Massen bewegt. Ähnlich war es zuletzt bei anderen anspruchsvollen und zeitgenössischen Stoffen. Meidet das Ulmer Publikum die Herausforderung? Oder ist es zu konservativ?

Das Ulmer Publikum genießt den Ruf, sich solchen Herausforderungen zu stellen. Dieser Nimbus schwebt über dem Theater. Ich hoffe, dass das auch so ist. Eine Produktion wie „Richard III.“ ist etwas, das man sich leistet. Das ist ganz weit weg vom Mainstream und eine große Herausforderung für Publikum und Team. Auch wir haben mit Georg Kaisers „Von morgens bis mitternachts“ so eine Produktion auf dem Spielplan. Theater lässt sich nicht nur an Besucherzahlen messen. Ich habe das beim „Richard“ sehr bedauert, gerade weil ihn Fabian Gröver als Protagonist so wunderbar umsetzen konnte. Da hatten er und das gesamte Team mehr Publikum verdient. Aber man erlebt das auch bei einer Oper wie „Elektra“, dass sie nicht immer das Haus voll spielt. Vielleicht ist so ein Intendantenwechsel auch geeignet, Neugier zu wecken und eine neue Bewegung im Publikum zu erzeugen. Ich sage das ganz ohne Kritik an meinem Vorgänger.

Solche Stücke haben ja auch etwas mit Bildung zu tun. Ist die Idee des Theaters als Bildungsanstalt aus der Mode gekommen?

Wenn man nach Chemnitz blickt, ist es vielleicht wichtig, sich darauf zu besinnen, dass Theater nicht nur eine Unterhaltungsbude ist, sondern auch zum Diskurs auffordert, zum Nachdenken über sich und das Menschsein. Für mich schwingt das in den Spielplanüberlegungen immer mit. Vielleicht ist das anachronistisch, aber da bin ich Überzeugungstäter.

In Ihrer Intendanz wollen Sie sich inhaltlich mit Bürgertum und Bürgerlichkeit auseinandersetzen. Mit Blick auf Chemnitz und andere Vorfälle: Erleben wir derzeit den Niedergang des bürgerlichen Anstands?

In gewisser Weise ja, das kann man gar nicht beschönigen. Die Vorgänge von Chemnitz zeigen uns auf beklemmende Weise, dass die bürgerliche Mitte, wie wir sie in den 70ern, 80ern und 90ern kannten, so nicht mehr wahrzunehmen ist. Die Gesellschaft ist in einem Veränderungsprozess, da müssen wir alle sehr wachsam sein.

Es gibt kaum etwas Bürgerlicheres als das Theater. Geht dieser ehrwürdigen Institution das Publikum verloren?

Da muss man differenzieren. Durch meinen Ballettchef Reiner Feistel habe ich viel aus Chemnitz mitbekommen, ich kenne auch den dortigen Intendanten sehr gut. In den neuen Bundesländern ist es ungleich schwieriger als hier im Süden, dort kann man praktisch nur noch am Wochenende spielen, und dann auch nicht vor vollen Rängen. In Ulm hingegen gibt es einen sehr treuen Abonnentenstamm. Gleichwohl dürfen wir uns nicht zurücklehnen und Däumchen drehen. Ich werde ganz bewusst in den ersten zwei Jahren Angebote machen, die in die Breite gehen. Natürlich kommt „My Fair Lady“ in der ersten Spielzeit, ein Klassiker wie „Lucia di Lammermoor“ oder auch „Evita“ auf der Wilhelmsburg. Die Menschen sollen merken, dass wir gutes, sinnliches Theater machen, das auch einen Schauwert hat, damit wir die Bindung zum Publikum halten. Das ist eine große Aufgabe.

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