Erste Eltern verlieren schon die Nerven – wie Familien die Corona-Zeit gut überstehen

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 37 Kinder von Eltern aus sogenannten kritischen Infrastrukturen sind in Biberach für eine Notfallbetreuung angemeldet worden, d
Die meisten Kinder würden sich durch Rituale und die immer wiederkehrenden Abläufe im Alltag beruhigen lassen. (Foto: Uli Deck/dpa)
Schwäbische Zeitung

Kindertagesstätten und Schulen sind zu. Und plötzlich sind Familien auf sich gestellt. Keine Oma, die die Kinder betreut, keine Erzieherin, die sich um die Kinder kümmert. Und dann arbeiten viele Eltern auch noch von zuhause aus – eine explosive Mischung in einigen Familien, so die psychologische Beratungsstelle und das Kinderschutz-Zentrum des Kinderschutzbunds Ulm/Neu-Ulm. Bettina Müller und Sonja Kroggel geben Tipps, damit die Situation nicht eskaliert.

Kinder spüren die Sorgen der Eltern

Für Kinder sei alles, was so plötzlich anders ist, „erstmal verwirrend oder sogar ängstigend“. Die meisten Kinder würden sich durch Rituale und die immer wiederkehrenden Abläufe im Alltag beruhigen lassen. Aber auch für die Erwachsenen sei die aktuelle Corona-Situation „ungewiss und ängstigend“: die Sorgen, selbst zu erkranken, vielleicht den Arbeitsplatz zu verlieren, oder die Miete nicht mehr zahlen zu können.

Die Sorgen der Erwachsenen spürten die Kinder aber: „Das ist Ausdruck der innigen Verbundenheit von Kindern und Eltern.“

Viele Experten warnen nun vor dem Anstieg von Gewalt in der Familie. Denn je höher die Belastung der Eltern, desto eher komme es zu Gewalt gegen Kinder. Gewalt als Ausdruck der Überforderung und der Not der Erwachsenen. Für Kinder sei dies dann eine kaum aushaltbare Situation. Das eigene Zuhause ist kein sicherer Ort mehr – umso schlimmer, weil sie nicht ausweichen können. Kein Besuch bei einem Freund, kein Spielplatztreffen mit den Nachbarskindern.

Ein Kind, dass bei einer Ulmer Hilfe-Hotline angerufen habe, meinte: „Kannst du der Mama nicht einfach sagen, dass sie aufhören soll zu schreien und mit mir kuscheln soll?“

Vor der Krise habe sich manches durch den Alltag selbst geregelt; der Tag im Kindergarten oder in der Schule schafften Zeiten, um Konflikte zu beruhigen.

Den ganzen Tag miteinander zu verbringen, das sei für jede Familie eine Herausforderung und da müsse man nicht alleinerziehend sein, beengt wohnen oder sich gerade für eine Trennung entschieden haben.

Familien haben in Krisen oft eine eigene Kraft,

sagen die Beraterinnen.

Darum sei es nicht erstaunlich, dass bis auf wenige Ausnahmen alle ratsuchenden Familien, die schon vor der Corona-Krise Kontakt zu den Beratern in Ulm hatten, weiter telefonisch Beratung möchten. „Wissen Sie, jetzt streiten wir uns schon den ganzen Morgen mit meiner fünfjährigen Tochter wegen des Aufräumens und ich verliere immer mehr die Nerven...“, habe eine Mutter nach zwei Tagen ohne Kindergarten gemeint.

Aber, und das sei die gute Nachricht für alle Familien: „Familien haben in Krisen oft eine eigene Kraft.“ Denn fast jede Familie habe schon Erfahrungen mit Krisen – von Anfang an. Da muss das Baby mit fünf Wochen ins Krankenhaus, weil es eine Lungenentzündung hat, da wechselt der Sohn die Schule, weil es massive Konflikten in der Klasse gibt.

Darum seien viele Eltern gute Krisenmanager. Und darum sei es so wichtig, sich in dieser Zeit auf diese Kraft und auf seine Fantasie zu besinnen. Tipp: „Stellen Sie bewusst das Positive in den Vordergrund. Überlegen Sie als Eltern, was Sie an ihrem Kind mögen und was es gut kann. Und was machen Sie als Eltern richtig gut? Was klappt gut im Miteinander? Loben sie ihre Kinder und sich dafür. Und zwar von ganzem Herzen.“

Dann erst überlegen sollten sich Eltern überlegen, was sie aktuell im Zusammenleben nervt. „Und stellen Sie sich die Frage, ob es wirklich etwas mit Ihrem Kind oder viel mehr mit Ihrem eigenen Stress zu tun hat. Sprechen Sie mit Ihrem Partner oder einer Freundin darüber, was sie stresst.“ Vielleicht, so die psychologische Beratungsstelle und das Kinderschutz-Zentrum des Kinderschutzbunds, „haben Sie gemeinsam gute Ideen und vielleicht brauchen Sie für diese neue Situation einfach andere Regeln.“

Spielen in der Badewanne

Beispiele: „In der Badewanne darf jetzt zwei Stunden Playmobil gespielt werden. Die Matratze wird auf den Boden zum Toben gelegt... Besprechen Sie Ihre Vorstellungen mit den Kindern – oft haben Kinder selbst die besten Einfälle.“

Für viele Kinder könne es auch eine sehr schöne Erfahrung sein, dass ihre Eltern nun zuhause sind und vielleicht ein bisschen mehr Zeit haben.

Und wenn Eltern merken, dass die Konflikte sie oder die Kinder zunehmend belasten, sollen diese sich telefonische Hilfe holen. Es sei nicht gut zu warten, bis die Situationen eskalieren. Eltern hätten das Recht auf Beratung. „Die aktuelle Situation stellt Eltern vor besondere Herausforderungen. Alle Beratungsangebote in den Erziehungsberatungsstellen und Kinderschutz-Zentren sind für Eltern, Kinder und Jugendliche kostenfrei und auf Wunsch auch anonym.“

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