El-Halabis Comeback ins Leben: „Die meisten wären kaputt gegangen“

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Die Boxerin Rola El-Halabi, die von ihrem Stiefvater angeschossen wurde, zeigt in Ulm (Baden-Württemberg) während einer Pressekonferenz eine Narbe auf ihrem Handrücken. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Als ihr Stiefvater sie mit Schüssen schwer verletzt hatte, schienen Leben und Karriere der Box-Weltmeisterin Rola El-Halabi zerstört. Doch die in Beirut geborene Ulmerin kämpfte sich zurück in den Boxring - und ins Leben. 2013 war für sie ein bewegender Neubeginn.

Die Erinnerung an das Attentat hat Rola El-Halabi immer wieder vor Augen. Die große Narbe, die sich auf dem Rücken ihrer rechten Schlaghand entlangzieht, steht für die körperlichen und seelischen Wunden der Ulmer Box-Weltmeisterin. Insgesamt zwölf Narben rühren von den Schüssen her, mit denen ihr Stiefvater sie im April 2011 zum Krüppel machen wollte. Doch er hatte keinen Erfolg: Während er noch eine Weile im Gefängnis sitzt, hat sich seine in Beirut geborene Tochter ins Leben zurückgekämpft. 2013 war für sie eine Wiedergeburt - nicht nur als Boxerin.

Mental nun sehr viel stärker als früher

„Die meisten Menschen hätte ein solcher Anschlag sicher kaputt gemacht“, sagt El-Halabi der Nachrichtenagentur dpa. Sie aber gab nicht auf, und der Sport half ihr dabei. Trotz der schweren Verletzungen hatte die 28-Jährige Glück im Unglück. Sie kann wieder ohne Beeinträchtigungen boxen. Im Ring haben sie die schlimmen Erfahrungen sogar besser gemacht: Mental sei sie nun sehr viel stärker als früher, erklärt El-Halabi.

Am 12. Januar feierte sie in Ulm ihr Comeback gegen die Deutsch-Italienerin Lucia Morelli, im selben Monat kam ihr Buch „Stehaufmädchen“ auf den Markt, und im Oktober heiratete sie ihren Freund Kosta. Den WM-Kampf im Leichtgewicht gegen Morelli verlor sie zwar, doch im August holte sie sich in Laubach den WBF-Titel im Halbweltergewicht und verteidigte ihn im September in Saarbrücken.

Eifersüchtiger Stiefvater

„Das Jahr war turbulent, es war eines der anstrengendsten bisher“, sagt El-Halabi. Sie dachte zunächst, es würde sie belasten, dass sie ihre Geschichte immer wieder erzählen musste: Wie ihr eifersüchtiger Stiefvater sie vor dem WM-Kampf in Berlin gegen die Bosnierin Irma Adler in die Hand, beide Füße und ins Knie schoss. Er hatte zuvor verlangt, dass sie sich von ihrem Freund trennt, doch sie tat es nicht. Deshalb versuchte er, ihre Karriere zu zerstören.

Doch wenn El-Halabi später schilderte, was ihr widerfahren ist und wie sie sich fühlt, dann half ihr das auch bei der Verarbeitung. „Ich gewann Distanz. Je mehr Menschen ich das erzählte, desto mehr Menschen konnte ich Kraft geben“, sagt sie. „Das baut einen auf, denn Du ziehst Dich nicht ins Schneckenhaus zurück, sondern kannst offen damit umgehen.“ Ihr haben die Familie, ihr Hund und am meisten ihr Mann geholfen. „Er stellte seine Wünsche komplett zurück und war bedingungslos an meiner Seite.“

„Er hat diese Krankheit, die sich Stolz nennt.“

Ihr Stiefvater habe dagegen alles kaputt gemacht, deshalb möchte sie von ihm endlich eine Entschuldigung haben. „Ich erwarte das“, betont El-Halabi. Es würde ihr helfen, so glaubt sie, wenn er in einem Brief schreiben würde: „Hey, ich habe Mist gebaut.“ Vielleicht könnte sie ihm dann verzeihen und das Thema abschließen. Doch sie glaubt, dass er dafür zu schwach ist. „Er hat diese Krankheit, die sich Stolz nennt“, sagt El-Halabi. So fürchtet sie sich vor der Zeit, wenn er aus der Haft entlassen wird. „Diese Ungewissheit macht mir Angst, weil ich die Situation und sein Verhalten nicht einschätzen kann.“ Freikommen werde er frühestens 2015.

Zunächst aber freut sich Rola El-Halabi auf 2014. Sie will 2013 noch einmal „toppen“. Im Frühjahr werde sie ihren Titel verteidigen, kündigt sie an. Die Gegnerin steht noch nicht fest. Den größten Kampf hat sie aber ohnehin schon gewonnen: den Kampf zurück in ein normales Leben.

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