Ein Ulmer ist Bundestrainer: Marcus Sorg coacht die DFB-Elf gegen Weißrussland

Lesedauer: 6 Min
Interims-Bundestrainer Marcus Sorg  beobachtet gut gelaunt das Train
Interims-Bundestrainer Marcus Sorg (Deutschland Germany) beobachtet gut gelaunt das Train (Foto: via www.imago-images.de)
Patrick Strasser

Es gibt da diesen Spruch. Wer nach 2012 geboren wurde, hat nie einen anderen Meister als den FC Bayern erlebt. Oder so: Wer nach der WM 2006 auf die Welt kam, kennt keinen anderen Bundestrainer als Joachim Löw. Und: Aus dem Kreis der aktuell 22 nominierten Spieler hat nicht mal Kapitän und Senior Manuel Neuer (33) bei der Nationalelf unter einem anderen Chef gearbeitet.

Löw, der ewige Jogi, fehlt beim anstehenden Doppeltermin der EM-Qualifikation der Nationalmannschaft zum endgültigen Saisonabschluss gegen Weißrussland am Samstag (20.45/RTL) und gegen Estland am Dienstag, erstmals. Wegen einer Arterienquetschung und daraus resultierenden Durchblutungsstörungen, Nachwirkungen eines Unfalls im Fitnessstudio, soll sich der 59-Jährige zu Hause schonen.

Vollblut-Trainer, der eigene und klare Ideen hat, stets ein wahrer Teamplayer ist

Oliver Bierhoff über Marcus Sorg

Also sind nun alle Augen auf seinen Stellvertreter gerichtet: auf Marcus Sorg, den Ulmer, seit drei Jahren Löws Assistent. Laut DFB-Direktor Oliver Bierhoff ist der 53-Jährige ein „Vollblut-Trainer, der eigene und klare Ideen hat, stets ein wahrer Teamplayer ist“. Und das hauptberuflich seit 20 Jahren.

Instruktionen
Assistenztrainer Marcus Sorg gibt während des öffentlichen Trainings der Nationalmannschaft Anweisungen. (Foto: Federico Gambarini / DPA)

Der studierte Bauphysiker betrieb einst, noch während seiner Spielerkarriere, ein Ingenieursbüro. Er kennt das Puzzlespiel, eine Mannschaft zu bauen und zu führen. „Ich bin es gewohnt, vor einer Gruppe zu reden, Training durchzuführen und Entscheidungen zu treffen“, sagt Sorg.

Meine Gefühlslage ist gut, im grünen Bereich. Die Spieler haben mir sehr geholfen, haben ein gutes Gespür für die Situation.

Marcus Sorg

Nach der Ankunft des DFB-Trosses in Minsk sprach Sorg im Haus des weißrussischen Fußballverbandes am Abend: „Meine Gefühlslage ist gut, im grünen Bereich. Die Spieler haben mir sehr geholfen, haben ein gutes Gespür für die Situation. Die Mannschaft hat in allen Einheiten letzte Woche gut mitgezogen.“

Die Wurzeln des Kurzzeit-Bundestrainers liegen in Ulm, der Geburtsstadt von Uli Hoeneß. Im Stadtteil Söflingen, 11.000 Einwohner, begann Sorg als Fünfjähriger bei der örtlichen Turn- und Sportgemeinde, wechselte mit zwölf Jahren zum SSV Ulm 1846.

Ich bin wie die Jungfrau zum Kinde Trainer geworden, hatte eigentlich nie das Ziel

Marcus Sorg

Mit 18 gelang dem Stürmer mit den Spatzen der Aufstieg in die Zweite Liga, dann stockte die Karriere. Er wechselte zu den Amateuren des VfB Stuttgart, begann parallel sein Studium. Nach Stationen in Ditzingen und beim VfR Mannheim beendete er 1999 seine Karriere, machte die Trainerscheine. „Ich bin wie die Jungfrau zum Kinde Trainer geworden, hatte eigentlich nie das Ziel“, erinnert sich Sorg. Zufälle machen Karrieren. Während der Prüfungsphase wurde er angesprochen.

Trainingsleiter
Marcus Sorg vertritt derzeit den erkrankten Bundestrainer Joachim Löw. (Foto: Marius Becker / DPA)

Sorgs erste Stationen als Coach: Stuttgarter Kickers, Ditzingen, Heidenheimer SB, SSV Ulm – sein Büro behielt er da noch. 2008 der entscheidende Karriereschnitt mit dem Wechsel zum SC Freiburg: Scout, U17-Trainer, Coach der Amateurmannschaft. Im März 2011 die Beförderung zum Cheftrainer der Profis. Mit mäßigem Erfolg. Kurz vor Silvester desselben Jahres war der SC Tabellenletzter, Sorg musste gehen. Sein Nachfolger: Christian Streich, im Amt bis heute.

Sorgs Pflicht: Sechs Punkte für die EM-Qualifikation

Die Arbeit im Nachwuchsbereich war eher Sorgs Ding. Über die U17 des FC Bayern landete er 2013 als U19-Coach beim DFB. Vor drei Jahren holte ihn Löw in seinen Stab. Und plötzlich steht er im Rampenlicht von Minsk. Erstmals seit 1974 fehlt ein Bundestrainer wegen Krankheit. Damals wurde Helmut Schön von Assistent Jupp Derwall vertreten. Beim 1:0 auf Malta setzte Derwall, ab 1978 Schöns Nachfolger, gleich mal sechs Debütanten ein.

Sorg wird alles absprechen mit Löw, der nach seinem Klinikaufenthalt wieder zu Hause in Freiburg ist. Telefonjoker Jogi hat jedoch mehr als 30 Sekunden Zeit zur Beantwortung der Fragen. „Wir telefonieren jeden Abend, sprechen gewisse Dinge ab. Auch die Aufstellung besprechen wir gemeinsam, der Bundestrainer wird das letzte Wort haben. Mit den Spielern spreche ich am Spieltag“, berichtete Sorg am Freitag.

Der Stellvertreter will mit den beiden Spielen keine Bewerbung für den Cheftrainer-Posten abgeben – um Gottes Willen! Sorg will nicht dauerhaft in die vorderste Reihe, beteuerte: „Dass er sich darauf verlassen kann. Das muss ich nicht versprechen.“ Denn Sorg ist auch nur ein Neun-Tage-Trainer. Mit der Pflicht, sechs Punkte zu gewinnen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen