Ein Ulmer Christkind für Frankfurt

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Diese spätgotische Christuskind-Skulptur ist jetzt im Frankfurter Liebieghaus zu sehen. Zugeschrieben wird sie der Ulmer Werksta
Diese spätgotische Christuskind-Skulptur ist jetzt im Frankfurter Liebieghaus zu sehen. Zugeschrieben wird sie der Ulmer Werkstatt des Ende des 15. Jahrhunderts wirkenden Bildhauers Michel Erhart. (Foto: Liebieghaus)

„Jesulein“ waren im Spätmittelalter in den Frauenklöstern sehr beliebt. Sie wurden von den Nonnen bekleidet, liebkost und gewiegt und wie reale Kinder behandelt. Punktgenau vor dem Weihnachtsfest gab das Frankfurter Liebieghaus bekannt, dass es ihm gelungen ist, mit Unterstützung der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung und mit Mitteln aus einem Nachlass ein solches spätgotisches Christuskind aus der Zeit um 1470 zu erwerben.

Stefan Roller, Mittelalterspezialist des Hauses und früher am Ulmer Museum tätig, schreibt die 63,5 Zentimeter hohe Figur dem Umkreis der Ulmer Werkstatt Michel Erharts zu (um 1440/45 bis nach 1522). Die „Durchbildung des Körpers“ und die farbige Fassung seien sehr qualitätvoll und somit ein glänzendes Zeugnis für die Kunst der Ulmer Bildhauer in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts – parallel zum Ulmer Chorgestühl und anderen herausragenden Plastiken dieser Epoche.

Die hübsche, sehr lebendige Physiognomie mit seiner berührenden fröhlichen Mimik werde noch durch die anspruchsvolle original erhaltene Bemalung unterstrichen: „Das verdeutlicht besonders eindrucksvoll die differenzierte farbliche Gestaltung des Gesichtes mit der schönen Zeichnung der Augen, den zarten Bögen der Augenbrauen sowie den roten Lippen und Wangen“, teilt das Liebieghaus mit.

Die Unterarme der Figur fehlen allerdings – wahrscheinlich, so Roller, wurden sie abgesägt, „um das Be- und Entkleiden zu erleichtern“. Die Neuerwerbung macht das Frankfurter Museum besonders stolz, weil, so der Experte, „Figuren in dieser Qualität auf dem Kunstmarkt in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu haben waren“. Die Figur zähle „zu den schönsten ihrer Art“.

Spätmittelalterliche Christusfigürchen sind keine Seltenheit in musealen und privaten Sammlungen. Zumeist stammen die Exemplare aus dem niederländischen Mecheln, wo am Anfang des 16. Jahrhunderts massenweise dieser sehr beliebten Figuren hergestellt wurden. „Doch das Frankfurter Exemplar setzt sich nicht nur durch seine außergewöhnliche Größe in der Höhe sondern auch durch die besondere künstlerische Raffinesse des Bildwerkes von der Mehrzahl der erhaltenen kleineren Christuskinder deutlich ab“, heißt es in einer Pressemitteilung aus Frankfurt.

Das Liebieghaus beherbergt die Skulpturensammlung der Stadt Frankfurt am Main. Die Villa am Schaumainkai, die ihren Namen von ihrem Erbauer, dem Textilfabrikanten Heinrich von Liebieg hat, gehört zu den Museen am Museumsufer. Sie beherbergt Skulpturen von der Antike bis zum Klassizismus sowie Werke aus Ostasien.

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