Ein Rocker darf sich ruhig mal verlaufen

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Ein Rocker darf sich ruhig mal verlaufen
Ein Rocker darf sich ruhig mal verlaufen
Schwäbische Zeitung

Der alte „Steppenwolf“ hat noch Biss. Wenn am kommenden Freitag die Media-Control-Charts erscheinen, dann grüßt der 60-jährige Peter Maffay von der Spitze. Seit 40 Jahren steht er auf der Bühne. Für das neue Album „Tattoos“ hat er seine größten Hits neu aufgenommen. Jetzt zieht er durch die Lande: Am Sonntag war er in Ulm bei Radio 7 in „Matzes Plattenküche“.

Von unserem Redakteur  Jürgen T. Widmer

„Auf dem Weg zu mir hab‘ ich mich oft verlaufen“, heißt es in einem Maffay-Song. Auf dem Weg ins Stadthaus in Ulm scheint Peter Maffay sich ein bisschen verfahren zu haben. Während die Journalisten auf die versprochenen Interviews warten, wird die Schlange vor dem Stadthaus-Cafe lang und länger. Hier stehen die 100 Fans, die eine Karte für die Aufzeichnung von „Matzes Plattenküche“ ergattert haben. Bis aus Worms sind Maffay-Fans angereist. „Für einen Easy Rider, da ist der Highway nie zu Ende“, heißt es in „Schatten in die Haut tätowiert“.

Es sind solche Sätze, die Musikkritiker regelmäßig aufjaulen lassen, wenn ein neues Maffay-Album auf den Markt kommt. Der Mann aus Siebenbürgen in Rumänien hat es zu einem veritablen Feindbild für all jene geschafft, die sich im Musikjournalismus als Bewahrer des Rock’n’Roll aufspielen. Das hat Maffay am eigenen Leibe teilweise recht schmerzhaft erfahren müssen. 1982 spielte er im Vorprogramm der Rolling Stones. Gleich zum Tourauftakt in Hannover wurden er und seine Band mit Tomaten und Eiern beworfen, teilweise auch mit Cola-Dosen. Wobei ihn der Spott und die Häme noch mehr geschmerzt haben dürften als die Wurfgeschosse. Glaubte er doch mit dem 1979-er Album „Steppenwolf“ den Schritt zum Rocker gemacht zu haben. Was ihm Kritiker damals wie heute vorwerfen, ist mangelnde Glaubwürdigkeit. Sie wittern in ihm einen Schlagerfuzzi, der sich mit einem Lederjäckchen als Rocker tarnt.

„Heute spielt das auch nicht mehr die Rolle. Diese Grabenkämpfe wie früher sind nicht mehr so wichtig“, sagt Maffay, der sich klar als Rockmusiker sieht. In Zeiten, in denen die Sportfreunde Stiller Udo Jürgens covern und einstige Gangster-Rapper wie Bushido brav neben CDU-Politikern posieren, wirkt der knorrige Maffay ohnehin wie die Inkarnation des Rock’n’Roll.

Bereits 1970 hatte der nur 1,67 Meter große Sänger seinen ersten Hit. „Du“ war eine typische Schlagerschmonzette im Stil der Zeit. Maffay fand sich von einem Tag auf den anderen in einer Liga mit Costa Cordalis, Chris Roberts oder Christian Anders. Doch während jene längst durch Möbelhäuser und Teppichmärkte tingeln, füllt Maffay nach wie vor die ganz großen Hallen. 700 000 Fans kommen pro Tour zu ihm. Mit „Tattoos“ besetzt er zum 14. Mal die Top-Position in den Verkaufscharts, öfter als jeder andere deutschsprachige Musiker.

Die Fans, nicht nur in Ulm und Worms, lieben ihren Peter. Selbst dann, wenn er sie ausnahmsweise warten lässt. Denn Maffay hat, bei allen Lebenskrisen mit Alkohol und Scheidungen, eines immer gewusst: Auf die Fans ist Verlass. „Wer Musik macht, muss die Menschen mögen“, sagt er später im Interview. Längst könnte der 60-Jährige daheim am Starnberger See bleiben und sich ausruhen. Doch seine sieben Hunde müssen immer wieder auf ihr Herrchen verzichten. Maffay ist ein Rastloser, ein Arbeitstier. Seine Stiftung hilft traumatisierten Kindern, er engagiert sich im Umweltschutz und der Friedensbewegung. Am Samstagabend stand er bei Carmen Nebel auf der Bühne, dann geht es weiter nach Ulm, bereits am heutigen Dienstag sitzt er in Stefan Raabs Jury für den Eurovisionssong. Er ist ein Grenzgänger. Auch wenn er sich als Rockmusiker versteht und seine Band früher mit Udo Lindenberg auf Tour war, schwingt doch ein wenig Schlager immer mit. Aber Schlager und Rock haben auch durchaus etwas gemeinsam: Sie bieten beide kleine Fluchten. Eigentlich hat Maffay den Rock’n’Roll wieder denen zurückgegeben, denen er gehört: den kleinen Büroangestellten, den Friseurinnen und Finanzbeamten, die so ihren Traum von „Freiheit, die ich meine“ für drei Minuten träumen können. Seine Fans sind den langen Weg mit ihm gegangen. Vermutlich wird diese Treue andauern. Auch, weil sich der 60-Jährige seiner Falten nicht schämt. In seinem Gesicht hat das Leben „Tattoos“ hinterlassen: Furchen, Falten. Maffay leugnet das Alter nicht, er ergibt sich ihm aber auch nicht. Im Herbst geht er auf Tour. Begleitet von einem großen Sinfonieorchester, seiner Band und jeder Menge Fans. Für den „Steppenwolf“ ist die Reise noch nicht zu Ende.

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