Ein einziges Abenteuerland – 6000 Fans feiern mit Pur

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 Hartmut Engler im lockeren Bühnenoutfit. Der Sänger und die Bandkollegen von Pur begeistern im Wiblinger Klosterhof etwas länge
Hartmut Engler im lockeren Bühnenoutfit. Der Sänger und die Bandkollegen von Pur begeistern im Wiblinger Klosterhof etwas länger als zwei Stunden Tausende Zuhörer. In schöner, fast schon familiärer Atmosphäre, singen diese lautstark die Hits der Popband mit. (Foto: Andreas Brücken)
Carolin Lindner

Die ersten Klänge reichen, um die Zuhörer frenetisch jubeln zu lassen: Sie wissen genau, welches Lied kommt. Dann stimmt Pur-Sänger Hartmut Engler „Freunde“ an – und die 6000 Fans Wiblinger Klosterhof verschmelzen zu einem Freiluft-Chor mit beeindruckendem Klangkörper.

Die fünf Musiker aus dem schwäbischen Bietigheim-Bissingen fühlen sich in Ulm sichtlich wohl und bringen eine Stimmung in die Menge, der man sich nicht entziehen kann. Es ist locker, es ist friedlich und mag es noch so warm und eng sein an diesem Abend beim ausverkauften Open Air im Klosterhof: Im Pulk stehend, stößt man gut gelaunt mit fremden Leuten an, die sich mit ihrem Bier an einem vorbeidrücken.

Eingängige Refrains

Und das, obwohl die Wartezeit an den Verpflegungsständen trotz der erhöhten Kapazitäten auch während des Konzerts teilweise lange ist. Zuhörer in Freizeitkleidung unterhalten sich über Liedtexte und schmettern gemeinsam die eingängigen Refrains mit – und eine beeindruckende Anzahl beherrscht fast jedes Wort bei Klassikern wie „Ich lieb dich“, „Lena“ und „Funkelperlenaugen“.

Auch kleine Änderungen merken eingefleischte Fans und reagieren mit einem Schmunzeln, wie bei „Hör gut zu“. Da tauscht der mittlerweile 57-jährige Engler seine ehemaligen fünf Kilo Übergewicht gegen sechs.

Konzert ist eine Art Lebensgefühl

Die Popband braucht insgesamt keine großen Worte, keine große Technik, um ihre Fans zufrieden zu stellen – es reicht, wenn sie da ist und die „grandiose Atmosphäre“ im Klosterhof lobt. Und es ist ohnehin mehr als ein Konzert, es ist eine Art Lebensgefühl.

Das gemeinsame Singen schweißt zusammen, die Kanon-Einlagen gehören schon zur Tradition und so mancher erinnert sich an frühere Konzerte im Wiley oder auf dem Münsterplatz.

Dabei ist das Publikum keineswegs so alt, wie man nach fast 40-jähriger Bandgeschichte von Pur meinen könnte. Mitte-50-Jährige und 30-Jährige bilden das Gros, doch auch der ein oder andere kleine Fan sitzt auf den Schultern des Vaters und singt begeistert mit – in dem Fall aber eher die aktuellen Lieder.

16. Studioalbum „Zwischen den Welten“ im Herbst veröffentlicht

Bei diesen neuen und damit unbekannteren Titeln, die zwischen den Klassikern eingebaut werden, wippen die Großen durchaus wohlwollend mit und lauschen den Texten. Solche Momente nutzt Sänger Hartmut Engler, um etwas über den Inhalt der Stücke auf dem mittlerweile 16. Studioalbum „Zwischen den Welten“ zu erklären.

Das Album kam im Herbst 2018 auf den Markt, es geht um Toleranz, Interesse und Respekt. Jeder solle einmal über den eigenen Tellerrand schauen, fordert Engler die Fans in einem leidenschaftlichen Plädoyer auf. Doch richtig gute Stimmung kommt trotzdem hauptsächlich dann auf, wenn Bekanntes ertönt.

Sänger blinzelt einzelne Tränen weg

Als Frontmann Engler von seiner Mutter erzählt, die mit 91 Jahren gestorben ist, und dazu „Wenn sie diesen Tango hört“ in Verbindung mit „Anni“ singt, bekommt man Gänsehaut. Beim Lieblingslied seiner Mutter blinzelt der Sänger einzelne Tränen weg, es entsteht ein intimer Moment zwischen ihm und 6000 Zuhörern, und im sonst so lauten Hof wird es ganz still. Der anschließende Applaus dauert länger an als bei allen anderen Stücken und es ertönen Bravo-Rufe.

Bei der Open-Air-Tour „Zwischen den Welten“ wechselt die Band zwischen langsam und schnell, aktuell und älter und vergisst in etwas mehr als zwei Stunden nie ihre wahren Hits – zur Freude der Zuhörer. Spätestens als „Abenteuerland“ angestimmt wird, sind auch alle Fans dort angekommen: in ihrem eigenen Abenteuer.

Eine der erfolgreichsten deutschen Musikgruppen

Und es kommt nicht von ungefähr, dass sich genau hier alle wiederfinden. Das gleichnamige Album aus dem Jahr 1995 war mit Abstand das erfolgreichste und stand sieben Wochen lang auf Platz eins der Charts. Bis 2009 schaffte die Popband das mit jedem ihrer Alben. Diese Zeit machte aus Pur eine der erfolgreichsten deutschen Musikgruppen.

Dass die Fans bis heute treu sind und neue dazukommen, zeigen ausverkaufte Konzerte in den größten Arenen Deutschlands. Und trotzdem spielen Pur gerne vor kleinerem Publikum wie im Klosterhof. „Es ist so schön, wenn die Lichter nicht ausgehen wie in den Hallen und wir euch sehen“, ruft Engler seinen Fans zu. Es ist eben schwäbisch heimelig in Wiblingen.

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