DRK-Tafelladen zwischen Überfluss und Mangel

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Edith Bode gründete vor 20 Jahren den Ulmer Tafelladen.
Edith Bode gründete vor 20 Jahren den Ulmer Tafelladen. (Foto: Hinzpeter)
Schwäbische Zeitung
Barbara Hinzpeter

Vor 20 Jahren eröffnete der DRK-Kreisverband in Ulm seinen ersten Tafelladen. Der war gerade mal 20 Quadratmeter groß, wie sich Initiatorin Edith Bode erinnert. Sie war maßgeblich an der Entwicklung beteiligt: Aus dem bescheidenen Anfang in einem aufgegebenen Friseurgeschäft Ecke Kornhausplatz/Breite Gasse sind mittlerweile sechs Tafelläden in Ulm und im Alb-Donau-Kreis entstanden, die auf rund 300 Ehrenamtliche zählen können und zusammen pro Jahr bis zu 80 000 Einkäufe verzeichnen.

Die Logistik obliegt der inzwischen hauptamtlichen Leitung in Ulm. Sie koordiniert beispielsweise das Einsammeln und Verteilen der gespendeten Lebensmittel. Täglich sind dazu vier Kühltransporter im Einsatz, um wertvolle Lebensmittel vor der Vernichtung zu retten und damit bedürftigen Menschen zu helfen.

Tafeln erleben Boom

Nötig sind die Tafeln nach wie vor. Denn trotz niedriger Arbeitslosigkeit nimmt die Armut nicht ab. Im Gegenteil. „Wir haben immer mehr Rentner, die arm sind, oder Menschen, die von ihren niedrigen Löhnen nicht leben können“, sagt Claudia Steinhauer, Leiterin der Abteilung Soziale Dienste beim DRK-Kreisverband Ulm.

Am Anfang stand laut Edith Bode ein „Eine-Frau-Betrieb“. Die Ehrenamtliche war seit 1995 täglich selbst im eigenen Renault 4 unterwegs, um Waren in den Geschäften, bei Supermärkten oder Bäckereien abzuholen.

Damals hatte sie,angeregt durch einen Fernsehbericht über wohltätige amerikanische „Upper-Class-Ladies“, täglich im DRK-Übernachtungsheim aus gespendeten Zutaten ein warmes Essen für Wohnsitzlose und andere Bedürftige gekocht. „Eigentlich wollte ich das nur vier Wochen lang machen“, sagt die heute 89-Jährige. An die erste Mahlzeit erinnert sie sich noch gut: „Es gab Chinakohl mit Frühstücksfleisch aus der Dose, das der Bundeswehrstandort gespendet hatte.“ Die Gäste kamen, ans Aufhören war also nicht mehr zu denken.

Auch die Menge der Waren nahm zu, sodass die Tafelladen-Idee reifte. Bei Karin Ambacher, Leiterin des Übernachtungsheims, und Claudia Steinhauer fiel sie auf fruchtbaren Boden. Mit tatkräftiger Unterstützung von Rotkreuzmitgliedern des Blausteiner Ortsvereins wurde der Verkaufsraum am der Kornhausplatz gestaltet und mit gebrauchter Einrichtung bestückt. So öffnete im Januar 1998 in Ulm der erste Tafelladen des DRK in Baden-Württemberg. „Damals gab es 48 Tafelläden in ganz Deutschland, wir waren Nummer 28“, sagt Bode.

Die Nachfrage war groß, aber die Nachteile des Standorts sollten sich bald herausstellen: Der Laden war zu klein, und die Kundschaft, die davor Schlange stand, fühlte sich auf dem Präsentierteller.

Auf der Suche nach einer neuen Bleibe

Edith Bode machte sich auf die Suche, klapperte 42 Adressen ab, bis sie schließlich in der Keplerstraße fündig wurde. Der Raum war doppelt so groß. „Wir dachten, boah, jetzt haben wir Platz“, sagt sie. „Die Leute standen zwar immer noch auf der Straße, aber wenigstens nicht mehr mitten in der City.“

Bis vor zwei Jahren half Edith Bode noch mit im Ulmer Laden, der dank ihrer Initiative mittlerweile in der Schaffnerstraße untergebracht ist. Als der Kindergarten aus dem Anbau und dem Hinterhofgebäude beim Bürgerhaus Mitte auszog und von Abriss gesprochen worden sei, „da wurde ich wach“, sagt die gebürtige Niedersächsin. Sie wandte sich ans Liegenschaftsamt – und hatte wieder einmal Erfolg. Im Anbau kam der Tafelladen unter, im Nebengebäude die Kleideroase. Die Eingänge liegen geschützt hinter dem Bürgerhaus.

Aber ganz zufrieden ist Edith Bode immer noch nicht: „Ich würde mir noch mehr Akzeptanz wünschen“, sagt die zierliche 89-Jährige. Nach wie vor halte Scham viele Bedürftige und erwiesenermaßen Berechtigte – zum Beispiel Besitzer einer Lobbycard- davon ab, im Tafelladen einzukaufen, bedauert sie. „Mit dem Geld, das sie hier sparen, können sie sich vielleicht mal eine Konzert- oder Kinokarte leisten“, wünscht sich Edith Bode.

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