Diese Igel haben ihr eigenes Dorf

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Renate Hartwig aus dem Nersinger Ortsteil Straß hat im November vier Igeljunge im heimischen Gewächshaus einquartiert – und sie
Renate Hartwig aus dem Nersinger Ortsteil Straß hat im November vier Igeljunge im heimischen Gewächshaus einquartiert – und sie vor dem sicheren Tod gerettet. (Foto: Andreas Brücken)
Ariane Attrodt

Es war ein verregneter Nachmittag im September, an dem Renate Hartwig aus dem Nersinger Ortsteil Straß überraschend zur Adoptivmutter für vier kleine Igeljunge wurde. Gegen Mittag entdeckte sie das erste Jungtier – winzig, ohne jede Chance, den Winter ohne Hilfe zu überleben. Kurzerhand stellte Hartwig ein Häuschen für den Igel im Gewächshaus ihres Mannes auf, brachte ihm ein kleines Schüsselchen mit Futter. Stunden später entdeckte die 65-Jährige wieder einen kleinen Igel im Garten.

„Ich habe zu meinem Mann gesagt, dass er ein Loch im Gewächshaus haben muss.“ Hartwig eilte hinaus, es regnete immer noch in Strömen. „Dann habe ich den Igel ins trockene Gewächshaus getragen – sitzt da schon einer drin. Dann war das Nummer zwei“, sagt Hartwig. „Die sehen ja alle gleich aus“, fügt sie hinzu und lacht. Genau dasselbe passierte einige Zeit später wieder – da waren es dann drei Igel.

Weitere Igel kommen dazu

Als gegen halb sieben Uhr abends die Nachbarin mit einer Schüssel vor Hartwigs Tür stand, freute sie sich: „Ich dachte, sie hat etwas zu Essen dabei.“ Zum Kochen war an jenem Tag schließlich keine Zeit geblieben, musste doch jeder der kleinen Igel zunächst gebadet – und danach geföhnt werden. „Sonst erkälten sie sich doch“, erklärt Hartwig. Auch Wurmtabletten bekamen sie unters Futter gemischt. Doch statt eines nahrhaften Abendessens hatte die Nachbarin etwas anderes in der Schüssel: einen weiteren Igel. „So kam ich also zu vier Igeln“, erzählt Hartwig. „Und alle am selben Tag, die haben sich abgesprochen.“

Zunächst versuchte Hartwig, die Igel an einen Tierschutzverein abzugeben, aber dort waren die Kapazitäten schon voll. Man habe ihr auch gesagt, dass die vier den Winter nicht überleben werden, zu klein seien. Gerade einmal zwischen 190 und 270 Gramm wogen sie damals. Allerdings bekam sie Tipps für das Füttern: Einmal die Woche bekommt beispielsweise die Viererbande angebratenes Rinderhackfleisch, einmal die Woche wird Rührei serviert.

Seit Ostern auf Freigang

Mittlerweile sind die Igel nicht nur deutlich zu Kräften gekommen – sie wiegen mittlerweile zwischen 670 und 710 Gramm. Bis kurz vor Ostern genossen sie ihr Leben im und rund ums Straßer Gewächshaus sehr: Auch wenn jeder der vier sein eigenes Häuschen hatte, in das er sich zurückziehen konnte, bevorzugten es die Tiere, gemeinsam eingekuschelt zu schlafen. Eines der Häuschen hatten die Tiere sogar als Klo deklariert. Das Gewächshaus der Hartwigs hatte sich in ein kleines Igeldorf verwandelt.

„Das sind Geschwister, es kann gar nicht anders sein“, ist sich Hartwig sicher. Sie vermutet, dass die vier Jungtiere der Nachwuchs eines alten Bekannten sind: Igel Max. Der stromere nämlich schon seit mehreren Jahren im Garten der Hartwigs herum. „Er ist schon fast zahm. Und mein Mann liebt ihn, denn so haben wir nie Schnecken im Garten“, erzählt die 65-Jährige. Derzeit schlafen die Igel zwei oder drei Tage – je kälter es ist, desto länger.

Tiere haben das Gewächshaus verlassen

Die Tiere haben kurz vor Ostern das Gewächshaus verlassen: Es wurde zu warm. Sie toben im Garten herum, erklärt Hartwig. „Sie haben ihre Freiheit“, sagt die 65-Jährige. Sie fügt jedoch hinzu: „Aber es würde mich wundern, wenn sie ganz weggehen.“ Schließlich lebten sie ja wie im „Fünfsternehotel“.

Und was sagt ihr Mann dazu, dass er sich dann langfristig von seinem Gewächshaus verabschieden müsste? Das sieht Renate Hartwig ganz gelassen: „Ich habe ihm gesagt, er kriegt dann ein neues.“

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