Die Blasmusikwelt zu Gast in Neu-Ulm

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Wilhelm Schmid und Veronika Lintner

Wenn man so will, begann die Musik schon im Foyer. Vier Tage lang klang es im Erdgeschoss des Edwin-Scharff-Hauses so bunt, als würde sich ein Orchester für einen Auftritt einstimmen: Ein Trompeter trillert technische Etüden, ein Saxofonist testet in quietschender Höhe die Grenzen eines neuen Instrumentenmodells und von irgendwo ist immer das Wummern einer Tuba zu vernehmen. Hier wird gespielt und getestet. Die Ausstellung, bei der Instrumentenbauer ihre Modelle präsentieren, war das Zentrum des Internationalen Blasmusik-Kongresses, der zum zweiten Mal in Neu-Ulm stattfand. Es war ein Fest der Blasmusikkultur mit 90 Workshops und sieben Konzerten.

Der Pfad durch die Klangwolke der Instrumentenausstellung führt vorbei an Ständen, Tischen und Markenlogos. Trompeten stehen hier aufgereiht wie die Orgelpfeifen, Spezialisten finden aber auch Kurioses wie Barockposaunen oder Kontrabassflöten. „Man muss hier präsent sein. Nur so ist man nah an den Musikern dran“, sagt ein Instrumentenbauer, der aus Bremen angereist ist, als einer von 38 Ausstellern.

Das Seminarprogramm für Musiker, Komponisten und Dirigenten erfüllt den Tag, meist laufen vier Kurse zur selben Zeit, bis zu den sinfonischen Konzerten am Abend. Im „Ballettstudio“ im Keller des Hauses zum Beispiel, einem kleinen Raum, haben sich Dirigenten versammelt. Zwei Professoren aus Texas erklären hier ihr neues Lehrkonzept. Für sie ist gute Blasmusik vor allem eine Frage der Haltung. Man lernt: Flötisten sitzen oft recht krumm in ihren Stühlen, Klarinettisten justieren ihre Notenständer zu tief. Das alles schadet dem Bläserklang. Wie der ideale Sound entsteht, erfährt man ein Stockwerk höher. Dort sitzen 30 Musiker im Halbrund um einen jungen Dirigenten und lernen Entspannungs- und Atemtechniken für Blasorchester. Erst einmal pusten sie in ihre Hand, um ihren Atem besser zu spüren. Vier Sekunde einatmen, vier ausatmen. Dann schneller, in Viertel-, Achtel- und Sechzehntelnoten.

An jedem Abend bot das Programm Konzerte von hochklassigen sinfonischen Ensembles, doch das große Finale folgte am Sonntagmittag. „Die Gidsen kommen zum IBK“ – was sich fast wie ein mittelalterlicher Schlachtruf anhört, lockte Musikfreunde aus nah und fern nach Neu-Ulm und bedeutete: Eines der weltbesten Blasorchester, die „Koninklijke Muziekkapel van de Gidsen“, das Königlich-Belgische Gardeorchester, spielte das Abschlusskonzert des Kongresses. So viel vorweg: Das Publikum raste vor Begeisterung. Sinfonische Blasmusik von solcher Weltklasse hatte man bisher in Deutschland noch kaum live gehört. Die Veranstalter hatten es geschafft, die „Gidsen“ erstmals hierzulande auftreten zu lassen.

Maestro Yves Segers und seine Besetzung in Galauniform taten alles, um dem ihnen vorauseilenden Ruf gerecht zu werden. Nach der deutschen und belgischen Nationalhymne gab es die „Philadelphia Ouverture“ von Dirk Brossé. Das Werk ließ die Spitzenqualitäten des Orchesters aufblitzen: Da passt einfach alles und Maßstäbe, die man üblicherweise an konzertante Blasmusik anlegt, wurden schlichtweg übertroffen. Zum Zweiten gab es „Mutations“, ein Werk des im Saal anwesenden Belgiers Bart Picqueur. Er hatte das Werk eigens für die Gidsen geschrieben. Man bekam eine spieltechnische und interpretatorische Offenbarung zu hören. Und wer gemeint hatte, damit sei der Höhepunkt erreicht, sah sich schnell eines Besseren belehrt, als die große Stunde des Saxofonisten Hans de Jong schlug. Er brachte kongenialer das Konzert „Fellini“ von Johan de Meij zum Vortrag und verwandelte den Konzertsaal in eine Zirkusarena.

Zu Beginn des Auftritts schminkte er sich vor einem Leuchtspiegel als Clown, während er schon sein Solospiel begann. Danach bekam man alles zu hören, was aus einem Saxofon an bewegenden Melodien, brillanten Tönen und Effekten überhaupt herauszuholen ist. Nebenbei gab es einen Seitenhieb auf alle, die meinen, Blasmusik sei Bierzeltmusik: Am Hintereingang des Saals postierte sich im trampelnden Gleichschritt eine Instrumentalgruppe, zu der sich Hans de Jong gesellte, um spaßig, aber auf Spitzenniveau Klänge zu produzieren, während das Orchester vorne Fuciks „Einzug der Gladiatoren“ parodierte. Komponist Johan de Meij, eigens für dieses Konzert eingeflogen, war so begeistert wie das komplette Publikum.

Miriam Tressel hat gemeinsam mit Alexandra Link den Kongress veranstaltet. „Wir sind begeistert, wie wir die Branche hier zusammengebracht haben“, sagt sie. Die Bilanz dieser Tage: etwa 2500 Teilnehmer. Tressel hat auch schon einige Ideen für die Zukunft gesammelt. „Die Jugend hat beim Kongress bisher noch kein eigenes Podium. Das wollen wir bei der nächsten Auflage ändern.“

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