Ulmer Weltladen sieht sich einem ungeheuerlichen Vorwurf ausgesetzt

 Lothar Heusohn und der Ulmer Weltladen setzen sich gegen harte Vorwürfe zur Wehr.
Lothar Heusohn und der Ulmer Weltladen setzen sich gegen harte Vorwürfe zur Wehr. (Foto: Fotos: SZ/rau)
Regionalreporter Ulm/Alb-Donau

Graue Mähne, gewinnendes Lächeln: Lothar Heusohn ist in der Friedensbewegung zuhause. Und der 71-Jährige ist der Vorsitzende des Ulmer Weltladen-Vereins, der hinter dem Geschäft in der Pfauengasse steht. Dort werden vor allem Produkte verkauft, die Bauern in den ärmsten Ländern der Welt erzeugen.

Neben der globalen Ungerechtigkeit belastet Heusohn aktuell noch etwas anderes: eine ungeheuerliche Anschuldigung, der härteste Vorwurf, davon ist er überzeugt, den man in Deutschland erheben kann – Antisemitismus, Irsael-Feindlichkeit. Und er ist einer der Beschuldigten.

Bevor der Stein 2021 ins Rollen kam, war die Juristerei ein Buch mit sieben Siegeln für Lothar Heusohn. Mittlerweile hat er sich laut eigener Aussage zu einem kleinen Hobby-Advokaten gemausert. Aus der Not heraus.

Verein ist der Gesellschafter des Geschäfts

Vor wenigen Tagen ackerte er ein 30-seitiges Schreiben des Oberlandesgerichts Stuttgart (OLG) durch. Was er las, die Begründung einer Entscheidung, bedauere er „zutiefst“, sagt Heusohn der „Schwäbischen Zeitung“. Das Gericht wies einen Antrag des Weltladen-Vereins zurück. Dieser ist der einzige Gesellschafter des Geschäfts in der Ulmer Innenstadt.

Heusohn wollte vor Gericht erreichen, dass vier Gruppierungen aus Ulm eine Behauptung widerrufen (müssen), sie lautete: Der Weltladen-Verein, und in dessen Schatten irgendwie auch das Geschäft, welches vom Verein getragen wird, förderten Antisemitismus. Seine Ablehnung des Antrags begründete das Gericht zusammengefasst so: Der geäußerte Vorwurf sei gedeckt gewesen von der Meinungsfreiheit.

Gegen die „sehr weite Auslegung“ von Meinungsfreiheit habe er grundsätzlich nichts einzuwenden, sagt Heusohn, der jedoch davon überzeugt ist: In diesem Fall ging das Gesagte, beziehungsweise das Geschriebene, zu weit. Weil es falsch und Vorwürfe – seien sie auch noch so an den Haaren herbei gezogen – eine zähe Sache seien. Frei nach dem Motto: Irgendwas bleibt immer hängen. Und das bekommt man dann nicht mehr los. Das wusste schon Albert Einstein, ihm wird die Weisheit zugeschrieben, dass es „leichter“ sei, einen Atomkern zu spalten, als ein Vorurteil.

Deshalb hatte sich Heusohn den Erfolg vor Gericht gewünscht, als Bestätigung von offizieller Seite sozusagen, dass an den Vorwürfen nichts dran ist.

Die Befürchtung, das Kunden wegbleiben könnten

Denn die Antisemitismus-Anschuldigung macht dem Weltladen und Heusohn zu schaffen. Größte Sorge in den vergangenen Monaten: Dass Kunden das Geschäft meiden können. Das habe man bislang jedoch „explizit“ nicht feststellen können, sagt Heusohn. Eine handfeste Konsequenz jedoch: Die bekannte Stolperstein-Initiative, die auch in Ulm mit kleinen vergoldeten Steinen im Boden vor den Häusern deportierter und vertriebener Juden an deren Schicksal erinnert, habe sich aus den Ulmer Friedenswochen zurückgezogen.

Heusohn und der Weltladen-Verein gestalten schon seit Jahren das Programm der Friedenswochen mit, die seit Ende der 1970er-Jahre in Ulm alljährlich auf das vor allem durch (Verteilungs-)Kriege verursachte Leid in der Welt aufmerksam machen wollen. Und es war während der Vorbereitungen auf die jüngsten Friedenswochen im September 2021, als der folgenreiche Antisemitismus-Vorwurf erhoben wurde.

In einer Mail an Teilnehmer der Friedenswochen äußerten die Absender ihre Sorge, dass die Friedenswochen eine Plattform sein könnten für die auch in Deutschland aktive BDS-Bewegung; BDS steht für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“, das Ziel: die Schwächung Israels. Kritiker bescheinigen der Bewegung eine ausgeprägte antisemitische Haltung. Im Kern gehe es sogar um die Delegitimierung des israelischen Staates, werde dessen Existenzrecht in Frage gestellt.

Unterzeichnet hatten die explosive Mail die Ulmer Jusos, die Grüne Jugend Ulm, die Deutsch-Israelische Gesellschaft sowie das Ulmer Kollektiv 26. Die innerhalb der Friedenswochen bereits mehrere Veranstaltungen ausgemacht haben wollen, bei denen BDS-Sympathisanten für ihre Mission geworben hätten. Und weiter heißt es: „Federführend“ verantwortlich zu sein scheine hierfür der Ulmer Weltladen.

Das sagt der Antisemitismus-Beauftragte

Ein „absurder“ Vorwurf, so Heusohn, den diesen auf keinen Fall stehen lassen wollte. Der Weltladen-Verein strengte ein Eilverfahren an, zunächst vor dem Ulmer Landgericht. Nachdem dieses die „Klage auf Widerruf“ abgelehnt hatte, ging es zur Berufung nach Stuttgart ans OLG.

Neben dem Weltladen-Verein hatten auch zwei Referenten, die von dem Verein zu den Friedenswochen eingeladen worden waren, Klage auf Widerruf eingereicht, die israelisch-deutsche Künstlerin Nirit Sommerfeld und der Journalist Andreas Zumach. Auch sie sahen sich zu Unrecht als BDS-Sympathisaten verunglimpft.

Von dem Ulmer Zwist hat mittlerweile der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume, Wind bekommen. Beim Stichwort BDS schrillen bei ihm die Alarmglocken. Seine Einschätzung, unabhängig von der Frage, ob dem BDS in Ulm eine Plattform geboten wurde oder nicht: „Die BDS-Bewegung vertritt israelbezogenen Antisemitismus.“ Begründung: Sie greife einseitig die jüdische Demokratie an und arbeite teils auf deren Vernichtung hin. Wohingegen das Terrorregime der Hamas in BDS-Kreisen eher wohlgelitten sei.

Wie steht Lothar Heusohn zur BDS-Bewegung? Ablehnend – gibt er zu verstehen. Und pocht darauf, sich trotzdem weiterhin „innerhalb und außerhalb der Ulmer Friedenswochen“ auch mit der „israelischen Besatzungspolitik“ in öffentlichen Diskursen „auseinanderzusetzen“. Heusohn findet, es bedürfe (leider) Mut, über diese Thematik öffentlich zu debattieren – vermintes Gelände sozusagen.

Nur eine Gruppe habe sich entschuldigt

Die Frage ist in der Tat nicht einfach zu beantworten: Wo hört „Israel-Kritik“ auf und wo fängt Antisemitismus an? Fachmann Blume hat eine Empfehlung parat – das „3D-Kriterium“. „Nicht Dämonisieren, nicht Delegitimieren, keine doppelten Standards.“ Es fordere ja auch niemand die Auflösung von Myanmar oder Pakistan, so Blume, die fast gleichzeitig mit Israel gegründet wurden und die in noch viel größere Konflikte verwickelt seien.

Die Schlappe vor dem OLG empfindet Heusohn auch nach der Lektüre des ausführlichen Urteils als „befremdlich“. Denn das Gericht habe festgestellt, dass es für die Anschuldigungen keinerlei Belege gäbe. Immerhin habe der Rechtsanwalt der Deutsch-Israelischen Gesellschaft bei der Verhandlung erklärt, dass die Behauptungen gegenüber dem Verein des Weltladens, seinen Referenten und gegenüber den Friedenswochen „nicht wiederholt würden“.

„Bestätigt und gestärkt“ sieht sich Heusohn dadurch in seiner Position. Gestützt zudem durch die Ulmer Jusos, die den Brief zwar unterzeichnet, sich danach jedoch schriftlich entschuldigt hätten. Heusohn zitiert daraus:

Falls der Eindruck entstanden (sei), dass wir der Meinung seien, dass die Referenten und auch der Verein Ulmer Weltladen e. V. Antisemitismus direkt verbreiten oder das Existenzrecht von Israel in Frage gestellt haben. Dies ist nicht der Fall.

Dass die anderen drei Unterzeichner einen solchen Schritt bislang nicht gegangen sind, findet Heusohn schade. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Aber kein Vergleich zu jenen Erlebnissen, von denen Michael Blume als Antisemitismus-Beauftragter berichten kann.

Im Mittelpunkt eines handfesten Skandals

„Mir wurde von einem israelischen Rechtsextremisten auch schon viel vorgeworfen“, sagt der Religionswissenschaftler der „Schwäbischen Zeitung“, der erst im Dezember im Mittelpunkt eines handfesten Skandals stand. Auslöser: Das jüdische Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte Blume auf eine „Antisemitenliste“ gesetzt. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann protestierte, stellte sich hinter Blume und warf dem Simon-Wiesenthal-Zentrum Rufschädigung vor.

Blume weiß also, wie sich ungerechtfertigte Anschuldigungen anfühlen. Sein genereller Tipp für den Umgang mit (falschen) Antisemitismus-Vorwürfen: „Nicht über Juden und Israel hinweg reden, sondern mit den Vertretungen der Religionsgemeinschaften und des israelischen Generalkonsulats.“

Ein Rat, dem Heusohn gerne gefolgt wäre, wie er sagt. Doch er kritisiert: Nicht nur hätten die Unterzeichner des Briefs „bis zum heutigen Tag“ keinerlei Belege für ihre Behauptungen vorgelegt, sondern sie duckten sich weg, schwiegen sich aus – eine Aussprache: nicht möglich. Zur Grünen Jugend sagt Heusohn, dass sich diese regelrecht verbarrikadiert habe – „wie in einem Bunker“.

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