Der Philosoph unter den Kabarettisten

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 Kabarett auf höchstem Niveau: Bruno Jonas in Neu-Ulm.
Kabarett auf höchstem Niveau: Bruno Jonas in Neu-Ulm. (Foto: Florian L. Arnold)
Florian L. Arnold

Bruno Jonas ist ein weiser Mann. „Ich kann mich nicht dümmer stellen, als ich bin“, mit diesem Satz eröffnet der 66-Jährige sein neues Programm „Nur mal angenommen“ – und zeigt in diesem an Gegenwartsthemen und fein formulierten Sottisen reich gespickten Programm, warum man ihn immer noch zur absoluten Spitze des deutschen Kabaretts zählen muss. Diese Klasse würdigen auch die Zuschauer im voll besetzten Saal des Edwin-Scharff-Hauses.

Denn während im Fernsehen längst andere das Ruder übernommen haben und sich oft mit flachen Witzchen um die eigene Achse drehen, hat Jonas mit seiner schelmischen Betrachtung der Dinge den Finger am Puls der Zeit. Das fängt schon mit der wohldosierten Provokation an, welche Tiere man essen dürfe. Da tritt ein sardonisches Lächeln in das Gesicht mit den markanten Augenbrauen, wenn er sagt, dass er zwar Fisch „mit schlechtem Gewissen“ esse, aber gar nichts gegen ein „Carpaccio vom Baby-Eisbären“ einzuwenden hat. Denn: Aussterbende Tiere müsse man „jetzt essen“, denn „wenn sie ausgestorben ist, ist’s zu spät“. Da gibt es aus dem Publikum viel Gelächter und ab und an auch mal einen unmutigen Zwischenruf. „Ach, sie haben auch Text mitgebracht“, amüsiert sich Jonas.

Humor – das ist das nächste Thema. Gehen Humor und Intelligenz zusammen? Und wie ist das mit dem Humor in der Politik oder auch nur im Alltag? Der englische Hausbewohner, den Jonas auf den Brexit anspricht und dabei fragt, ob denn beim „No-Deal-Brexit eure Wohnung frei wird“ hat einen anderen Humor. Was Jonas abhebt von den vielen, die ihm nachfolgen wollen: Er bettet seine satirischen Betrachtungen zum Zeitgeschehen immer in eine Rahmenhandlung ein, die wiederum Anlass für zahlreiche Running Gags ist.

Das Bühnenbild zeigt es schon an: Er lebt mit dem neuen Nebenjob des „Packerl“-Annehmers, kurzum als „unsichtbarer DHL-Mitarbeiter“. Er verwahrt die Pakete der Nachbarn und ist darum der beste Freund von Paketfahrer Murat. An den Päckchen hängt Jonas eine ganze Kette intelligenter Überlegungen auf. Weil er die Hausbewohner dank ihrer bei ihm geparkten Pakete so gut kennt, bestellt er Dinge, die er wichtig findet für sie – der Junkfood-Esser aus dem Hinterhaus bekommt einen Thermomix, „damit er mal was Gescheites frisst“.

Ein großes Thema: welche Worte man heute überhaupt noch verwenden darf, wenn man es ganz korrekt halten will. Das Wort „Flüchtling“ geht nicht, Jonas kramt aus seinem herrlich verwinkelten Hinterstübchen diese Begründung: Man sage, Flüchtling sei negativ belegt, wegen der Endsilbe „-(l)ing“. Da sei was dran: „Liebling, Training ... Und erst recht Trauring, der ist für mich aus eigener Erfahrung auch negativ besetzt.“

Den aktuellen Umweltinitiativen „Fridays For Future“ bis „Extinction Rebellion“ stellt Jonas seine eigene Fortentwicklung zur Seite: „Suicide for Future“. Wer sich als „CO2-Schädling“ rechtzeitig umbringt, wird „klimaneutral als Windrad oder als Belag für Fotovoltaik recycelt“. Er spricht über Ängste, berechtigt wie unberechtigt, über Fake News, Donald Trump, Erdogan ... und tappt dabei niemals in die Falle verbaler Flachheiten.

In der vercomedysierten und weichgespülten Kabarett-Szene erreichen nur wenige noch die intellektuelle Höhe, wie Jonas sie in „Nur mal angenommen“ spielend bewältigt. Der einstige Kollege des „Scheibenwischer“-Machers Dieter Hildebrandt hält im Edwin-Scharff-Haus jedenfalls bis zur letzten Minute bestens auf Trab, und wer fleißig mitdenkt, kann sich pausenlos bestens amüsieren. Da wird man dann auch mit Perlen wie diesen beschenkt: „Glauben Sie, dass das Richtige falsch wird, weil’s der Falsche sagt?“ Besser als Jonas geht es nicht. Applaus!

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