Der Fall Mollath erregt weiter die Gemüter

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Im überfüllten Theater Neu-Ulm wurde jetzt über den Fall Mollath diskutiert. (Foto: nuz)

Einen dreimal so großen Saal wie den des Theaters Neu-Ulm hätten die Besucher locker gefüllt, die den Landtagsabgeordneten und Publizisten Martin Runge, Mitglied des Untersuchungsausschusses des bayerischen Landtags im Fall Mollath, und Wilhelm Schlötterer, den früheren Leiter der Steuerfahndung im Münchner Finanzministerium, zum Fall des in der Psychiatrie einsitzenden Gustl Mollath hören wollten. Prominente Gesichter aus Neu-Ulm, Ulm und der Region waren unter den Zuhörern, Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalität.

Anfangs versuchte Hausherr Heinz Koch noch, die Schlangen der Wartenden abzublocken, dann aber ließ man das Publikum doch ein: Jedes Fleckchen im Saal wurde von Sitzenden und Stehenden genutzt, im Foyer drängten sich die Menschen. „Bei dem Thema isch es mir egal, ob ich drei Stunden stehen muss. Des hätt ich ned für möglich gehalten“, sagt ein älterer Mann in breitem Schwäbisch.

Ähnliche Erfahrungen machen die beiden Referenten auch in anderen Städten: In Ingolstadt, erzählt Martin Runge, drängten sich die Menschen in Trauben außen an die Fenster des Veranstaltungssaales und diskutierten über die Justiz und Gustl Mollath, der seit 2006 in der forensischen Psychiatrie sitzt - zu Unrecht, wie viele Kritiker glauben.

Groß ist das Interesse auch in Neu-Ulm, wenn Runge und Schlötterer aus den Akten zitieren und „menschenverachtende Praktiken im Bereich der bayerischen Staatsregierung, insbesondere ihrem Ableger, der Justiz“, anprangern. Inzwischen liefen mehr als 20 Verfahren gegen eine noch höhere Zahl von Betroffenen, die Mollath damals in seiner Anzeige wegen Schwarzgeldverschiebungen genannt hatte, es gibt erste Strafbefehle, berichten Runge und Schlötterer.

Die Referenten nennen nicht nur die Namen von Politikern – Justizministerin Beate Merk, die ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Beckstein und Edmund Stoiber und den Ministerpräsidenten Horst Seehofer – die „in dieser Ansammlung vorsätzlicher Rechtsbrüche und des Versagens kontrollierender Instanzen“ nichts gemerkt haben wollten, nicht handelten und „die Büchse der Pandora“ nicht öffnen wollten. Der Fall Mollath sprenge in seinen Dimensionen „alle bisher da gewesenen Skandale“.

Wenn die beiden Referenten über ihre Ziele sprechen, Missstände und Defizite in der bayerischen Justiz aufzuklären, wo mehr Menschen im Maßregelvollzug landen als in jedem anderen Bundesland, werfen Zuhörer immer wieder „Genau so ist es“ oder „Eben“ ein. Niemand ist im Publikum, der Runge oder Schlötterer – Letzterer ist selber seit 38Jahren CSU-Mitglied - widersprechen würde.

Als die Referenten auf die Psychiatrie-Einweisung Mollaths durch das Nürnberger Landgericht zu sprechen kommen, ruft ein Zuhörer in den Saal: „Die Zustände erinnern mich an Solschenizyns ,Archipel Gulag’.“ Ein Mann fragt: „Kann das jedem passieren, dass er auf Antrag von irgendjemand auf seinen Geisteszustand überprüft wird?“ Die Antwort: ein klares „Ja“.

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