Debatte um Klinik-Krise verunsichert die Bürger: Was tun bei einem Notfall?

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 Die Angebote der Illertalklinik in Illertissen wurden bei einem Informationsabend vorgestellt.
Die Angebote der Illertalklinik in Illertissen wurden bei einem Informationsabend vorgestellt. (Foto: Alexander Kaya)
Jens Carsten

Was tun bei einem medizinischen Notfall in Illertissen? Diese Frage stellen sich momentan offenbar zahlreiche Bürger. Im Hintergrund stehen die Debatten um die finanzielle Misere der drei Kreiskliniken. Viel wurde darüber gesprochen. Offenbar so viel, dass einige Verunsicherung aufkam: Was wird an der Illertalklinik überhaupt noch angeboten, fragen sich die Illertisser. Darum ging es am Montag bei einem Infoabend in der Schranne.

Chirurg, Internist, Altersmediziner, Gynäkologin und Schmerztherapeut stellten die Abteilungen und Angebote der Illertalklinik vor. Rund 150 Menschen wollten wissen, was die Illertalklinik kann. Ihr Interesse galt auch den Notfällen.

Schwere Krankheiten müssen andernorts versorgt werden

Das Fazit: Schnittwunden, Schul- und Sportunfälle, kleinere Brüche oder Störungen des Herz-Kreislauf-Systems sind an der Klinik gut aufgehoben – es gibt auch einen Röntgenapparat und ein Labor. Schwere oder gar lebensbedrohliche Krankheiten und Verletzungen müssen andernorts versorgt werden. Bei gravierenden Fällen steuerten Rettungsdienste ohnehin das Weißenhorner Krankenhaus an. An dieser Verfahrensweise habe sich nichts geändert, betonten die Mediziner. Auch nicht dadurch, dass die Illertalklinik seit Januar nicht mehr als „Notaufnahme“ geführt wird.

Die Möglichkeiten sind auch ohne einen OP-Saal und Intensivstation beachtlich: Chirurg Dietmar Häußler zählte auf – es könnten Wunden versorgt, akute Schmerzen und Freizeitunfälle behandelt, Spritzen in Gelenke verabreicht, kleinere Abszesse entfernt oder eingewachsene Zehennägel behandelt werden. Der Arzt ermutigte die Zuhörer, mit derartigen Beschwerden in das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) an die Illertalklinik zu kommen. Dieses biete Vorteile gegenüber großen Häusern, wo man (anders als in Illertissen) von Assistenzärzten behandelt werden könne und stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen müsse.

Auch wenn in Illertissen seit dem Aus der Geburtenstation keine Babys mehr zur Welt kommen können: Vorsorge, Betreuung und begleitende Untersuchungen etwa mit Ultraschall werden angeboten (am MVZ Donau – Iller – Günz). Gynäkologin Susanne Dotterweich sieht es als ihre Aufgabe, Frauen medizinisch durch „alle Phasen des Lebens zu begleiten“.

Auch auf Herz und Nieren kann man sich an der Illertalklink untersuchen lassen – gleiches gilt für Leber, Galle, Darm und Bachspeicheldrüse: In der Abteilung für Innere Medizin stehen 41 Betten zur Verfügung, geleitet wird sie von Chefarzt Michael Glück. Fünf Patienten würden im Schnitt pro Tag aufgenommen und versorgt. Zu den häufigsten Diagnosen gehörten Störungen im Herz-Kreislauf-System mit Bluthochdruck, Schmerzen in Brust und Magen, Blutungen und Entzündungen. Akute Herzprobleme würden dagegen an das Herzkatheter-Zentrum nach Weißenhorn verwiesen, so Glück. Patienten mit Schlaganfällen kämen an große Kliniken mit sogenannten „Stroke-Units“, wie Memmingen und Ulm.

Einzugsgebiet der geriatrischen Station von Ulm bis Memmingen

Die Menschen werden immer älter – weshalb die Altersmedizin viel zu tun hat, stellte Internist und Geriatrie-Arzt Steffen Breitweg fest. In Illertissen würden zu 90 Prozent Erkrankungen des Bewegungsapparats behandelt, dazu gehören Knochenbrüche nach Stürzen. Bei der Rehabilitation seien die Patienten gefordert: „Sie müssen schon ein bis zwei Schweißtropfen vergießen“, so Breitweg. Die Mühe lohne sich meist: Ein Großteil könne danach wieder „glücklich und zufrieden“ nach Hause. Das Einzugsgebiet der geriatrischen Station mit 49 Betten reiche von Ulm bis Memmingen.

Wenn die Schmerzen so stark sind, dass sie selbst zur Krankheit werden – dann bieten Gerhard Hege-Scheuring, Facharzt für Schmerztherapie, und sein Team Hilfe an. Mit Medikamenten und viel Bewegung, aber auch mit Gesprächen. Es sei wichtig, sich geistig mit der Krankheit auseinanderzusetzen, sagt Hege-Scheuring. Eine Behandlung dauere für gewöhnlich vier Wochen. In Illertissen hätten Patienten die Chance „schnell dranzukommen“, so der Mediziner. Andernorts seien Wartezeiten von mehreren Monaten keine Seltenheit.

Die Diskussion um die Finanzlage der Kliniken machte den Mitarbeitern zu schaffen, betonte Stiftungsdirektor Engelhard. Die Beschäftigten leisteten jedoch gute Arbeit. Das lasse sich durch Umfragen belegen, wonach die Patienten nahezu vollständig mit ihrer Behandlung und dem Service zufrieden seien. Zur Zukunft der Illertalklink sagte Engelhard auf Nachfrage: „Wir stehen zum Standort Illertissen.“ Gleichwohl sei es Ziel, die Stiftung zukunftssicher aufzustellen. Die Standorte Illertissen und Weißenhorn sollen zu einem Haus werden, möglicherweise durch einen modernen Neubau.

Dazu sagte Bürgermeister Jürgen Eisen: „Bis das neue Haus gebaut ist, müssen die drei Standorte erhalten werden.“ Er appellierte an Engelhard, die Sprechzeiten der Illertisser Chirurgie auf fünf ganze Tage pro Woche (bisher sind es drei ganze und zwei halbe) zu erweitern. „Bitte arbeiten sie daran.“

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Streit um Klinik-Defizit
Gesundheit, sagen viele Menschen, sei das Wichtigste im Leben. Und sie haben wohl auch Recht. Gesundheit ist aber auch teuer. Jeder einzelne, der regelmäßig Medikamente braucht, weiß das. Richtig teuer ist Gesundheit aber auch für Kreise und Kommunen, denn die müssen zum Beispiel Kliniken finanzieren. So auch Stadt und Landkreis Neu-Ulm: Sie tragen miteinander die dortigen öffentlichen Kliniken, aber nun gibt es Streit über Millionenverluste und deren Finanzierung.
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