Das ist das Beste aus Ulm und Neu-Ulm

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Annika Gonnermann

Bayern – das klingt nach Weißbier, Oktoberfest und Lederhose; Schwaben hingegen weckt Erinnerungen an Spätzle, Maultaschen und den Canstatter Wasen. Auf der einen Seite die grantelnden, Weißwurst zuzelnden Gamsbarträger, auf der anderen Seite die sparsamen, Spätzle schabenden Alles-außer-Hochdeutsch-Schwaben – und irgendwo in der Mitte die „Zweilandstadt“ Ulm/Neu-Ulm, als perfekter Kompromiss für alle, die sich einfach nicht entscheiden können.

Dass diese Klischees heillos übertrieben sind, tut der Grundidee des neuen Marketingkonzepts der Tourismusregion Ulm/Neu-Ulm keinen Abbruch. Als „Zweilandstadt“ betonen Unternehmen und Kommunen die Grenzlage und hoffen mit der Mischung aus Bayern und Münster den großen Tourismus-Coup zu landen.

Eine erste Veranstaltung, die sich bewusst in dieses neue Marketing-Konzept eingliedert, ist die neukonzipierte Stadtführung „Überläufer-Tour“. Frei nach dem Motto, „Aber du kannst doch nicht beides haben“ – „DOCH!“ führt Doris Böck Interessierte einmal von Schwaben (Ulm) nach Bayern (Neu-Ulm) und wieder zurück.

 Mit einem Fuß in Schwaben, mit dem anderen in Bayern - dieses Erlebnis verspricht die „Zweilandstadt“ Ulm/Neu-Ulm. Um „Überläuf
Mit einem Fuß in Schwaben, mit dem anderen in Bayern - dieses Erlebnis verspricht die „Zweilandstadt“ Ulm/Neu-Ulm. Um „Überläufer“ geht es auch in der grenzüberschreitenden Stadtführung von Doris Böck. (Foto: Annika Gonnermann)

Obwohl – und das wird gleich zu Beginn der 90-minütigen Tour geklärt – die Besucher streng genommen von Schwaben nach Schwaben wandern: „Schwaben als Region im heutigen Württemberg und Schwaben als bayerischer Regierungsbezirk mit der Hauptstadt Augsburg.“

In der Tat lassen sich die komplexen geschichtlichen Entwicklungen, die die Historie der beiden Städte an der Donau verbinden, nicht einfach auf Klischees reduzieren, so viel wird schnell klar. Die vielen Gemeinsamkeiten der beiden Städte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Führung.

Etwa wenn Böck erklärt, dass das Gebiet des heutigen Neu-Ulms im Mittelalter als Grund und Boden der Freien Reichsstadt Ulm zur Verfügung stand. Erst als Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts Europa mit Kriegen überzieht, trennt sich die Geschichte von Ulm und Neu-Ulm: Das Gelände südlich der Donau wird Bayern zugesprochen, Ulm geht an die Württemberger – das Ende der Freien Reichsstadt.

Zollstation auf der Herdbrücke

Auf der heutigen Herdbrücke wird eine Zollstation eingerichtet, die die Ulmer zwingt, empfindliche Steuern auf die Lebensmittel zu zahlen, die sie auf der Neu-Ulmer Seite angebaut haben. „Wahrscheinlich gehen die Ulmer deshalb heute immer noch nicht so gerne zum Einkaufen nach Neu-Ulm“, scherzt Doris Böck, deren informative Führung noch weitere Kuriositäten bereit hält: Etwa wieso Neu-Ulm und Ulm jahrzehntelang in zwei verschiedenen Zeitzonen lagen oder was der Neu-Ulmer Glacis-Park mit Kriegsführung zu tun hat.

Sofern die Führung überhaupt von Klischees geprägt ist, dann höchsten von solchen, mit denen Böck aufräumen will. Etwa das weithin bekannte Sprichwort, das Schönste an Neu-Ulm sei der Blick nach Ulm. „Nein, das will ich heute so nicht sagen“, betont Böck, und macht sich vielmehr daran, die schönen Seiten der bayerischen Donaustadt zu zeigen: Etwa die logisch durchdachte, kerzengerade Straßenführung in Neu-Ulm, oder das Villenviertel mit Jugendstil-Bauten in der Nähe des Wasserturms, das die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zum Rest der Stadt mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat.

Durch Böcks Führung wird klar, welche Unterschiede es zwischen den beiden Donaustädten gibt: Ulm mit seinen schmalen Gässchen und den historischen Fachwerkhäusern, Neu-Ulm mit seinen breit angelegten Boulevards und den modernen Villen; Ulm mit seiner tausend Jahre langen Geschichte, Neu-Ulm als boomende Neugründung, welche gerade einmal 150 Jahre auf dem Buckel hat.

Einzigartiges Flair durch Status als Schwesterstädte

Dennoch – und wahrscheinlich macht es vor allem die Mischung aus Unterschieden und Gemeinsamkeiten – wird schnell deutlich, dass das einzigartige Flair von Ulm und Neu-Ulm vor allem durch den Status als Schwesterstädte entsteht. Und dass man eben keinen Pass braucht, wenn man von Neu-Ulm über die Herdbrücke nach Ulm übersiedeln will, wie Doris Böck beim Überqueren betont.

Wobei: Die Tourismus-Unternehmer der Doppelstadt haben schon einen „Reisepass“ für alle entwickelt, die die Zweilandstadt zwischen Schwaben und Bayern als Touristen erkunden wollen.

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