Darum spenden Menschen ihre Körper für die „Körperwelten“

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„Am liebsten in Teilen“ - so würde die Ulmerin Maria Hanel nach ihrem Tod gerne in der Körperwelten-Ausstellung präsentiert werden. Denn die 28-Jährige ist Körperspenderin.
Oliver Helmstädter

Wie ein alter, grauer Luftballon sieht die Raucherlunge in der Vitrine aus. „Ich hab’ auch mal 60 bis 80 Reval am Tag geraucht“, sagt Gerhard Rothfuss, als er das Plastinat betrachtet. Doch vor 40 Jahren habe er aufgehört. „Entweder Sie ändern sich, oder Sie können gleich den Sarg bestellen“, habe sein Arzt gesagt. Heute ist der Degginger (bei Geislingen) 84 Jahre alt. Mit einem teerschwarzen Atmungsapparat kann Rothfuss nach seinem Ableben Gunter von Hagens’ Körperwelten nicht bereichern. Dafür aber mit einem zu Lebzeiten amputierten Bein als Besonderheit. Und deswegen hat er sich längst als Körperspender registrieren lassen.

Wir haben keine Angehörigen, die sich aufregen können.

Irene Werthmüller

Auch seine Partnerin, Jahrgang 1951, will nach ihrem Tod ihren Körper per Reaktionskunststoff für die Nachwelt erhalten. In Heidelberg hat sich das Paar das Plastinationslabor angeschaut, Gunther von Hagens persönlich getroffen, Vertrauen gefasst und sich vor über 20 Jahren zur Plastination bereit erklärt. „Wir haben keine Angehörigen, die sich aufregen können“, sagt Irene Werthmüller. Und auch das Thema Grabpflege habe sich mit der Plastination erledigt.

Auch Brigitte Brutsche aus Grenzach-Wyhlen im Landkreis Lörrach ist fest zur Körperspende entschlossen. „Das ist noch besser, als wenn mich später die Würmer auffressen.“

Der Nachwelt habe die 68-Jährige eine anatomische Besonderheit zu bieten: „Meine Organe liegen alle auf der falschen Seite.“ Situs inversus totalis nennen die Wissenschaftler diese nicht krankhafte Besonderheit. Unerkannt erschwert die spiegelverkehrte Lage der Organe allerdings die Diagnose von Krankheiten, was sie schmerzhaft habe erfahren müssen. Mit ihrer Körperspende will Brutsche deswegen einen Beitrag leisten um diese seltene Anomalie bekannter zu machen.

Eine Vielzahl an Körperspendern lud Angelina Whalley, die Kuratorin der Ausstellung und Ehefrau des schwer erkrankten Gunther von Hagens, zur Eröffnung von „Körperwelten – eine Herzenssache“ ins Blautalcenter ein. 18 000 Namen umfasse die seit fast 30 Jahren immer länger werdende Spenderliste. 2000 Tote – meist aus Deutschland – seien schon plastiniert worden. Sie alle würden nach ihrem Tod dem Leben dienen. „Nicht für einen billigen Kick. Sondern im Dienste der Gesundheitsvorsorge.“ Bezeugen kann dies Guido Reuter, der Manager des Blautalcenters. Vor über 20 Jahren habe er sich in Berlin eine Körperwelten-Ausstellung angeschaut. Und nach dem Anblick der Raucherlunge den Zigaretten abgeschworen. Ulms OB Gunter Czisch, lobt, dass die Macher der Ausstellung Kritik vergangener Jahre aufgenommen hätten. Es gehe bei dieser Körperwelten-Ausstellung nicht um Effekthascherei sondern Gesundheitsvorsorge.

Was halten Sie von der "Körperwelten"-Ausstellung?
Als Vorgeschmack auf die "Körperwelten"-Ausstellung im Ulmer Blautal-Center wurde ein Exponat auf dem Münsterplatz gezeigt. Wir wollten wissen, wie Ulmer Bürger zu dieser Ausstellung stehen.

Zwar werden die Körperwelten längst nicht mehr derart kontrovers diskutiert wie vor Jahren. Aber strittig ist die Zurschaustellung von Leichen immer noch. „Wie ist es um die Menschenwürde bestellt?“, fragt sich Professor Franz Josef Wetz, Philosoph und langjähriger Begleiter der Ausstellung bei der Eröffnung selbst. Und antwortete mit einer Gegenfrage: „Ist verbrennen dann nicht auch ein Würdeverstoß?“ Das Selbstbestimmungsrecht sei in jedem Fall geachtet. Und der Besucher werde durch die Art der Ausstellung sozusagen zur Ehrfurcht gezwungen.

Manchmal wird einem schon etwas mulmig. 

Gunter Czisch, Ulms Oberbürgermeister (CDU)

In der Tat: Ruhig, ernst und diszipliniert laufen die ersten Besucher durch die ehemalige, nicht wiederzuerkennende Supermarktfläche. Die Ausstellung konfrontiert jeden Besucher sofort mit Krankheit, Leben und Tod. Am Eingang der dunkel abhängten Halle wummert ein Herzschlag durch die Boxen und der Besucher läuft auf rote Ölfässer zu, die zusammen 7000 Liter Flüssigkeit fassen. So viel pumpt das Herz am Tag durch den menschlichen Körper. Präparate zeigen Herz und Blutbahnen und führen etwa den Herzinfarkt am toten Beispiel vor Augen. 200 Exponate – darunter 20 ganze Körper sind zu sehen. Darunter ein Paar Umarmung, ein Torhüter, der einen Ball fängt und der berühmte Feuerwehrmann, der einen „Geretteten“ auf dem Arm trägt.

„Manchmal wird einem schon etwas mulmig“, sagt OB Czisch als Premierenbesucher. Etwa im Teilbereich der zeigt, wie Leben entsteht. Plastinierte Embryos und Föten bis hin zur 30. Woche der Schwangerschaft führen vor Augen, wie nah Tod und Leben beieinander sind. Lydia Härle aus Erbach ist mit ihren Kindern (fünf und drei Jahre) da. Dass die Kleinen Albträume kriegen, glaubt sie nicht. Denn Kinder gingen mit dem Thema Tod unbeschwerter um als Erwachsene.

„Am liebsten in Teilen“ - so würde die Ulmerin Maria Hanel nach ihrem Tod gerne in der Körperwelten-Ausstellung präsentiert werden. Denn die 28-Jährige ist Körperspenderin.
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