CDU will im Wahljahr 2017 vom Wähler lernen

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Barbara Münch (links, hier auf dem Berliner Parteitag 2014) ist seit dem vergangenen Sommer CDU-Stadtverbandsvorsitzende in Ulm
Barbara Münch (links, hier auf dem Berliner Parteitag 2014) ist seit dem vergangenen Sommer CDU-Stadtverbandsvorsitzende in Ulm. (Foto: Archiv)
Ludger Möllers

„Mit neuen Methoden wollen wir Wählerinnen und Wähler, die bei der Landtagswahl im März für die FDP oder die AfD gestimmt haben, zur Union zurückholen.“ Barbara Münch, seit dem vergangenen Sommer CDU-Stadtverbandsvorsitzende in Ulm, hat sich viel vorgenommen. Nicht mehr in den Parteibüros soll das Programm der Ulmer Christdemokraten entstehen, sondern im Gespräch mit den Wählern: „Dazu müssen wir auf die Menschen stärker als bisher zugehen und werden die Methode des ,Design Thinking’ einsetzen.“ Mit ,Design Thinking’ nutzen große Firmen die Möglichkeit, kreative Ideen zunächst relativ schnell im Kleinen zu testen und dann bei entsprechendem Erfolg in den Markt auszurollen.

Münch und ihre Parteifreunde müssen handeln, lässt doch das Wahlergebnis der Landtagswahl nichts Gutes für die Bundestagswahl ahnen, die im September stattfinden soll. 33 Prozent für Jürgen Filius (Grüne), 25,2 Prozent für Thomas Kienle (CDU), 14,7 Prozent für Martin Rivoir (SPD), satte 12,9 Prozent für den AfD-Kandidaten Eugen Ciresa, dahinter Alexander Kulitz (FDP) mit 7,3 Prozent und abgeschlagen Uwe Peiker von den Linken mit 2,9 Prozent. Erstmals ging im März das Ulmer Direktmandat im Stuttgarter Landtag an die Grünen. Der Sieger hieß Jürgen Filius, der als sicherer Kandidat gehandelte Thomas Kienle (CDU) verpasste den Sprung ins Parlament. Auch bei der Zweitauszählung reichte es für den 50-Jährigen, der die Nachfolge von Monika Stolz antreten wollte, nicht für einen Sitz. Die Verluste für die CDU in Ulm im Vergleich zur letzten Landtagswahl fielen mit 13,4 Prozent sogar noch deutlicher aus als im Land (minus 12 Prozent).

Jetzt will die CDU daran arbeiten, dass im Herbst Ronja Kemmer gut abschneidet. Zum Vergleich: 2013 holte die damalige Abgeordnete und Ministerin Annette Schavan 52,1 Prozent der Erststimmen und 48,6 Prozent der Zweitstimmen für die CDU und zog in den Bundestag ein. Nach ihrem Rücktritt nach einer Plagiatsaffäre ist Schavan heute Botschafterin beim Heiligen Stuhl, im Sommer vergangenen Jahres nominierte die Partei mit großer Mehrheit die 27-jährige Ronja Kemmer.

„Wir fragen uns beispielsweise, was Jürgen Müller, Ingenieur, sportlicher Typ, Wechselwähler, er wohnt mit seiner Familie und dem Hund am Eselsberg, von der CDU erwartet“, berichtet Vorsitzende Barbara Münch. „Welche Aussagen, welche Inhalte verbindet er mit uns?“ Während einer Klausurtagung habe sich der Vorstand des Stadtverbands mit fiktiven, aber lebensnahen Beispielen wie dem Ingenieur Müller beschäftigt. Eines der Ergebnisse: „Von der CDU werden klare Aussagen erwartet, keine Gerede um den heißen Brei, kein Umfallen.“ Das genau entspricht der Kritik vieler Bürger am Kurs der Landes-CDU, die vor der Landtagswahl vom Kurs von Kanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage abwich – und dafür vom Wähler abgestraft wurde.

Wissenschaftler zeigt neue Methoden auf

Unterstützung finden die Christdemokraten beim Ulmer Wissenschaftler Daniel Schallmo. Er ist Professor an der Hochschule Ulm und leitet das privatwirtschaftliche Institut für Business Model Innovation. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Digitale Transformation von Geschäftsmodellen und die Entwicklung und Anwendung einer Methode zur Innovation von Geschäftsmodellen: ,Design Thinking’. Schallmo: „Beim ,Design Thinking’ sollen neue Themen konsequenter aus der Kundenperspektive gedacht werden, stets unter der präsenten Idee ,Warum eigentlich nicht?!“ In der Gruppe entwickeln Studenten – oder jetzt auch die Mitglieder des CDU-Vorstands in Ulm – beispielsweise Lösungsansätze mit einem klaren Fokus auf die menschlichen Wünsche, Forderungen oder Fragen.

Potenzielle Wähler wie der oben erwähnte Jürgen Müller vom Eselsberg lehnen beispielsweise Bevormundung ab: „Weiter will Müller einbezogen werden, wir müssen ihn treffen“, berichtet Barbara Münch weiter. Männer wie Müller – beruflich, familiär und auch im Sportverein stark eingespannt – kommen aber nicht zu Stammtischen. Und auch nicht zu Parteiversammlungen: „Also treffen wir ihn dort, wo er unterwegs ist, über WhatsApp, Facebook oder Newsletter.“ Der Parteivorstand habe nicht nur den Prototypen Jürgen Müller entworfen. Sondern auch versucht, sich in die Lebenssituationen weiterer Gruppen hineinzuversetzen. Barbara Münch: „Wir haben uns auch über die Bedürfnisse des typischen Steuerberaters, des Rentners mit Sorgen um die Zukunft seiner Kinder und Fragen zu Migranten sowie der alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern Gedanken gemacht.“ Alles Beispiele „und die Auseinandersetzung mit Leuten, die andere Parteien als die CDU gewählt haben: der Steuerberater FDP, der Rentner AfD und die Mutter die Grünen.“

Fragen konkretisieren: Sicherheit, Digitalisierung

Im nächsten Schritt wird die CDU inhaltliche Fragen konkretisieren: Wie können wir die Innere Sicherheit gewährleisten ? Welche Auswirkungen hat die zunehmende Digitalisierung auf die Menschen ? Wie müssen die sozialen Sicherungssysteme aufgestellt sein, um die Belastungen in Grenzen zu halten und gleichzeitig Versorgungssicherheit zu schaffen? Münch: „Schon jetzt aber ist klar, dass es in der Politik unserer Partei bei dem großen Thema Gesundheit um eine Reform gehen muss, die diesen Namen auch verdient. Es darf nicht nur um Stellschrauben gehen.“

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