Capo verabschiedet sich von Kultkneipe „Größenwahn“

Lesedauer: 5 Min
Paul-Dieter Zauner („Capo“), Wirt der Ulmer Kultkneipe „Capos Größenwahn“, geht in Rente.
Paul-Dieter Zauner („Capo“), Wirt der Ulmer Kultkneipe „Capos Größenwahn“, geht in Rente. (Foto: Susi König)
Schwäbische Zeitung
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Unter seinem Namen, der im Pass steht, kennt ihn niemand: Paul-Dieter Zauner. Unter dem Namen, der über seiner Kneipe an der Platzgasse steht, kennt ihn jeder: Capo. Jetzt hört der Wirt und Inhaber von „Capos Größenwahn“ auf. Nach 35 Jahren hinter der Theke soll Schluss sein. Verkauft hat er sein Unternehmen an seine Mitarbeiterin Selly Stegmann, die das „Größenwahn“ in Capos Sinne weiterführt: „Die Selly hat schon bei mir seit 16 Jahren gearbeitet, die kann das.“

Der eigene Sohn, der das Lokal „Zill“ am Rande des Fischerviertels führt, wollte seinen Vater nicht beerben: „Jeder hat seinen Stil.“

„Capos Größenwahn“ ist eine Kneipe alten Stils. Die dunkle Holzvertäfelung ist nur zu erahnen, überall hängen Poster, Schilder, Fanschals. Fußballspiele der Spitzenmannschaften werden auf fünf Großbildleinwände übertragen. Nicht nur an solchen Tagen treffen sich hier „Ärzte, Professoren, Penner“, wie Zauner berichtet: „Ohne Klassenunterschied.“

Wegen der Speisekarte kommt kein Gast ins „Größenwahn“. Zauner schränkt ein: „Obwohl man bei uns auch gut essen kann. Und preiswert.“ Dann vielleicht wegen der Getränke? Schon eher. Denn „Bei mir gibt’s acht Sorten Weizen.“ Und ein paar Cocktails.

Beim Besuch im „Größenwahn“ wird deutlich, dass „Capo“ selbst für den Erfolg steht – und sich die Fortsetzung dieser Erfolgsstory nun nicht mehr zutraut. Denn zwei Mal hat der 72-Jährige den Krebs besiegt: „Ein Wirt muss lustig sein, darf nichts von sich und seinen Problemen erzählen“, sagt er. Und: „Wirt kann man nur sein, wenn man es zu 100 Prozent macht.“ Beides aber könne und wolle er nicht mehr leisten.

Vor 35 Jahren übernahm der gelernte Werkzeugmacher das Lokal. Zuvor hätte er auch Fußballer werden können. Oder er hätte seinen Arbeitsvertrag in Südafrika verlängern können. Zauner aber übernahm – in der Gastronomie völlig unerfahren – die Räume an der Platzgasse und wurde von seinen Freunden des Größenwahns geziehen: „Schon war der Name geboren“, erinnert er sich heute.

Doch statt ein Lokal unter vielen zu führen, entwickelte er sein „Größenwahn“ und sich selbst zur Marke: „Wer keine Show macht, kommt nicht nach vorne“, ist bis heute sein Credo. Und er macht Show, hält mit seiner Meinung zu Politik, den hohen Einkommen der Firmenbosse oder Fußball nicht hinterm Berg.

Hinter dem Showman stand stets ein ehrbarer, guter Kaufmann. In der Ulmer Geschäftswelt genießt Zauner einen exzellenten Ruf. Vielleicht auch, weil er selbst sein schlechtester Gast ist: „Seit 40 Jahren rauche und trinke ich nicht.“ Mit Fußball und Skifahren hielt er sich fit. Lokale in Neu-Ulm („Da waren viele Amis“) und an der Blaubeurer Straßen blieben ebenso Episoden wie eine Boutique.

Der Besuch des Redakteurs in „Capos Größenwahn“ endet mit dem Fototermin. Das Bild, das der Redakteur aufnimmt, ist der langjährigen Bedienung Susi König nicht gut genug: „Lassen Sie mich mal machen“, sagt sie – und schießt ein Bild. Es gibt wenige Komplimente, die schöner sind für einen Chef, der für seine Ecken und Kanten bekannt ist.

Jetzt will Zauner, der, wie er sagt, vom „Größenwahn“ gut leben konnte, ein wenig reisen: „Oder ein Haus auf Malle kaufen.“ An manchen Tagen wird man ihn im „Größenwahn“ treffen: „Aber nur als Aushilfe“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen