Broschüre soll Hilfsangebote für Internet-Süchtige bündeln

Lesedauer: 4 Min
Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung sind bis zu 2,8 Millionen Bundesbürger "onlinesüchtig". Vor allem Jugendliche (Foto: dapd)

Im Internet surfen, Computerspiele am PC testen und via Facebook mit Freunden chatten – das gehört für die meisten Jugendlichen heutzutage wie selbstverständlich zum Alltag. Doch was tun, wenn der Medienkonsum exzessive Züge annimmt, wenn Schüler viele Stunden vor dem Bildschirm verbringen, vom Medienkonsum abhängig werden und damit alle Symptome eines Süchtigen zeigen? Über das noch junge Phänomen der „Internet-Sucht“ haben gestern im Ulmer Landratsamt Fachleute auf Einladung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands diskutiert. Ziel ist die Herausgabe einer Broschüre, die Ratschläge zur Vorbeugung gibt und die Hilfsangebote für Eltern und betroffene Jugendliche bündelt.

„Den Computer aus dem Fenster zu werfen, bringt nichts“, sagte Frank Riethdorf von der Drogenhilfe Alb-Donau/Ulm, gestern bei einem Pressegespräch am Rande der Fachtagung. Dies wäre ähnlich wirkungslos, wie wenn man einem Heroinsüchtigen den Stoff oder einem Alkoholiker den Schnaps wegnimmt. Die Drogenhilfe bietet in ihrer Ulmer Beratungsstelle seit einiger Zeit auch Hilfe für Internetsüchtige und deren Eltern an – zum Beispiel Jugendlichen, die dem Computerspiel „World of Warcraft“ verfallen sind. „Solche Computerspiele sind legale Drogen, die süchtig machen können“, sagt Riethdorf.

Die Grenzen zwischen intensiver Mediennutzung und echter Sucht sind freilich schwierig zu ziehen, sie sind wie beim Alkohol und anderen legalen Drogen meist fließend. Der Tübinger Arzt Dr. Gottfried Barth berichtete gestern aus seiner Praxis. Er arbeitet an der Spezialambulanz für Computerspiel und Internetsucht an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Tübingen – der einzigen Einrichtung dieser Art in ganz Baden-Württemberg.

In der seit vier Jahren bestehenden Spezialambulanz werden pro Jahr im Schnitt 40 meist junge Patienten behandelt, die unter der Internetsucht leiden und es alleine nicht mehr schaffen, von ihrer Sucht loszukommen. Viele dieser Jugendlichen, so Barth, „haben neben ihrer Abhängigkeit vom Computer meist noch andere, massive psychische Probleme“, etwa Depressionen oder autistische Symptome.

„Das sind oftmals talentierte Jugendliche, die in diese Sucht abrutschen, das ist tragisch“, berichtete Barth gestern. Die Eltern dieser Kinder seien meist völlig verunsichert und suchten nach Hilfe von außen. Doch bislang gibt es kein funktionierendes Netzwerk, in dem alle Hilfen für die betroffenen Jugendlichen und deren Angehörige gebündelt sind.

Dies soll sich jetzt ändern. Unter Federführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes soll demnächst eine Ratgeber-Broschüre erscheinen, die Tipps für die Prophylaxe enthält und sämtliche Hilfsangebote in der Region für Eltern und Jugendliche auflistet. Die Techniker Krankenkasse unterstützt dieses Projekt mit 60 000 Euro. Auch die Suchtbeauftragte für Ulm und den Alb-Donau-Kreis, Thalia Junginger, bietet zum Thema Mediennutzung präventive Kurse vor allem für Multiplikatoren wie Lehrer und Sozialarbeiter an.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen