Bienenrecht oder Nato-TÜV: Scheidender Stabschef bewältigte große Aufgaben

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Generalmajor Klaus Habersetzer (61, Mitte, im Gespräch mit Offizieren), setzte als Chef des Stabes des Multinationalen Kommandos
Generalmajor Klaus Habersetzer (61, Mitte, im Gespräch mit Offizieren), setzte als Chef des Stabes des Multinationalen Kommandos Operationsführung stark auf Netzwerkarbeit. (Foto: Roland Rasemann)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Mit diesem Porträt beginnen wir unsere Serie „Ulmer Helden“. Vorschläge für weitere Serienteile bitte an redaktion.ulm@schwaebische.de.

Die Lebensplanung von Klaus Habersetzer hatte sechs Jahre in Ulm nicht vorgesehen. Auch die Vorgesetzten des Luftwaffen-Generalmajors ahnten nicht, dass der heute 61-Jährige so lange auf der Wilhelmsburg bleiben würde, als er im November 2012 zum Chef des Stabes des heutigen Ulmer Multinationalen Kommandos Operative Führung wurde. Normalerweise kommen und gehen Generäle alle zwei, drei Jahre: „Durch die lange Stehzeit hier in Ulm ist aber vieles von dem erst möglich geworden, wovon heute unser Kommando profitiert“, resümiert Habersetzer, der in der vergangenen Woche (wir berichteten) verabschiedet wurde und sich in diesen Tagen von vielen Gesprächspartnern persönlich verabschiedet, „ich konnte ein Netzwerk aufbauen – militärisch, zivil, politisch und gesellschaftlich.“

Ende September wird er Kommandeur des Zentrums Luftoperationen in Kalkar am Niederrhein und bekommt den dritten goldenen Generals-Stern für die Schulterklappen.

Kommando stand 2011 kurz vor der Auflösung

In seinen Ulmer Jahren musste Habersetzer einen wahren Spagat zwischen militärischen Aufgaben und der Aufgabe als Standortältester meistern. Das Kommando sollte – wäre es nach dem Bundeswehr-Weißbuch von 2011 gegangen – abgewickelt und aufgelöst werden. Es sei überflüssig, hieß es.

Der damalige Befehlshaber, Generalleutnant Markus Bentler, warf seine persönliche Reputation in die Waagschale: Das Kommando bekam eine zweite Chance. Bentlers Nachfolger, Generalleutnant Richard Roßmanith, und Klaus Habersetzer, sein Chef des Stabes, entwickelten den Stab so konsequent in Richtung der Nato, dass man in Brüssel in immer unsicherer werdenden Zeiten auf das einstmals tot geglaubte Kommando aufmerksam wurde.

Ulm kann bis zu 60 000 Mann führen

Die Anerkennung folgte im Laufe der Jahre und wurde mit dem „Nato-TÜV“, der Zertifizierung im Frühsommer auch dokumentiert. Heute ist es eines von drei multinational besetzten, streitkräfteübergreifend arbeitenden und weltweit schnell verlegbaren Hauptquartieren im Bündnis. Die Ulmer könnten im Krisenfall bis zu 60 000 Mann führen.

„Wir dachten nach diesem Marathon wirklich, wir hätten es geschafft“, berichtet Habersetzer im vergleichenden Rückblick, „aber als wir die Ziellinie passiert hatten, wartete schon der nächste Marathon.“ Denn das Ulmer Kommando muss in den kommenden Jahren das „Joint Support and Enabling Command“ (JSEC) aufbauen.

Bundeswehr: Neuer Stabschef in Ulm
Auf Generalmajor Kai Ronald Rohrschneider kommt als besondere Aufgabe in Ulm die Aufstellung eines zweiten Kommandos für die Nato zu.

Das Kommandozentrum wird bei Aktivierung im Bündnisfall für Truppen- und Materialtransporte innerhalb Europas zuständig sein und ihren Schutz im rückwärtigen Raum koordinieren. Bereits auf dem Weg in das Einsatzgebiet und deutlich im Voraus können Planungen zentralisiert und die Aufgaben zum Schutz harmonisiert werden: „Transport und Logistik werden nur zwei der vielen Aufgaben sein“, sagt Habersetzer. Mit dem JSEC-Aufbauauftrag werde die jahrelange Arbeit gewürdigt: „Hier und jetzt kommen die Früchte der Arbeit bei mir an.“ Vielen Offizieren ist es nicht vergönnt und auch nicht möglich, die Folgen ihrer Entscheidungen – ob positiv oder negativ – zu erleben: „Sie sind schon in der nächsten Verwendung, wenn umgesetzt wird.“

Militärischer Auftrag im Vordergrund

Für Habersetzer steht der militärische Auftrag im Vordergrund, „den wir aber nur mit Soldatinnen und Soldaten umsetzen, denen es gut geht“, ergänzt der General, „körperlich und mental“. Er nennt es „meinen ganzheitlichen Ansatz“. Daher seien seine Engagements für Gesundheitstage in der Kaserne, beim Soldatenhilfswerk, im Bundeswehrsozialwerk und in der Soldatentumorhilfe „eine pure Selbstverständlichkeit“. Die Unterstützung des Psychosozialen Netzwerks aus Truppenärzten, Sozialarbeitern, Militärseelsorgern und Truppenpsychologen sei für Vorgesetzte unerlässlich: „Bei Unfällen, Todesfällen, anderen Schicksalsschlägen und nach der Rückkehr aus dem Einsatz brauchen wir es.“

Das Netzwerk erst „im Falle eines Falles“ aufzubauen, sei unprofessionell. Auch habe er versucht, einmal pro Woche seine Kameraden im Auslandseinsatz zu kontaktieren: „Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ihnen geht und um Erfahrungen auszutauschen.“

Zusammenarbeit bei Ankunft tausender Flüchtlinge

Das Netzwerk Habersetzers trug auch vor drei Jahren, als Tag und Nacht Flüchtlinge auch in Ulm ankamen, zum Erfolg bei: „Von jetzt auf gleich war die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr mit allen Dienststellen vom Bundeswehrkrankenhaus übers Sanitätsregiment, Landeskommando und meinem Haus, dem Technischem Hilfswerk, dem DRK und der Stadt innerhalb von wenigen Stunden gefragt“, erinnert sich Habersetzer und fügt hinzu: „Dann ist es hilfreich, wenn man sich einfach schon kennt und gemeinsam zum richtigen Schluss kommen kann.“

Beispielsweise bei der Erstuntersuchung der Flüchtlinge durch Bundeswehrärzte: „Mit zwei oder drei Medizinern hätten wir die 1000 Menschen, die auf einmal vor uns standen, nie und nimmer in angemessener Zeit untersuchen können.“ Unvergessen sind die Szenen, als seinerzeit mehrere hundert Uniformträger aller Organisationen zusammenarbeiteten. Dass parallel die ersten Nato-Aufgaben zu meistern waren und das Ulmer Kommando bei der Großübung „Trident Juncture“ mit 100 Mann in Nordspanien seine Fähigkeiten beweisen musste, sei „selbstverständlich im Sinne unseres Auftrages“ gewesen.

Große Aufgaben im Lebens eines Stabchefes

Nato-Aufträge, Flüchtlinge oder die Investitionen von mehr als 70 Millionen für Infrastruktur: Das sind große Aufgaben im Leben eines Chef des Stabes, der gleichzeitig Standortältester ist. „Doch auf meinem Posten warteten auch kleine Aufgaben. Beispielsweise die Frage, wer eigentlich haftet, wenn die Bienen aus dem an einen Dritten verpachteten Bienenstock auf dem Standortübungsplatz einen Autofahrer so sehr stechen, dass dieser einen Unfall verursacht und klar ist, dass diese Biene aus eben jenem Stock stammt“, erinnert sich Habersetzer an einen der kuriosesten Fälle seiner Dienstzeit. Sein Stab habe das Bienenrecht studieren müssen...

Und nun? Was bleibt? „Dass Ulm jetzt der Nato als verlegbares und verfügbares Hauptquartier zur Verfügung steht, das macht meine Leute und mich stolz“, resümiert Habersetzer, „dass mit dem JSEC-Auftrag Ulm weiter aufgewertet wird, ist ein tolles Ergebnis: Ich werde es aus meiner nächsten Verwendung interessiert begleitend.“

Mit diesem Porträt beginnen wir unsere Serie „Ulmer Helden“. Vorschläge für weitere Serienteile bitte an redaktion.ulm@schwaebische.de.

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