Bewohner sauer: Aktivisten machen in einem einzigen Viertel 27 Autos platt

 Christina Scatella und Freund Dennis Tilandy neben ihrem Auto mit den platten Reifen.
Christina Scatella und Freund Dennis Tilandy neben ihrem Auto mit den platten Reifen. (Foto: rau)
Regionalreporter Ulm/Alb-Donau

Es muss eine konzertierte Aktion gewesen sein, unbekannte Aktivisten haben in der Nacht auf Donnerstag zugeschlagen. Einige Bewohner am Ulmer Kuhberg jedenfalls waren platt, als sie am Donnerstag in ihre Fahrzeuge steigen wollten. So auch Christina Scatella und ihr Freund Dennis Tilandy, beide 29.

Ihr weißer VW-SUV war nicht mehr fahrbereit. Der rechte Vorderreifen und der rechte Hinterreifen, mit denen das Fahrzeug auf dem Gehweg in der Westerlinger Straße stand, waren beide ohne Luft.

Dennis Tilandy sagt gegenüber „Schwäbische.de“: „Ich kann verstehen, dass in Sachen Klima die Wende hermuss.“ Was er jedoch nicht versteht: Dass Klimaaktivisten – zumindest geht der Verdacht in diese Richtung – deshalb die Luft aus den Reifen seines Wagens lassen. Seine Freundin ergänzt: Das Auto mit den vielen PS bräuchten sie nur, um damit einen Hänger ziehen zu können, auf dem ein kleiner Bagger steht. Denn: Sie würden derzeit umbauen. Ansonsten komme der SUV so wenig wie möglich zum Einsatz. Christina Scatella: „Ich fahre mit dem Zug zur Arbeit nach Günzburg.“ Außerdem seien sie Nutzer des 9-Euro-Tickets.

Auch Schrauben unter den Rädern platziert

Andere Bewohner des Ulmer Kuhbergs dürften sich ähnlich verschaukelt vorkommen. Insgesamt, so die Polizei, standen am Donnerstag 27 Autos mit platten Reifen am Straßenrand in der Weststadt. Schwere Autos haben dort offenbar einen schweren Stand. Und diese Zahl dürfte nicht das Ende der Fahnenstange sein.

Die Polizei geht davon aus, dass weitere Fahrzeuge betroffen sind, und zwar neben der Westerlinger Straße im Reichenauer Weg, im Presselweg, im Weyermannweg, in der Weickmannstraße, im Weißenburgweg, in der Soldatenstraße und in der Moltkestraße.

Nicht in allen Fällen beließen es die Täter damit, nur die Luft aus den Reifen zu lassen. Vereinzelt seien auch Schrauben unter den Rädern gefunden worden, die diese offenbar beim Wegfahren beschädigen sollten. Weil die Besitzer die platten Reifen aber rechtzeitig bemerkten, sei es dazu nicht gekommen.

Wer hinter der Aktion steckt, ist unklar. Jedoch hinterließen die Urheber ein Bekennerschreiben, auch hinter dem Scheibenwischer von Christina Scatellas und Dennis Tilandys Auto klemmte ein Zettel. „Liebe*r Fahrzeughalter*in“, steht darauf geschrieben. „Sicher ist dir aufgefallen, dass mit deinem Automobil etwas nicht stimmt.“ Es sei „zu groß“ und „und zu schwer“ und stelle ein „signifikantes Risiko für Menschen verschiedener Generationen“ sowie Natur und Umwelt dar.

 Das „Bekennerschreiben“.
Das „Bekennerschreiben“. (Foto: rau)

In belehrendem Ton geht es weiter: Das stillgelegte Auto verbrauche, weil es sich um einen SUV handele, bis zu 20 Prozent mehr Sprit, nehme mehr Fläche beim Parken in Anspruch als kleinere Autos und nutze ebenso die Fahrbahnbeläge stärker ab. Deshalb sei das Auto vorübergehend aus dem Verkehr gezogen worden – „um dich aus deinem Trott der Gewohnheit zu holen“. Das Schreiben endet mit einem Wunsch, den Fahrzeughalter wie Christina Scatella und Dennis Tilandy auch als Drohung auffassen könnten: „Hoffentlich sehen wir die Karre nie wieder :).“

Es scheint tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass die (Klima?-)Aktivisten zurückkehren, denn dies war nicht der erste Vorfall dieser Art am Kuhberg. Der nicht gerade für mondänen und verschwenderischen Lebensstil bekannt ist. Es handelt sich um ein normales Wohngebiet, Einfamilienhäuser stehen neben Reihen- oder Mehrfamilienhäusern. Ein klassisches Familienviertel. Fußbälle liegen in den Gärten, man sieht Sandkästen, Grills, im Gras stehen Käfige für Haustiere.

Doch schon im April dieses Jahres waren in der Weststadt elf Fahrzeuge, wie die Polizei schreibt, auf ähnliche Weise „angegriffen“ worden. Hatten Unbekannte die Luft aus den Reifen gelassen.

Das sagt Fridays for Future Ulm zu der Aktion

Eine „legitime“ Aktion, um auf die Gefahren des Klimawandels hinzuweisen? Das wollte „Schwäbische.de“ von der Ulmer Ortsgruppe von Fridays for Future wissen. Clara Birner, eine der Sprecherinnen, stellt zunächst klar: „Dies war keine Aktion von uns.“ Verurteilen mag sie die Tat jedoch auch nicht. Denn: Zu solchen Aktionen gebe es aktuell keine „einheitliche Linie“ innerhalb der Ulmer Ortsgruppe. Wo die Gruppe die Rote Linie ziehe? Grundsätzlich bei Sachbeschädigungen. Birner: „Wir sind eine friedliche Bewegung.“

 Auch hinter dem Scheibenwischer dieses Autos klemmt das „Bekennerschreiben“.
Auch hinter dem Scheibenwischer dieses Autos klemmt das „Bekennerschreiben“. (Foto: rau)

Christina Scatella und Dennis Tilandy hatten am Donnerstag dank der leeren Reifen noch ganz praktische Probleme zu lösen. Wie kriegen sie diese wieder aufgepumpt? Und das in der prallen Mittagshitze. Zusätzlicher Stress, auf den sie getrost hätten verzichten können. Immerhin: Ihr Urlaub war bereits in Sicht. Am Freitag geht es los. Schon im Vorfeld stand fest: ohne Auto.

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