Bewohner betrunken und aggressiv: Immer mehr Polizeieinsätze in Obdachlosenunterkünften

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 Ein Obdachloser schläft neben Bierflaschen.
Ein Obdachloser schläft neben Bierflaschen. (Foto: dpa / Daniel Bockwoldt)
Ariane Attrodt

Die Zahlen sind alarmierend: Immer öfter muss die Polizei zu Einsätzen in den Obdachlosenunterkünften der Stadt Neu-Ulm ausrücken. Gab es bei den vier Gebäuden in der Leibnizstraße – allgemein unter dem Namen Nuißlheim bekannt – im vergangenen Jahr insgesamt 116 Einsätze, waren es alleine bis Ende Juli diesen Jahres schon 127. Und bei der Polizei geht man davon aus, dass viele Straftaten gar nicht gemeldet werden.

Wenn die Beamten gerufen werden, fahren sie mit mehreren Streifen zum Einsatzort – aus Sicherheitsgründen. Denn viele der Bewohner sind äußerst aggressiv und noch dazu oft betrunken sind. Nicht viel besser sieht es mit Blick auf die steigenden Einsätze bei den beiden Obdachlosenunterkünfte in der Wileystraße aus. Das soll sich nun ändern: Der Neu-Ulmer Stadtrat hat ein umfassendes Sicherheitskonzept beschlossen – und einen millionenteuren Neubau.

Sicherheitsdienst patroulliert nachts

Zwischen 21 und 6 Uhr soll bald dreimal ein Sicherheitsdienst die Lage in den Unterkünften Leibnizstraße und Wileystraße überprüfen – und die Polizei rufen, wenn er etwas entdeckt. Ein Jahr lang soll das zunächst geschehen, anschließend ein Erfahrungsbericht erstellt. Zudem wird fehlende Außenbeleuchtung nachgerüstet, die Freiflächen der Unterkünfte in Leibniz- und Wileystraße mit Video überwacht werden – allerdings nicht dauerhaft. Stattdessen soll die Polizei im einsatzfall auf die Anlage zugreifen und sehe, welche Einsatzkräfte noch gebraucht werden und die Lage bereits dann überprüfen, wenn noch gar keine Streife vor Ort ist. Zur Verbesserung der täglichen Situation wurde schon eine zusätzliche Hausmeisterstelle geschaffen.

 Die Polizei muss immer häufiger zu Einsätzen in den Obdachlosenunterkünften ausrücken.
Die Polizei muss immer häufiger zu Einsätzen in den Obdachlosenunterkünften ausrücken. (Foto: Alexander Kaya)

In der Leibnizstraße soll sich auch an den Unterkünften etwas ändern: Drei der vier Häuser – sie stammen aus den 1930er Jahren – sind in einem schlechten Bauzustand. eine Renovierung würde sich nicht rechnen, zudem ist die Zimmeraufteilung ungünstig. Duschen gibt es in den drei Gebäuden keinen, dafür müssen die Bewohner über den Hof in die vierte Unterkunft, die 2007 gebaut wurde. An dieses Gebäude soll sich nun ein Neubau anschließen.

Alle Zimmer mit Wasseranschluss

In dem neuen Haus, das fünf Stockwerke besitzen wird, sollen 50 Einzelzimmer mit jeweils 11,5 Quadratmetern sowie 17 Zweier-Zimmer mit rund 24 Quadratmetern untergebracht sein. Daneben je ein Büro für die Sozialarbeiter und den Hausmeister, eine Gemeinschaftsküche, jeweils fünf Duschen für Männer und Frauen sowie ein Technik- ein Wasch- und ein Putzraum. Nach einem Antrag der FDP-Fraktion sollen alle Zimmer einen Warmwasseranschluss bekommen, das war zunächst für die Einzelzimmer nicht vorgesehen. Ansonsten orientiert sich die Ausstattung an der des Gebäudes aus 2007, Zweier-Zimmer haben eine eigene Dusche. Der Neubau wird nach aktuellen Schätzungen 3,12 Millionen Euro kosten. Hinzu kommen 85 000 Euro für den Abriss der drei alten Häsuer auf dem Grundstück.

Zudem stieg die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren stark an, wie aus einem Bericht der Stadtverwaltung hervorgeht. Nahezu täglich sprechen Menschen vor und berichten von persönlichen Schicksalen, in deren Folge sie ihre Wohnung verloren haben. Insgesamt sind in Neu-Ulm 268 Menschen in Obdachlosenunterkünften untergebracht, 59 davon kamen in diesem Jahr neu hinzu. Für Familien hält die Stadt derzeit 39 Wohnungen vor – alle davon sind belegt.

Ulm aus einer anderen Perspektive
Bei dem Ulmer Projekt "Blickwinkel" zeigen Obdachlose in Form einer Stadtführung ihre Welt. Regio TV Schwaben hat zwei der besonderen Stadtführer begleitet.
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