Auf offener Straße verprügelt

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Ein Mann hat seine Ex-Freundin gewürgt, getreten und ihren Kopf auf den Boden geschlagen. Der Vorfall wurde jetzt vor Gericht v
Ein Mann hat seine Ex-Freundin gewürgt, getreten und ihren Kopf auf den Boden geschlagen. Der Vorfall wurde jetzt vor Gericht verhandelt. (Foto: dpa / Peter Steffen)
Alexander Rupflin

So ganz freiwillig humpelt die Zeugin mit ihrer Krücke nicht in den Zeugenstand. Bereits in der vergangenen Woche hätte sie zum Prozessauftakt erscheinen sollen – war dem aber unentschuldigt ferngeblieben. Zum Fortsetzungstermin hatte darum die Polizei die 38-jährige Frau vorgeführt.

Im Prozess geht es um gefährliche Körperverletzung: Der ehemalige Partner der Zeugin, ein 50-jähriger Lkw-Fahrer, soll die Frau schwer verprügelt, getreten und ihren Kopf auf offener Straße auf den Asphalt geschlagen haben. Das alles hatte der Angeklagte bei Prozessauftakt allerdings geleugnet. Seiner Aussage nach sei die Frau schlicht ungünstig gestürzt.

Die Frau erzählt jetzt, wo sie im Zeugenstand zugegen ist, allerdings eine ganz andere Geschichte: 2012 hat man sich kennengelernt, bald darauf muslimisch geheiratet und auch bald wieder geschieden, indem der Mann zur Frau dreimal sprach: Ich lasse mich scheiden. Die Liaison war damit aber nicht vorbei.

Kontakt zu Prostituierten

Nach einer kurzen Trennungsphase, während der der Lkw-Fahrer bei einer befreundeten Prostituierten untergekommen war und dieser 2000 Euro überließ, zog er bei der Ex-Frau wieder ein. Gestritten wurde weiterhin. Jetzt vor allem wegen der Prostituierten. Zu ihr wollte der 50-Jährige den Kontakt partout nicht abbrechen. Mehrfach wechselte die Frau das Schloss ihrer Wohnung aus, um dem Liebhaber bald darauf den neuen Schlüssel zu übergeben.

Den traurigen Höhepunkt erreichte die Beziehung am 20. Mai vergangenen Jahres: Wieder streiten die beiden wegen der Prostituierten, deren Handynummer gerade noch auf dem Handybildschirm des Angeklagten aufgeleuchtet hat. Dann möchte der Mann sich in das Führerhäuschen seines Lkws zurückziehen – er hat keine Lust auf die ewigen Diskussionen. Die Frau folgt ihm, im Lastwagen geht der Streit weiter, artet schließlich aus. „Gib endlich zu, dass du wieder mit ihr geschlafen hast“, schreit sie ihn an. Der Mann wird daraufhin handgreiflich, schlägt ihr ins Gesicht, dann schubst er sie aufs Bett im Führerhäuschen, zieht sie an den Haaren, schlägt auf sie ein, würgt sie. Er brüllt: „Dein Tod ist gekommen. Keiner kann dich aus meinen Händen retten.“ In dem Moment klingelt das Handy der Frau, ihr gelingt es, abzunehmen und nach Hilfe zu rufen.

Die Freundin am anderen Ende der Leitung alarmiert die Polizei. Darauf packt der Täter die Ex-Frau und schubst sie aus der Beifahrertür auf die Straße. Dort prügelt er weiter auf sie ein, tritt sie und schlägt ihren Kopf mehrfach auf den Asphalt, bis er irgendwann von ihr ablässt. Das Opfer muss über Nacht ins Krankenhaus. Der Frau schmerzen die Rippen, am gesamten Oberkörper und im Gesicht hat sie Prellungen und blaue Flecken, am Hals zeichnen sich Würgemale ab. Seitdem braucht sie eine Krücke: Durch den Stress und den andauernden Streit mit dem Ex-Partner sei sie angeblich an Lupus erkrankt und leide seitdem an Gelenkschmerzen.

Aber selbst nach dieser Gewalttat trifft die 38-Jährige ihren Peiniger weiter. Sie nimmt seine Post an, die nach wie vor zu ihrer Wohnung gesendet wird, wäscht seine Wäsche, kocht auch mal für ihn. Irgendwann aber reicht es ihr dann doch und sie zeigt ihn an. „Ich habe erkannt, dass er mit mir nur Katz und Maus spielt.“ Heute merkt die Zeugin, dass es ihr, jetzt wo sie sich endlich von ihrem Ex-Mann gelöst hat, „psychisch viel besser geht“.

Haftstrafe auf Bewährung

Richter Thomas Mayer befragt die Zeugin genau, möchte jedes Detail wissen – die Frau ist vorbestraft wegen falscher Verdächtigung in einem früheren Prozess. Diesmal aber scheint es keinen Grund zu geben, an der Glaubwürdigkeit der Frau zu zweifeln. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Geldstrafe. Dem Richter reicht das nicht aus. Er verurteilt den Lastwagenfahrer zu sechs Monaten auf Bewährung wegen vorsätzlicher Körperverletzung.

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