Auf den neuen Befehlshaber in Ulm wartet ein Kaltstart in Krisenzeiten

 Generalleutnant Alexander Sollfrank befehligt in Ulm das Nato-Kommando, das schnelle Truppenverlegungen organisieren kann.
Generalleutnant Alexander Sollfrank befehligt in Ulm das Nato-Kommando, das schnelle Truppenverlegungen organisieren kann. (Foto: Ludger Möllers)
Reporter "Seite Drei"

Zeit zur Einarbeitung? Generalleutnant Alexander Sollfrank, der neue Befehlshaber des für den Truppen- und Materialtransport in Europa zuständigen Nato-Kommandos namens JSEC, schüttelt den Kopf.

Er hat am 17. März in der Ulmer Wilhelmsburg-Kaserne seinen Dienst angetreten, drei Wochen nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Seither ist der 55-Jährige für den ersten großen Einsatz des Kommandos verantwortlich. 400 Soldaten aus 27 Nationen planen und koordinieren die Truppenverlegung von Tausenden Soldaten an die Ostflanke des Bündnisses: „Wir haben vom Baltikum bis nach Rumänien Kräfte eingesetzt“, erläuterte Sollfrank am Montag, „neben der Speerspitze namens VJTF acht Battlegroups.“

Im März hatten sich die Alliierten des transatlantischen Verteidigungsbündnisses unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges auf die Entsendung weiterer Truppen zur Absicherung der Ostflanke gegen einen möglichen russischen Angriff geeinigt: Bislang standen vier multinationale Battlegroups mit jeweils bis zu 1000 Soldatinnen Soldaten in Polen und den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.

Seither wird die Truppenpräsenz auf die an die Ukraine angrenzenden Staaten Slowakei, Rumänien und Ungarn sowie auf Bulgarien ausgedehnt. Hinzu kommen etwa 4000 Soldaten der sogenannten Nato-Speerspitze Very High Readiness Joint Task Force (VJTF): Sie bilden die erste Verteidigungslinie der Nato und sind innerhalb kürzester Zeit verlegbar.

Abschreckung funktioniert

In Ulm muss Sollfrank dafür sorgen, dass diese Soldaten von A nach B kommen und bestmöglich vor allem mit Treibstoff und Munition versorgt werden. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar sei auch im Ulmer JSEC-Kommando mit 400 Soldaten aus 27 Nationen eine Zeitenwende eingeläutet worden, sagt Sollfrank. Persönlich räumt er ein, es fühle sich „komisch“ an, dass es wieder Krieg gebe.

Im Nato-Sprech formuliert er den neuen „Strategischen Kompass“, der die Richtung Landes- und Bündnisverteidigung vorgebe: „Für uns ist das eine Herausforderung, nicht zu zögern und rational zu überlegen, was zu tun ist.“ Er resümiert: „Die Abschreckung funktioniert. Das kann man feststellen. Und das ist das, worauf wir uns tagtäglich konzentrieren.“

Das zweite Ulmer Kommando, das Sollfrank untersteht, ist in den vergangenen Wochen in den Hintergrund getreten. Doch wird das Multinationale Kommando Operative Führung, das für die Europäische Union tätig werden kann, schon bald wieder in den Fokus rücken. Denn die EU bekommt eine neue militärische Eingreiftruppe, deren Kern Deutschland stellen wird.

Der multinationale Verband mit bis zu 5000 Soldaten ist Teil eines neuen sicherheitspolitischen Konzepts, das die Außen- und Verteidigungsminister der 27 Mitgliedstaaten im März beschlossen haben. Darin wird festgelegt, welche Fähigkeiten die EU künftig beim Management von Konfliktsituationen haben muss. Die neue Truppe soll spätestens 2025 einsatzbereit sein. Sollfrank: „Militärisch ist das übermorgen!“

36 Jahre Erfahrungen gesammelt

Auf 20 beruflichen Stationen hat der neue Befehlshaber in Ulm seit seinem Eintritt in die Bundeswehr vor 36 Jahren Erfahrungen gesammelt. Vor dem Umzug nach Ulm war er im Auftrag des Generalinspekteurs der Bundeswehr mit den Grundsätzen zur Führung und zum Einsatz der Streitkräfte befasst.

Sollfrank, geboren in Fürth, aufgewachsen in Weiden in der Oberpfalz, spricht im ruhigen, fränkischen Tonfall. Er sei umgänglich, sagen Soldaten, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Ein typischer Gebirgsjäger, heißt es in der Truppe. Im Hochgebirge komme es auf Kameradschaft an, die Sollfrank im guten Sinne beherrsche.

Durch den Lebenslauf Sollfranks ziehen sich wie ein roter Faden Verwendungen in der operativen Führung im In- und Ausland, in denen er auf die Grundsätze der Kameradschaft aufbauen musste. Er blickt auf vier Einsätze, in Somalia, dem Kosovo und in Afghanistan zurück. Am Hindukusch war Sollfrank 2008/2009 als Kommandeur des schnellen Eingreifverbands unterwegs – und auch in Gefechten engagiert.

Er wirbt um mehr Verständnis für den Beruf des Soldaten, wie er 2018 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk formulierte: „Wie steht eigentlich unsere Gesellschaft dazu, dass die Truppe im Gefecht steht und in Operationen den Gefechtserfolg sucht? Soldaten müssen im äußersten Fall etwas tun, was westliche Gesellschaften mehrheitlich ablehnen. Sie wenden tödliche Gewalt an, weil es zum Beruf des Soldaten gehört.“

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